Von den Sorgen um die Zukunft der Kirche
»Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe«

Von: Christian Möller
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Der Umbau der norddeutschen Landeskirchen zur »Nordkirche« hat manche in Sorge ­gestürzt, was diese Nordkirche bringen wird. Statt die Sorgen großzuschreiben, sucht Christian Möller zunächst bei Kierkegaards Analyse der Sorge Rat, um sodann die Zukunft der Kirche in der Geistesgegenwart des Glaubens in den Blick zu nehmen.1

1.  Die Sorge des Heiden und das Heute des Christen

Im Jahr 1848 veröffentlichte Sören Kierkegaard 28 »Christliche Reden«, unterteilt in vier Hauptteile, die je 7 Reden enthalten. Der erste Hauptteil ist überschrieben: »Die Sorgen der Heiden«. Was für Heiden? Kierkegaard meint Menschen, die sich Christen nennen, sich aber tatsächlich wie Heiden verhalten, weil sie verzweifelt um ihre Zukunft besorgt sind und sich eben so verhalten, wie Jesus es in der Bergpredigt zum Ausdruck bringt: »Nach solchem allem trachten die Heiden«. Heiden sind also solche, die faktisch leben, als seien sie ohne Gott in der Welt und ganz auf sich selbst gestellt. Das nennt Kierkegaard »Heidentum«: So mit der Zukunft umgehen und sie planen, als gehöre sie ihnen.

Das Heidentum bekommt den heutigen Tag gar nicht in den Blick, weil es von der Sorge um den nächsten Tag, um das Morgen, um die Zukunft beherrscht wird, als gebe es gar keinen Gott, der mir mit seiner Ewigkeit den Rücken frei hält und für morgen sorgt. Nein, ich muss mir selber Sorgen um die Zukunft machen, wie die deutsche Sprache bezeichnenderweise diese Art von Sorgen nennt, während sie die Aufgaben, die mir dieser Tag mit seiner Plage stellt, Besorgungen nennt. Die täglichen Besorgungen erledige ich freilich nur hastig und mit linker Hand, wenn mir eigentlich das Morgen und d.h. die Zukunft Sorgen macht. Kierkegaard sagt es auf seine Weise so: »Wie der Christ beständig vom »Heute« spricht, so der Heide beständig nur vom »Morgen«. Es macht für den Heiden eigentlich gar nichts aus, wie das Heute ist, ob froh oder düster, glücklich oder unglücklich; er kommt nicht dazu, den heutigen Tag zu genießen oder überhaupt zu gebrauchen, denn er vermag sich nicht von der unsichtbaren Inschrift an der Wand abzuwenden: »morgen«. »Morgen werde ich vielleicht darben, auch wenn mir heute nichts fehlt; morgen werden mir vielleicht Diebe meinen Reichtum stehlen oder Verleumder meine Ehre, Kränklichkeit meine Schönheit, die Tücke des Schicksals mein Glück – morgen, morgen« (70).

Dieses »morgen«, das heute ja gar nicht existiert, sei aber in Wahrheit eine Einbildung der Angst: »Der nächste Tag ist ein ohnmächtiges Nichts, wenn du ihm nicht selbst deine Kraft leihst. Und wenn du ihm ganz alle deine Kraft gibst, bekommst du auf eine traurige Weise zu erfahren, wie stark du bist, und welch ungeheure Macht ist nicht der nächste Tag! Dieser nächste Tag, dem der Heide mit Grauen in der Seele entgegengeht, widerstrebend wie einer, der zur Richtstätte geschleppt wird … So verzehrt der Heide sich selbst, oder so verzehrt ihn der nächste Tag«.

