21. März 2010, Hebräer 5,7-9
Judika

Von: Claudia Trauthig

Wahrer Gehorsam?

I
Der Predigttext des 5. So. d. Passionszeit ist das finale Konzentrat der Ausführungen des Hebr. unter der Überschrift »Christus – der wahre Hohepriester«. Bewusst verzichtet die Perikopenordnung jedoch auf diesen Begriff – in der Predigtvorbereitung wird zu klären sein, ob man ihn nicht doch heranzieht.
Beim ersten Lesen klingt der Predigttext nach Blut und Tränen; kein Bibelabschnitt, der die Herzen leicht macht. Zu Recht ist diese Perikope der Passionszeit zugeordnet. Thema des Sonntags ist »das Lamm Gottes«. Mitten in der Passionszeit kommt die Gemeinde den Leiden Christi nah und wird mit schwerwiegenden christologischen Fragen konfrontiert. Schlüsselwort ist »Gehorsam«, υπακουα, das sich nicht anders als eben so übersetzen lässt – in erster Linie gemeint ist der Gehorsam des Sklaven gegenüber dem Herrn(!).

II
»Warum unsere Kinder Tyrannen werden«, »Lob der Disziplin« oder ähnlich heißen Bestseller der letzten Zeit. Angesichts einer Jugend, die es den Erwachsenen scheinbar immer schwerer macht, weil sie es schwer hat, wird der Ruf nach alten Werten, oben und unten, lauter. Dem widersteht das aus den grauenvollen Erfahrungen des letzten Jahrhunderts erwachsene Diktum der Philosophin Hannah Arendt: »Es gibt kein Recht zu gehorchen.«
Ein sensibles Nachspüren jenes im Hebr. illustrierten Gehorsams Christi als »vollendet heilsam« für den Menschen, besonders den gefährdeten Ohnmächtigen, könnte eine Herausforderung für die Predigt sein. Inwiefern lässt sich dieser Gehorsam vortrefflich mit Arendts wichtiger Maxime vereinbaren und unterstützt gerade so auch das gute Mitein­ander der Generationen und zukunftsfähige Bildungsarbeit für die Jungen? Vielleicht ist da nicht der zunächst vermutete garstige Graben? Vielleicht geht es hier im Hebr. weder um Kadavergehorsam, noch und erst recht nicht um eine christlich verbrämte Leidens­ideologie?
Eine Möglichkeit wäre, den klassischen Weg der Homiletik in der Auseinandersetzung mit dem Hebr. zu wählen und sich der theo­logischen Neuerschließung »Christus als der wahre Hohepriester« zu widmen. Meine Erfahrung ist jedoch, dass die Gemeinde – oder zumindest Teile – durch eher unerwartete theologische Präzisionsarbeit regelmäßig »abhängt«, statt sich in ihren Lebensfragen und -themen und dem sonntäglichen Erholungsbedürfnis angesprochen zu erleben.
Darum möchte ich die Situation der bedrängten, ja verfolgten Gemeinde des Hebr. unterlegen durch die unmittelbar an den Text angrenzende Diagnose der »schwerhörigen« oder« harthörigen« Gemeinde. Die sich zu Christus Bekennenden sind nicht ungefährdet in der Lage, das Wort zu hören, dem Wort zu vertrauen. Gehorsam leitet sich griechisch wie deutsch von horchen, hören ab. Es geht also um das wahre Hören. These I der Barmer Theologischen Erklärung könnte eine hilfreiche Brücke zum Verstehen bieten. Wer sich außerdem anhand der Konkordanz auf die Suche nach biblischen Belegen für diese beschwerte Vokabel (»Gehorsam«) macht, erkennt, dass Gehorsam substantivisch (fast) ausschließlich auf Gott bezogen ist.


III
Aus der Kunstgeschichte anregend provokant ist immer wieder Max Beckmanns »Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen«. Die Auseinandersetzungen mit den Risiken und Verwerfungen durch einen nicht zuletzt auch christlich legitimierten oder gar abgesegneten (Kadaver-)Gehorsam sind zahlreich. In jüngster Zeit wäre z.B. der preisgekrönte Film »Das weiße Band« zu nennen.
Für die christliche Aneignung bzw. Neuerschließung des problembehafteten Begriffs »Gehorsam« (auf die Wahrheit hören) könnte auch ein Zitat Dante Alighieris aus der Göttlichen Komödie fruchtbar gemacht werden: »In Seinem Willen ist unser Friede.« (Paradies 3, 85)

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2010

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