4. April 2010, Kolosser 3,1-4
Osternacht
Von: Andreas Chrzanowski
Lebensgestaltung im Warten auf Gottes neue Welt
Die Osternacht feiert den Übergang vom Tod zum Leben, vom Dunklen zum Licht, von der Trauer zur Freude. Die liturgischen Texte dieser Nacht variieren und vertiefen dieses Thema auf unterschiedliche Weise: vom Tohuwabohu zur geordneten Schöpfung, von der Flut zum Regenbogen, von der Knechtschaft zur Befreiung. Auch Kol. 3,1-4 schließt sich an: Der Text beleuchtet den Übergang selbst. Es geht um die Lebenseinstellung und Lebensgestaltung im Warten auf Gottes neue Welt.
Das neue Leben
New Orleans. Ich stehe am Straßenrand und beobachte den vorbeiziehenden Trauerzug. Ganz vorn die Blaskapelle. Sie spielt ein langsames trauriges Lied. Dann aber schlägt es um in eine ausgelassene fröhliche Improvisation. Die Körpersprache der Mitziehenden verändert sich. Sie klatschen, tanzen leicht und lächeln.
Hat der Glaube an den auferstandenen Christus eine Auswirkung auf unsere Einstellung zu dieser Welt und zum Leben? Während die gnostischen Gegner im Kol. keinen Gedanken mehr auf diese Welt verschwenden wollen, sieht der Briefschreiber die Welt durch die Auferstehung in einem Veränderungsprozess begriffen: verborgen, aber doch wirksam.
Wie ein Bordunton, der durch alle anderen Melodien herauszuhören ist, vollzieht sich Gottes Übergang in seine neue Welt. Und diejenigen, die ihn hören, sollen von ihm ergriffen und verändert werden.
Das neue Leben als Trost
»Ihr seid nun mit Christus auferstanden.« – Wie kann der Veränderungsprozess zum neuen Leben bei uns beginnen?
In dieser Osternacht bringen Eltern ihre Kinder zur Taufe oder lassen sich Jugendliche oder Erwachsene taufen. Dahinter steht sicherlich auch die Sehnsucht, von Gottes Wirklichkeit getragen und behütet zu werden und es in dieser Nacht auf besondere Art und Weise zu erleben. Für den Verfasser des Kol. braucht es keine besonderen religiösen Gipfelerfahrungen. Die Taufe ist Zeichen dafür, dass wir schon hineingenommen sind in Gottes neue Welt, dass der Übergang vom Alten zum Neuen bereits geschehen ist (mit Christus gestorben – mit Christus auferstanden, vgl. Kol. 2,12).
Diese Überzeugung birgt einen großen Trost für alle, die an dieser Welt leiden und daran verzweifeln. Denn unter dem, was wir an Schwachheit, Traurigkeit und Hilflosigkeit erfahren, ist schon der Bordunton von Gottes neuem Leben zu hören, und hinter dem Schrecken dieser Welt wirkt Gottes Liebe. Dass »Christus zur Rechten Gottes sitzt« und in Anlehnung an Ps. 110 Fürbitte für seine Gemeinde hält, unterstützt diesen seelsorglichen Ansatz.
Das neue Leben als Aufgabe
»Suchet, was droben ist!« Die Ausrichtung auf Gottes neues Leben soll keine intellektuelle Gedankenspielerei sein. Mit dem auferstandenen Christus verbunden zu sein bedeutet, das Leben neu zu gestalten. Was sich durch Gott im Verborgenen verändert, soll bei den Menschen sichtbar werden: der Übergang vom alten zum neuen Menschen.
Was das praktisch heißt, erklären die nachfolgenden Verse. Es empfiehlt sich, sie in die Predigt zu integrieren, um diese vor zu großer Unkonkretheit zu bewahren.
V. 5-11 benennt, was den Menschen zerstört und damit zur vergänglichen alten Welt gehört. Die neue Welt Gottes verändert sogar im körperlichen Sinne: Alle Organe sollen sich ausrichten auf die Ebenbildlichkeit mit Christus.
V. 12-17 schildert das Ganze von der positiven Seite: Das christliche Leben wird nicht geprägt von Enge, Paragraphenreiterei oder Verzicht, sondern von Fröhlichkeit, Freude an der Gestaltung dieser Welt und von Freiheit.
Das neue Leben als Ziel
»Dann werdet auch ihr offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.« Die räumlichen Begriffe »oben« und »unten« beschreiben nichts anderes als den zeitlichen Unterschied zwischen »schon jetzt« und »noch nicht«. Bei allem, was uns durch Christus bewegt: Das neue Leben hat sich noch nicht verwirklicht. Bei allen Versuchen, diese Welt zu verändern: Es bleibt stets unsere Unvollkommenheit.
Dieser Vorbehalt macht klar, dass wir auf Gott angewiesen sind. Die Offenbarung in Herrlichkeit ist ganz seine Sache. Er ist es, der den Übergang vom Dunklen zum Licht, vom Tod zum Leben bewerkstelligt und uns damit in unserem Handeln entlastet. Hierin liegt auch begründet, warum in Ostergottesdiensten Menschen zum Lachen gebracht werden, man in schwungvollen Walzerrhythmen singt und mancherorts in der Osternacht sogar getanzt wird.
Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2010
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