Das bringt Kierkegaard zu der These: »Heidentum ist Selbstquälerei«. Er denkt dabei auch an seine eigenen Sorgen, die er sich mit der ihn ganz und gar bestimmenden Vorstellung gemacht hat, es werde ihm ergehen wie seinen Schwestern, die im 33. Lebensjahr gestorben sind. Seine ganze Lebensplanung war auf diese Vorstellung ausgerichtet; er hatte 1845/46 eine »abschließende unwissenschaftliche Nachschrift« verfasst, an deren Ende er sich persönlich outete, hinter den Pseudonymen seiner Schriften wie etwa Frater Taciturnus oder Johannes Climacus oder Vigilius Haufniensis stehe niemand anderes als er selbst. Er hatte großzügig das Vermögen seines Vaters verbraucht und stand plötzlich am 5.5.1847 völlig überrascht vor der Tatsache, dass er seinen 34. Geburtstag hatte. Ungläubig lief er zu der Kirche, in der er getauft worden war und bat um das Taufregister, um sich zu überzeugen, ob er tatsächlich 34 geworden war. Ihm wurde mehr und mehr deutlich, dass er einem wahrhaft heidnischen Wahn aufgesessen war, einer Angst vor dem Morgen, mit der er sich selbst gequält hatte. Er wusste also, wovon er schrieb, wenn er das Heidentum, das in jedem Menschen steckt, eine Selbstquälerei nannte. Und welche Konsequenz zog Kierkegaard für sich selbst und seine weitere Lebensplanung aus seiner heidnischen Selbstquälerei? In seinem Tagebuch aus jener Zeit findet sich die Notiz: »Ich habe jetzt wohl noch an die 30 Jahre zu leben, oder vielleicht 40, oder vielleicht nur einen einzigen Tag; deshalb habe ich mich entschlossen, diesen Tag zu gebrauchen, oder, was ich sagen wollte, diese 30 Jahre, oder was ich sagen wollte, diesen Tag, den ich vielleicht noch zu leben habe – ich habe mich entschlossen, ihn derart zu gebrauchen, das, wenn sonst kein einziger Tag in meinem Leben wohl angewandt wäre, dieser es mit Gottes Beistand doch sein soll«. (Tagebuch 2, 204)

In diesen Tagebuchzeilen ironisiert Kierkegaard den heidnischen Umgang mit seiner Zukunft. Es blitzt zugleich das auf, was er sich unter einem christlichen Umgang mit Zeit vorstellt: diesen Tag heute zu gebrauchen, ja ihn auszukosten, heute da zu sein. Ist das nicht jedem Menschen möglich? Ja, es ist jedem Menschen möglich und gelingt doch keinem, der es aus eigener Kraft versucht. Ich bin viel zu sehr auf mich selbst und meine Sorgen fixiert, als dass ich es schaffte, aus eigener Kraft in diesem Tag heute zu bleiben, diesen Tag heute zu genießen. Meine Gedanken laufen mir immer schon in die Einbildung meiner Zukunft weg – und schon bin ich heute nicht mehr da, sondern bin ein Gefangener meiner Sorgen, die ich mir mache. Ich kann nur, wie Kierkegaard schreibt, mit »Gottes Beistand« im »Heute« bleiben und diesen Tag wirklich auskosten, weil ich »mit Gottes Beistand« um meine Zukunft ausgesorgt habe und die Sorgen, die ich mir mache, auf IHN und seine Ewigkeit werfe. Das sagt sich wohl leicht, und so mancher stellt es sich vielleicht als den Wunschtraum seines Lebens vor. Kierkegaard aber ist ein Denker der Existenz und d.h. Vorstellungen, Redensarten und Wunschträume befragt er unerbittlich darauf, ob sie auch der Einstellung meiner Existenz entsprechen und in meiner Lebensbewegung tatsächlich zum Ausdruck kommen. Da zeigt sich, was Christ-sein heißt: Heute da sein. Da zeigt sich aber auch, was Heide sein heißt: Auf Morgen fixiert sein.

Es kommt auf die Einstellung an, die den Umgang des Heiden vom Umgang des Christen mit der Zukunft unterscheidet. Die Einstellung des Heiden, der ganz auf sich gestellt ist, führt unvermeidlich zu einem Berechnen der Zukunft, woraus dann ebenso unvermeidlich die Sorge vor einer derart geplanten Zukunft und eine Abwesenheit im Heute hervorgeht. Die Einstellung des Christen erfolgt aus einer Umkehr, die zugleich Abkehr von der Zukunft und Einkehr ins Heute mit sich bringt. Diese Umkehr ist dem Menschen freilich nur im Glauben möglich, dass für ihn zukünftig gesorgt ist, so dass er den Rücken frei hat und sich diesem Tag mit seinen Besorgungen ganz und gar zuwenden kann.

Der Christ könne seine Einstellung zu diesem Tag heute freilich nur durchhalten, so fährt Kierkegaard in seinen Überlegungen fort, wenn er sie immer wieder neu in der Nachfolge dessen lerne und einübe, der um das täglich Brot heute zu beten lehrt und dem Schächer am Kreuz verspricht: »Heute wirst du mit mir im Paradiese sein«, und dem Nachfolger in der Bergpredigt zuspricht: »Es ist genug, dass jeder Tag seine Plage habe«. Allein auf sich gestellt fällt der Christ unweigerlich in sein altes Heidentum zurück, die Zukunft verplanen zu wollen und sich auf diese Weise mit Sorgen selbst zu quälen. Kierkegaard sagt es noch drastischer: »Wer wäre nun wohl auch so grausam, wie der selbstquälerische Mensch es gegen sich selbst ist! Aber alle seine grausam erfundene und grausam ausgeübte Selbstquälerei fasst sich zusammen in dem einzigen Wort »Der nächste Tag«. Die Sorge, so bringt Martin Heidegger Kierkegaards Gedanken kurz und bündig auf den Begriff ist ein »Sein zum Tode«.

