2. April 2010, 2. Korinther 5,14-21
Karfreitag
Von: Magdalene Simpfendörfer-Autenrieth
Die Verbindung unserer Schattenseiten mit Gott
Karfreitag
Unser Glaubensbekenntnis fasst das Geschehen des Karfreitags in einem Satz zusammen: »Jesus ist hinabgestiegen in das Reich des Todes«. Der Abstieg in das Reich des Todes ist schonungslos und hat viele Stufen: Preisgegeben, durstig, entblößt, verspottet, geschmäht und verlassen – so stirbt Jesus am Kreuz, nicht anders, als viele Menschen sterben müssen.
Hingerichtet wurde auf Golgatha ein Mensch, der für eine versöhnliche Welt eingetreten ist. Der bei den Verachteten eingekehrt war, der eine Ehebrecherin nicht verdammte und Saulus, den Verfolger, zu seinem Botschafter machte.
Die Hinrichtung am Kreuz galt als besonders schändlich. Deshalb erschien schon damals der Tod Jesu Anhängern und Gegnern als große Niederlage. Ein Märtyrer im Kampf für mehr Gerechtigkeit und Liebe? Seine Jünger fragten sich: Warum konnte sein Weg nicht anders laufen – überzeugender, siegreicher, göttlicher? Heute fragen viele Menschen, warum ausgerechnet das Kreuz, das Zeichen der Schwachheit und Hilflosigkeit, das zentrale Zeichen des christlichen Glaubens sein soll. Wer will davon etwas wissen?
Doch neben dem Befremden vermittelt der Anblick des Kruzifixus auch eine erschreckende Vertrautheit: preisgegeben, verspottet, verlassen, von Schmerzen und Zweifeln zermartert– es gibt genug traurige Geschichte um uns herum, die davon erzählen.
Im Mittelpunkt: das Kreuz
Paulus fasst die ganze christliche Botschaft zusammen als das »Wort vom Kreuz« (1. Kor 1,18.). Der vorgegebene Predigttext beleuchtet die grundlegende Bedeutung des Kreuzes und damit die Tat Christi für uns unter dem Aspekt »Versöhnung«. Als Verstehenshintergrund dient Paulus die antike Sühnopferlehre, die bisher das Bedürfnis der Menschen nach Versöhntsein mit Gott abdeckte. Doch es geht Paulus nicht um den Erweis, dass der gekreuzigte Gottessohn wirksamere Sühne oder einen höheren Grad der Erlösung erwirkt hat, sondern um den Paradigmenwechsel, der sich mit diesem Tod vollzog. »Gott war in Christus« – damit ist nicht nur eine Brücke zwischen Himmel und Erde geschlagen worden. Der Abstieg Jesu in den Tod hat diese Brücke auch am tiefsten Punkt menschlicher Existenz verankert. Der Sündenbock, der geopfert wurde, um alles von Gott Trennende in die Wüste zu schleppen, hat ausgedient. Nicht das Wegtragen unserer Schattenseiten, sondern ihre Verbindung mit Gott ist das Werk Christi für uns.
Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden
»Jesus hat meine Schuld auf sich genommen und fortgetragen.« In der Analogie von Sühnopfertradition und Kreuzesgeschehen schon die ganze Deutung des Todes Jesu ausgesagt zu sehen, ist weit verbreitet. Viele Menschen, vor allem in evangelikalen Kreisen, scheinen mit diesem Verständnis des Todes keine Mühe zu haben. Die Botschaft vom Kreuz bleibt äußerlich. Und offen bleibt, wie dieser »Schon-Entschuldet-Sein«-Gedanke rettend in ein Leben hineinwirkt. Wie er dazu hilft, Krisen durchzustehen und mit der konkreten Erfahrung von Schuld und Verlorenheit zu leben.
Die versöhnende Kraft des Kreuzes Christi, aufgerichtet in dem Wort: »Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes«(Röm. 8,39), zielt auf die ganze Existenz. Das »Wort vom Kreuz« will Menschen dazu ermutigen, das ständig Verdrängte (Schuld, Versagen, Angst, Tod) in das Leben hineinzunehmen, als zum Leben gehörend anzunehmen und vertrauensvoll in die tragende Macht der Gnade Gottes zu stellen. Diese Versöhnung kann enorme Kräfte entbinden und eine Lebenswende bewirken, die Neues hervorbringt: Dankbarkeit, Freiheit von Menschenfurcht, Freiheit zur Hingabe in Liebe, Freiheit, auch kritische Wahrheit zu äußern.
Eine tröstliche Botschaft
Wir leben in einem reichen Land, in dem alle Weichen auf Aufstieg gestellt sind. Wer nicht oder nicht mehr mitkommt, zählt zum »unteren Rand« der Gesellschaft, die nur darauf setzt, auf allen Ebenen ein gutes Bild abzugeben. Abstiegschancen werden kaum bedacht und der, den der Abstieg trifft (Alter, Krankheit, Trennung, Arbeitslosigkeit), erlebt ihn umso mehr als persönliche Katastrophe. Das Kreuzeszeichen der Versöhnung spricht davon, dass die tödlichen Verhältnisse erobert sind und lädt ein, unseren Lebensbund mit Gott auf die Tiefe hin abzuschließen. Denn dort ist Gott uns ganz nahe und wir ihm.
Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2010
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