28. März 2010, Philipper 2,5-11
Palmsonntag
Von: Klaus Schnabel
Loben aus der Tiefe
I
Ein »Christus-Drama« wird uns in diesem Hymnus vor Augen geführt, wie Käsemann es nennt (Ernst Käsemann: Kritische Analyse von Phil 2,5-11, in: Exegetische Versuche und Besinnungen I, 51ff). Christi Erniedrigung wird beschrieben als Erweis seines Gehorsams, wie er dem göttlichen Heilsplan für die Welt entspricht. Dem folgt die Erhöhung als Inthronisation (von Auferstehung ist nicht die Rede) und die Verleihung eines neuen, besonderen Namens.
II
»Seid so unter euch gesinnt« (V. 5) eröffnet nicht die Aufforderung zu einer besonderen ethischen Gesinnung; um Ethik geht es hier nicht. Vielmehr ist die Frage: Wer ist dieser Jesus Christus, der in dem Mythos in den verschiedenen Etappen Präexistenz – Inkarnation – Erhöhung beschrieben wird?
Christus gibt auf, was er wirklich besessen hat. Er wurde ein Bettler, obwohl er bis dahin reich war. Er vollbringt das Wunder, das himmlische Wesen abzulegen und das irdische anzuziehen. Er lebt in Knechtsgestalt, also in einem Dasein, das allen (bösen) Mächten ausgeliefert ist. Darum gehört der Tod Jesu zu dieser Inkarnation. Diese geschieht in freiem Willen, in Gehorsam.
Im zweiten Teil wechselt das Subjekt: Gott handelt nun und erhöht den Christus. Der bekommt einen besonderen Namen, der nicht nur Unterscheidungsmerkmal, sondern Würde und Wesen ist. Vor allem zeigt sich hier, dass das Handeln Christi, gerade durch seinen Gehorsam, die ganze Welt angeht und ein Heilsereignis ist, in dem Gott sich offenbart. Der Skopos des Hymnus lautet: Der Gehorsame ist der Kosmokrator.
III
Am Palmsonntag erzählt das Evangelium von einem Weg Jesu hinein in die Stadt Jerusalem, begleitet vom Jubel der Menschen. Dort wird seine Knechtsgestalt offenbar, bis zum Tod, zum Tod am Kreuz, wie Phil. 2,8 ergänzt. Einen Weg erzählt auch Paulus im Christushymnus. Die Richtung des Weges geht zum Kreuz, weshalb man an Martin Kählers Feststellung erinnern kann, die Evangelien seien nicht Biografie Jesu mit tragischem Schluss, sondern Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung.
Der Christus, der uns hier gezeigt wird, ist viel mehr als der Herr der Gemeinde, er ist der Herr der Welt. Das hat Konsequenzen für die Predigt. Dabei kann der Duktus des Hymnus aufgenommen werden, wir stimmen ein in die Anbetung, in Singen und Bekennen dieses Herrn. Das Hosianna der Menschen beim Einzug klingt zusammen mit dem Loben derer, die aus der Tiefe zu Gott rufen. Der Christus, der hier unterwegs ist auf dem Weg nach unten, trifft auf die vielen, die ebenfalls der Gewalt der (bösen) Mächte ausgeliefert sind. »Wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit; er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell« (EG 112,6).
IV
Dorothee Sölles Übersetzung als Interpretationshilfe: »Orientiert euch daran, was im Bereich Christi gilt. Denn er, der bei Gott war, hielt es nicht für sein Privateigentum, bei Gott zu sein. Er verließ seine Heimat, verschenkte seine Vorrechte, wurde Sklave und machte keinen Unterschied zwischen sich und anderen. Er übernahm freiwillig die Selbstentfremdung, freiwillig das Zunichte-Werden, den Tod am Kreuz. Daher hat Gott ihn endgültig beheimatet auf der Erde, er hat ihm, der eine Nummer geworden war, einen Namen gegeben, der für alle gilt, damit auf der Erde und im Weltraum in diesem Namen die Fremdherrschaft ein Ende hätte und Mut aufkäme zu sagen, dass Jesus recht hat. Denn das ist gut für Gott.«
Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2010
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