2.  Futurische und adventliche Einstellung zur Zukunft

In Kierkegaards Rede von der »Sorge der Selbstquälerei« wird deutlich, wie nicht nur ein einzelner Christ, sondern wie eine ganze Kirche mit Hilfe von Zukunftsplanungen ins Heidentum zurückfallen kann und sich selbst in tiefe, abgründige Sorgen um das Morgen verstrickt. Unsere evangelische Kirche scheint mir eine zutiefst um sich selbst besorgte Kirche geworden zu sein.

2.1 Das Dogma der Hochrechnung

Die Sorge zog in die Evangelische Kirche in Gestalt einer Hochrechnung ein, die 1986 zum ersten Mal in einer EKD-Planungsschrift auftauchte: »Christ-sein gestalten«. Dort heißt es, im Jahr 2030 werde die EKD ein Drittel ihrer Mitglieder verloren haben und nur noch über die Hälfte ihrer Finanzkraft verfügen können. Diese These basiert auf Hochrechnungen, die 1986 zunächst noch vage und behutsam in den Raum gestellt wurden. Inzwischen hat sich diese Hochrechnung aber so sehr verselbstständigt, dass sie wie ein Faktum, ja wie ein Dogma nicht nur von Kirchenplanern gehandhabt wird. Wer dieses Dogma bezweifelt, gilt als Träumer, denn er will nicht wahrhaben, was auf die Evangelische Kirche scheinbar unweigerlich zukommt und deshalb mit entsprechender Planung bedacht und mit entsprechenden Reformen rechtzeitig angegangen werden muss.

In diesem Sinn folgte nach vielen Planungs- und Strategiepapieren in einzelnen Landeskirchen 2006 das Impulspapier einer EKD-Kommission, das noch einmal den Ernst der Lage angesichts der Zukunftsprognosen bis 2030 einschärfte und zu einem entsprechenden »Mentalitätswandel« in der Evangelischen Kirche aufrief, aus dem entsprechende Handlungskonsequenzen hervorgehen sollen: Die Zahl der Landeskirchen müsse verkleinert und die Ortsgemeinden reduziert werden, damit neue Profilgemeinden wie Citykirche, Jugendkirche, Kulturkirche etc. entwickelt werden können und die Kirche sich möglichst modern und zeitgemäß aufstellt.

Klar, dass nun Reformer und Gemeindeentwickler kamen und zu Erneuerungsprogrammen und Aktionen aufriefen, die die Lähmung durchbrechen sollten: »Wachsende Kirche!«, »Kirche 2.0«, »Neu anfangen!«, das »Evangelische München-Programm«, »Das Evangelische Nürnberg-Programm« usw. Was diese und ähnliche Reformprogramme, Aktionen und Initiativen verbindet, ist der entschlossene Wille, den Abwärtstrend der Evangelischen Kirche zu durchbrechen und »wider den Trend zu wachsen«. Was freilich alle Programme und Aktionen vereint, ist der Geist der Sorge, der bewusst oder unbewusst in ihnen steckt. Dem Bann der Sorge entkommen sie nicht. Deshalb treten nach einer Zeit der Euphorie allmählich Zeichen von Müdigkeit und Erschöpfung auf, bis die Resignation wieder einkehrt. Dann kommt unweigerlich ein neues Aktionsprogramm, das wiederum Euphorie auslöst, allmählich aber auch Müdigkeit und Erschöpfung mit sich bringt usw. So kommt es zu dem, was Isolde Karle in ihrem mit Recht viel beachteten Buch »Kirche im Reformstress«, Gütersloh 2010, treffend beschreibt: »Das Grundproblem vieler Kirchenreformprogramme ist, dass sie zuviel Steuerbarkeit und Planbarkeit unterstellen, dass sie Prozesse organisieren wollen, die sich nicht organisieren lassen. Die Kirche manövriert sich dadurch in einen Aktivismus hinein, der große Frustrationen hervorrufen und die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erschöpfen, auslaugen und überfordern wird«. (257)

