14. März 2010, 2. Korinther 1,3-7
Laetare

Von: PD Dr. Peter Haigis

Vita compensativa

Leben leidet Beschädigungen und Beschädigungen wollen auf eine angemessene Weise verarbeitet, ja überwunden werden. Auf der Basis dieser existentiellen Grundeinsichten begegnen wir der Botschaft des Paulus in 2. Kor. 1. Sie bilden das Prae einer Hermeneutik des Einvernehmens mit Paulus. Spannend und kritisch wird es im Blick auf die Frage nach dem »Wie« der Kompensation beschädigten Lebens. Dass es Situationen geben mag, in denen Heilung, wirkliche Veränderung der Leidensbedingungen, Freiheit von Leid nicht in Aussicht steht, sei zugestanden. Doch was folgt daraus? Eine Einverständniserklärung mit den (scheinbar) unabwendbaren Bedingungen des Daseins? Die Fügung ins vermeintliche Schicksal oder – theologisch wie anthropologisch keineswegs einfacher – in Gottes unergründlichen Willen? Eine Wendung in die Innerlichkeit mit der verheißungsvollen Perspektive einer inneren, subjektiven Überwindung der objektiven, d.h. (mir) entgegenstehenden Widerfahrnisse? Oder gar die Revolte (»Macht kaputt, was euch kaputt macht!«) bis hin zum dann möglicherweise notwendigen Gottesabschied?

Der Predigtabschnitt ist sprachlich ein Kunstwerk. Eine nähere exegetische Betrachtung des Urtextes lohnt schon aus ästhetischen Gründen. Auf dreierlei will ich aufmerksam machen:
Im Zentrum stehen drei Begriffe. Zwei dienen der Umschreibung von Leiderfahrungen: θλιψις (und verbale Ableitung) verwendet Paulus dreimal, παθηματα (plus verbale Ableitung) viermal. Während θλιψις auf den (Gemüts-)Zustand der Christen bezogen wird, changiert der Ausdruck παθηματα als Chiffre für das bei Paulus soteriologisch aufgeladene Leiden Christi (V. 5) und dem daraus folgenden Märtyrerleiden der Christen. Der dritte Zentralbegriff ist παρακλησις (mit verbalen Ableitungen), im Predigtabschnitt zehnmal von Paulus verwendet. Schon die Aufzählung macht deutlich, dass das uns vielleicht redundant erscheinende Vokabular des Paulus die inhaltliche Aussage verstärkt: der viel größere Reichtum des Trostes gegenüber dem theologisch gedeuteten Leid wie erst recht gegenüber der subjektiven Befindlichkeit der Trübsal.
Die Verkettung der Erfahrungen von Leid und Trost zwischen Paulus und der Gemeinde in Korinth: Mehrfach wechselt das Bezugsnomen und bringt damit die Teilhabe zum Ausdruck, die abschließend in V. 7 ausgesprochen wird (V. 4.6a.6b.6c). Dabei geht die Dynamik vom Apostel (und seinem Mitarbeiter) hin zu seiner Gemeinde.
Die communicatio der Leiden Christi und des Trostes Gottes: Paulus und die Christen in Korinth haben Anteil an den Leiden Christi wie an den Tröstungen Christi (V. 5.7) und werden teilhaftig des »Gottes allen Trostes« (V. 3f).
Paulus bietet der Gemeinde in Korinth auf zweifacher Ebene »Kompensation« an: einmal christologisch als Deutung des Leidens als Leiden mit Christus um Christi willen, sodann theo-logisch oder (johanneisch: der Geist als Paraklet) pneumatologisch als Gabe des Trostes um der Erfahrung von Leid willen. In jedem Fall geht es nicht um eine Jenseitsvertröstung: Die Erfahrung von Trost ist so präsent wie des Leidens!

Bleibt die Frage: In welche Leidsituationen hinein sprechen wir welchen Trost zu? Die Erfahrungen von Leid haben sich gegenüber damals an einer Stelle deutlich gewandelt: unser Gemeindedasein hat mit dem Martyrium der frühen Christen nichts gemein. Dennoch gibt es anders gelagerte Leiderfahrungen, die angesprochen werden können – nicht nur individuelle, die seelsorgerlich stereotypisiert werden, sondern auch kollektive, die der teilnehmenden compassio und der teilgebenden consolatio bedürfen (ich persönlich denke an einen Suizid, der unsere Gemeinde erschüttert hat). Der Trost Gottes sollte in der Predigt »in gedeckter Währung ausgezahlt« werden. Getreu nach Paulus: Trost kann anderen nur geben, was mich selber getröstet hat und noch tröstet!

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2010

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