2.2  Das Buhlen mit dem Reformieren-Wollen

Kierkegaard sieht das Grundproblem eines erschöpfenden Reform-Aktivismus m.E. noch schärfer, wenn er angesichts ganz ähnlicher Versuche, die Kirche seiner Zeit zu reformieren, im Jahr 1851 schrieb: »So laß es denn so laut wie möglich gesagt sein, und, o, daß es doch überall gehört werden möchte, und gebe Gott, daß überall da, wo es gehört worden ist, es auch mit Ernst bedacht werde: das Böse in unserer Zeit ist nicht das Bestehende mit seinen vielen Mängeln, nein, das Böse in unserer Zeit ist gerade: diese böse Lust, dies Buhlen mit dem Reformierenwollen, diese Verfälschung, daß man reformieren will ohne leiden und Opfer bringen zu wollen, diese leichtfertige Eingebildetheit, die reformieren können will, ohne eine Vorstellung, geschweige denn eine erhabene Vorstellung davon zu haben, wie ungemein erhaben der Gedanke ›zu reformieren‹ ist; diese Heuchelei, die das Bewusstsein der eigenen Untauglichkeit flieht, indem sie sich viel zu schaffen macht mit der Zerstreuung, die Kirche reformieren zu wollen, wozu unsere Zeit am allerwenigsten taugt. Als die Kirche einer Reformation bedurfte, da meldete sich niemand, da gab es kein Gedränge, um mit dabei zu sein, nur ein einsamer Mann, der Reformator, ward in aller Stille mit Furcht und Zittern und viel Anfechtung streng dazu erzogen, das Außerordentliche in Gottes Namen zu wagen. Jetzt ist da ein Getöse, als wäre es auf einem Tanzboden, damit, daß alle reformieren wollen; das kann nicht Gottes Gedanke sein, sondern ist ein läppisches Fündlein der Menschen, weshalb denn auch an Stelle von Furcht und Zittern und viel Anfechtung es Hurras gibt, Bravos, Beifallklatschen, Abstimmung, Juchhei, Rundgesang, Spektakel – und blinden Lärm.«2

Kierkegaards Protest richtet sich gegen »diese böse Lust, dies Buhlen mit dem Reformierenwollen«. Die nächstliegende Gegenfrage lautet natürlich: Was denn sonst, wenn nicht eine gut durchdachte Kirchenreform?! Vielleicht hat ja Isolde Karle Recht, wenn sie Kirchenreformprogramme kritisiert, die zu viel Steuerbarkeit und Organisierbarkeit unterstellen und deshalb noch nicht gut genug sind. Kierkegaard aber ist darin radikaler, dass er nach der Einstellung fragt, mit der die Kirche reformiert wird und deshalb »diese böse Lust, dies Buhlen mit dem Reformierenwollen« einerseits gegen die »Stille, Furcht und Zittern und die Anfechtung« des Reformators andererseits stellt, der auf Gottes Ruf achtete und den Kairos zur Reform beachtete.

Deshalb steht für Kierkegaard vor der Frage nach Vorstellungen, wie man die Kirche am besten reformieren kann, die viel tiefer liegende Frage nach der Einstellung derer, die Kirchenreformprogramme entwerfen: Ist es die Einstellung des Heiden, der sich Sorgen um Morgen macht? Dann zittert in seinen Programmen so oder so immer schon die lähmende Angst vor dem Defizit. Oder ist es die Einstellung des Christen, der sich genug sein lässt an der Plage, die jeder Tag mit sich bringt. Dann schwingt in seinen Schritten die Freiheit eines Christenmenschen mit, der sich um sich selbst ausgesorgt hat, weil ihm sein Rücken durch das Kommen von Gottes Ewigkeit in die Zeit frei gehalten wird. Die Einstellung des Heiden ist futurischer Art, die Herrschaft über die Zukunft als das ihm zur Verfügung stehende Futurum ausübt. Die Einstellung des Christen ist adventlicher Art, weil sie Zukunft als das Zukommen von Gottes Ewigkeit in die Zeit versteht.

Hilfreicher aber als Begriffe ist in dieser Einstellungssache wohl ein Bild, wie Kierkegaard es in seiner Rede vor Augen bringt, um die Einstellung des Christen zur Zukunft zu beschreiben: »Wer ein Boot rudert, wendet dem Ziel, dem er doch zustrebt, den Rücken zu. So mit dem nächsten Tag. Wenn ein Mensch mit Hilfe des Ewigen sich in den heutigen Tag vertieft, wendet er dem nächsten Tag den Rücken zu. Je mehr er sich in den heutigen Tag ewig vertieft, desto entschiedener wendet er dem nächsten Tag den Rücken zu, so daß er ihn überhaupt nicht sieht. Wendet er sich um, so verwirrt sich das Ewige vor seinem Auge und wird der nächste Tag. Wer aber, um energisch dem Ziel (der Ewigkeit) zuzustreben, ihm den Rücken zuwendet, sieht den nächsten Tag ja nicht, während er dann mit Hilfe des Ewigen ganz deutlich den heutigen Tag sieht, die Aufgabe, die der ihm stellt. Um die richtig in Angriff zu nehmen, muß der Mensch so gestellt sein. Das kann einen ja nur zerstreuen und hemmen, daß man jeden Augenblick ungeduldig nach dem Ziel sieht, ob man dem etwas näher und wieder etwas näher komme. Nein, sei nur für ewig und im Ernst entschlossen, so wendest du dich ganz der Arbeit zu und dem Ziel den Rücken. So ist man gestellt, wenn man ein Boot rudert, und so ist man gestellt, wenn man glaubt.«

3. Planen, als plante man nicht

Was kann ich, was kann eine ganze Kirche tun, um den selbstquälerischen Geist der Sorge zu vertreiben, die mich auf den morgigen Tag und eine ganze Kirche auf das Jahr 2030 fixiert? Lassen wir noch einmal Kierkegaard antworten: »In einer Bibliothek in Spanien soll man ein Buch gefunden haben, auf dessen Rücken stand: ›Das beste Mittel gegen Ketzer‹. Man öffnete es, oder vielmehr man wollte es öffnen; und siehe da: es war gar kein Buch, es war nur ein Futteral, worin eine Peitsche war. Sollte man ein Buch schreiben: ›Das einzige Mittel gegen Selbstquälerei‹, so genügte das Wort: ›Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage habe‹. Darum spricht der Christ, wenn er betet, nur von dem heutigen Tag. Er bittet, daß ihm das tägliche Brot heute gegeben werde, seine Arbeit heute gesegnet werde, er heute sich nicht in das Böse verstricke, heute Gottes Reich näher komme … Wird es vergessen, so kommt sofort der nächste Tag« (67) und mit ihm die Selbstquälerei des Heidentums, das sich in die Angst vor dem morgigen Tag verstrickt.

3.1 Den Geist der Sorge austreiben

Wie sieht das nun aber praktisch aus, dass der Geist der Selbstquälerei vertrieben wird und so etwas wie Geistesgegenwart angesichts der Plage jedes Tages einzieht? Ein persönliches Beispiel aus den ersten Jahren meiner Zeit als Praktischer Theologe an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal, wo Dozenten und Studenten an einem Campus zusammen lebten: Nach den Stürmen der 68er Jahre wollten kaum noch Studenten Theologie studieren. Die Hochschule wurde klein und kleiner; der Ephorus hatte schon prognostisch ausgerechnet, wann das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Da fragte mich ein Studienanfänger besorgt: »Meinen Sie, dass ich vielleicht einer der letzten Theologiestudenten bin?« Meine Antwort: »Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe. Lernen Sie jetzt erst mal die alten Sprachen!« 5 Jahre später begannen so viele junge Menschen mit dem Theologiestudium, dass der Begriff »Theologenschwemme« (welch unschönes Wort!) die Runde machte. Jener Theologiestudent hatte bereits die Sprachprüfungen glänzend bestanden, da er sich ganz auf diese Aufgabe konzentriert hatte. Er stand jetzt kurz vor dem 1. Examen, sah die Massen, die nunmehr zum Theologiestudium drängten, sodass er wieder besorgt zu mir kam und fragte: »Glauben Sie, dass ich noch eine Pfarrstelle kriege?« Meine Antwort: »Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe. Machen Sie jetzt erst einmal Ihr Examen!« Er bestand es mit Glanz und Gloria und bekam eine Pfarrstelle in der Nähe von Göttingen. Er musste jedoch erleben, dass seine Stelle wie sein Gehalt auf die Hälfte reduziert wurden, da sein Dorf nur noch 1200 Kirchenmitglieder hat. Wieder fragte er besorgt per Telefon bei mir an, ob das wohl für ihn reichen werde. Meine Antwort: »Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe. Seien Sie jetzt einfach für die Menschen Ihrer Gemeinde da!« Schon bald merkten die Menschen seiner Gemeinde, wie ihr neuer Pfarrer für sie da war, und sie sammelten für ihn das übrige Gehalt und gründeten eine Stiftung »Kirche im Dorf«, sodass er seitdem bestens versorgt ist. In dem Dorf ist inzwischen so etwas wie eine »Erweckung« eingetreten: Die Kirche ist am Sonntag voll; die Konfirmanden kommen nach ihrer Konfirmation in die Jugendarbeit; unter der Woche finden Taize- und andere Wochengottesdienste statt; der Höhepunkt des Jahres ist eine Ökumenische Bibelwoche, die von etwa 200-300 Menschen besucht wird. Als dieser junge Pfarrer vor etwa 10 Jahren in seine Pfarrstelle eingeführt wurde, wurde ich auch eingeladen, um im Einführungsgottesdienst das Evangelium zu lesen. Es lautete, wie jener Pfarrer sich ausdrücklich gewünscht hatte: Sorget nicht für den morgigen Tag. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe.« Im Anschluss an den Gottesdienst war großer Festkaffee im Dorfgemeinschaftshaus, wo jener junge Pfarrer noch einmal allen erzählte, wie der Geist der Sorge aus ihm vertrieben worden sei.

Kürzlich bekam ich von den Jugendlichen seiner Gemeinde eine Mail mit folgendem Wortlaut: »Die evangelisch-lutherische Martin-Luther-Kirchengemeinde ist eine kleine, aber sehr lebendige Gemeinde in Südniedersachsen im Gebiet der Hannoverschen Landeskirche. Wir Jugendlichen durften und dürfen so viel Segensreiches in dieser Gemeinde und mit unserem Pastor erleben. Im Konfirmandenunterricht, während unserer Konfirmandenfreizeiten, im Jugendbibelkreis, in der Jugendgruppe, als Mitarbeiter der Gemeinde, im Gottesdienst und bei vielen anderen Veranstaltungen erfahren wir immer wieder, dass Jesus Christus für uns da ist und nur er uns etwas geben kann, was unser Leben trägt. Wir erleben so vieles, was uns in unserem Glaubensleben prägt, wunderbare Erlebnisse und Begegnungen, Gebete und Gespräche. Das ist bei uns möglich, weil ein Pastor vor Ort ist, der sein Leben und seinen Glauben mit uns Jugendlichen teilt und feiert, ein Pastor in unserer Mitte, der jederzeit für uns da ist. Mit unseren Sorgen, Fragen und Problemen, aber auch mit unseren Freuden finden wir immer ein offenes Ohr im Pfarrhaus. Wir erleben unsere Kirchengemeinde als einen Ort, an dem Jesus Christus wirklich gegenwärtig ist, an dem wir ernst genommen werden und an dem wir Orientierung und Halt finden. Wir wollen dabei mithelfen, dass auch Jugendliche nach uns dies erleben können. Deshalb brauchen wir Ihre Unterstützung. Das Problem: Unsere Gemeinde hat mit 1300 Gemeindegliedern nur noch eine halbe Pfarrstelle. Ein Förderverein und seit 2003 auch eine neu gegründete Stiftung ›Kirche im Dorf‹ helfen bei der Finanzierung, damit wir eine volle Pfarrstelle haben. 370.000 Euro Kapital hat die Stiftung in sieben Jahren schon eingeworben. Wir brauchen mittelfristig 700.000 Euro Kapital, damit wir aus den Erträgen verlässlich eine volle Pfarrstelle sichern können. Bitte helfen Sie uns, dass unsere Gemeinde auch in Zukunft so lebendig bleibt, dass Jugendliche – aber auch Kinder, Erwachsene und ältere Menschen – wieterhin Gottes Gegenwart an diesem Ort feiern können.«

3.2 Gott feiern

Nun mag man einwenden, es klappe vielleicht bei einem einzelnen Menschen, den Geist der Sorge zu vertreiben. Wie aber sieht das bei einer ganzen Kirchengemeinde aus? Lässt sich der Geist der Sorge vertreiben, der in eine ganze Gemeinde gefahren ist? Ich möchte von einer Gemeinde aus Oberbayern erzählen, die sich zur Aufgabe gemacht hat, was auch im Logo der Gemeinde steht: »Gott feiern«. Die Gemeinde, so berichtete mir ein Kirchenvorsteher, wachse seit längerer Zeit nicht nur zahlenmäßig und finanziell, sondern vor allem geistlich. Die geistliche Qualität habe sich in dem Logo der Kirchengemeinde niedergeschlagen: »GOTT FEIERN« – das sei nicht nur ein schönes Logo, sondern ziehe sich tatsächlich wie ein roter Faden vom Gottesdienst her durch alle Bereiche der Gemeindearbeit. Gottes Gegenwart werde vor Ort nahe bei und mit den Menschen gefeiert. Hier gilt also nicht mehr das unausgesprochene Motto vieler Kirchengemeinderäte und Pfarrkonferenzen: »Wo zwei oder drei in Kirchens Namen versammelt sind, da ist ein Problem in ihrer Mitte!« Es gilt vielmehr, dass die Kirchengemeinde in allen ihren Bereichen und Kreisen Gottes Gegenwart feiert. Hier hat nicht die Sorge die Herrschaft: »Wie kommen wir bei den Leuten an?« Es gilt vielmehr: »Hier wird Gott um Gottes willen gefeiert!« Natürlich bleibt dann immer noch die Plage jedes einzelnen Tages, aber sie werde anders angegangen als mit der besorgten Einstellung: Was wird aus uns?

Ich erzähle von diesem Beispiel, weil es zeigt, wie sich technische und inhaltliche Dinge in der Kirche verbinden können. Eben das wird an dem Beispiel aus Oberbayern deutlich, dass hier schon im Logo der Gemeinde der Glaube an Gottes gefeierte Gegenwart verankert ist, der die Gemeinde davor bewahrt, aus einem defizitären Geist, der ja stets zur Resignation führt, zu handeln. Gefragt wird dann im defizitären Geist: Was fehlt uns? Welche Probleme müssen angegangen werden? Stattdessen heißt es hier: »Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten«. Das ist der Ton, auf den alles gestimmt ist. Sie machen dort tatsächlich die Erfahrung, dass es buchstäblich wahr ist: »Trachtet zuerst danach, Gottes Gegenwart zu feiern, das andere ergibt sich dann fast von selbst.«

3.3 Den Heiligen Geist wirken lassen

Doch wie ist das nun bei Pfarrern und Pfarrerinnen, die geradezu Profis darin sind, sich Sorgen zu machen, zumal dann, wenn sie dem Wahn erliegen, sie müssten die Zukunft der Gemeinde gestalten? Dann kriechen die Sorgen durch alle Ritzen des Pfarrhauses hindurch. Ich las im »Deutschen Pfarrerblatt« die Erinnerungen eines Pfarrers, der im Rückblick auf seine aktive Pfarramtszeit schreibt: »Manchmal habe ich mir morgens so lange alle meine Sorgen aufgezählt, dass es am Ende nicht mehr lohnte anzufangen.« Wie ist diesem Pfarrer zu helfen? Vielleicht hilft ihm jetzt der Ruhestand, obwohl der für so manchen Selbstquäler noch schlimmer sein kann. Vielleicht hilft uns allen, eine reformatorische Überlegung, die mir im Anschluss an die Lektüre eines Pfarrberichtes aus einer anglikanischen Pfarrei »Our heritage« kam:

»Die härteste und zugleich erfreulichste Sache, die wir (sc. Pfarrer) lernen müssen, ist die nahezu verloren gegangene Wahrheit, daß wir dem Heiligen Geist vertrauen dürfen. Er will die Gemeinde Jesu bauen, wenn wir ihm Raum geben, das tun zu können, was nur er für uns tun kann. Als Pastoren von Our Heritage stellten wir eine ziemlich drastische Regel auf, als wir mit dem Versuch begannen, selbst aus dem Weg zu gehen und den Geist wirken zu lassen: Alles aus dem Gemeindeprogramm, was nicht ohne ständigen Druck des Pastors aufrechterhalten werden kann, sollte eines natürlichen Todes sterben. Innerhalb von zwei Monaten starben drei Chöre. Ähnlich erging es der Mittwochsstunde und mehreren Komitees. Innerhalb von 18 Monaten war der Frauenkreis verschwunden. Von allen geschäftlichen Sitzungen blieb nur noch die monatliche Vorstandssitzung. Als wir mit neuen Gedanken und Programmen kamen, hatten wir eine solche Entwicklung beabsichtigt. Einige unsere Vorstellungen waren erfolgreich. Viele überstanden nicht einmal die erste Sitzung. Wir haben uns ehrlich bemüht, an dem Grundsatz festzuhalten: Falls Gott es nicht tut, werden wir nicht versuchen, etwas durchzusetzen. Heute überrascht es unsere Gemeinde nicht mehr, wenn der Pastor bekannt gibt, daß sein Vorschlag nicht durchführbar sei, weil der Heilige Geist sich nicht dafür interessiert habe. Aber so schmerzlich es auch sein mag, für den Pastor ist es besser, Ansehen zu verlieren, als es auf Kosten nutzlos verbrauchter Zeit zu erhalten, nur um etwas zu schaffen, was sich am Ende doch als Holz, Heu und Stroh erweist … Mein überaktives Gewissen sagte mir, ich sei ein Drückeberger. Einige Leute hatten diesen Gedanken auch. ›Warte!‹ schien aber das Signal von der göttlichen Befehlsstelle zu sein. ›Vertraue mir!‹, war die Botschaft. Langsam lernte ich, zur Ruhe zu kommen, zu vertrauen, zu warten.«

Zuerst fragte ich mich angesichts dieses Berichtes: Ist etwa der Heilige Geist ein Ersatz für unsere Tätigkeit? Natürlich nicht! Meine Tätigkeit bekommt nur im Horizont der Wirksamkeit des Heiligen Geistes eine neue Qualität, etwa so wie ein Schwimmer, dessen Schwimmbewegungen eine neue Qualität bekommen, wenn er der Tragkraft des Wassers vertrauen lernt, während der Anfänger, der die Tragkraft des Wassers noch nicht erfahren hat, ganz jämmerliche Verrenkungen macht, weil er meint, er müsse sich aus eigener Kraft über Wasser halten und sich verzweifelt fragt: Wie lange schaff ich das noch?

War das nicht auch die reformatorische Umkehr aus der Zukunft in die Gegenwart, als es Martin Luther nicht mehr um die Werke des Glaubens ging, sondern um den Glauben der Werke? Solange ich noch mit der Frage beschäftigt bin, was oder wie viel muss ich tun, um meinen Glauben als wahrhaft lebendig zu erweisen, strampele ich mich ab und weiß doch immer noch nicht, ob ich einen wirklich lebendigen Glauben habe. Solange eine Gemeinde ihre Lebendigkeit durch noch mehr Hauskreise, durch noch höhere Spenden, durch noch attraktivere kulturelle Angebote, durch noch vollere Gottesdienste zu steigern versucht, ist sie eigentlich in ihren Sorgen schon tot, auch wenn sie nach außen hin noch als äußerst »lebendige Gemeinde« gilt.

Geht es aber um den Glauben der Werke, so geht es um das Vorzeichen, das im christlichen Glauben schon gesetzt ist; es geht um das Kreuz vor der Klammer. Ist dieses Kreuz der Gekreuzigte und Auferstandene, dann muss nichts mehr getan werden, um noch etwas zu erreichen. Alles kann vielmehr getan werden, weil ich schon von Gottes Gegenwart erreicht bin. Ich kann nun aus Freude an Gott ganz gegenwärtig werden. Ich kann tun, was mir vor die Hände kommt, das Kurze und Kleine ebenso wie das Große und Gewaltige und mich so der Plage dieses Tages stellen.

3.4 Der Haushaltsplan B

Nun bleiben aber immer noch so knifflige Probleme wie z.B. einen kurzfristigen oder gar einen mittelfristigen Haushaltsplan aufzustellen, und das zuweilen bei leeren Kassen. Zieht da nicht wie von selbst der Geist der Sorge in die Sitzung eines Kirchenvorstandes ein? Nicht unbedingt, denn ich kenne einen Haushaltsplan B, der alle Kirchenvorsteher zum Nachdenken oder wenigstens zum Schmunzeln brachte, und der lautete so:

»Reichlich unsachliche und sogar naive Gedanken angesichts von Kirchensteuerrückgang, demographischen Wandels, Glaubenskrise, Krisenkrise. Nach menschlichem Ermessen ist vorläufig alles rückläufig und deshalb zwangsläufig nicht mit einem reichen Reich Gottes auf Erden zu rechnen. Nach dem letzten so bestürzenden Kassensturz hat sich ergeben, dass in der Tat nur noch fünf Brote und bestenfalls zwei sehr kleine Fische da sind. Mehr ist nicht drin … Drinkrise. Die Rechenschieber auf der langen Kirchenbank sind am Ende zahllos ratlos. Wir stehen mit der Rücklage zur Wand. Wann hat es das jemals gegeben, dass wir so arm dran waren? Das muss bei der Speisung der 5000 gewesen sein. Leider waren wir und die anderen Finanzexperten nicht dabei, weil wir eine wichtige Haushaltsberatung hatten. Somit fehlt uns womöglich diese atemberaubende Erfahrung, wie viel um Gottes Willen vom Zuwenig ausreicht, für einigermaßen Unermessliches. Das Wunder steht in der Bibel. Das Gegenteil steht uns im Gesicht. Wir sind angezählt. Uns rauchen die Köpfe. Aber uns brennt nicht das Herz. Die verheißungsvolle Aussicht über die Aussichtslosigkeit hinaus lässt uns kalt. Wir rechnen mit allem, nicht damit, dass unsere Mangelhaft uns frei werden lässt. Trotzdem kalkuliere ich, haushaltstechnisch wunderbar vermessen mit Plan B, langfristig unbefristet, die volle Fülle von mindestens 12 Körben übrig genug ein. So jedenfalls die biblische Glanzbilanz. Unterm Strich bleibt uns nichts Anderes übrig, als die Rechnung nicht ohne den Wirt zu machen ... ausgerechnet jetzt oder nie. Glaube kann auch Schuldenberge versetzen. Was zählt, ist nicht zu beziffern – Unverrechenbar ist Gottes Haushalten garantiert. Viel geht ab von dem Wenigen. Lasst Euch nicht länger faszinieren vom fetten Defizit. Greift in die leeren Taschen und findet heraus, worauf es jetzt ankommt. Gewinnt neue Zuversicht auf der Habenseite des trotzköpfigen Glaubens. Nehmt alles an – vor allem das Unangenehme und ›Gebt Ihnen zu essen!‹ – wie Jesus jetzt wohl sagen würde. Was so viel heißt, wie: Teilt euren Mangel verschwenderisch aus! Hingabe heißt unsere Aufgabe. Und das hat nichts mit Aufgeben zu tun. Das ist nicht mehr und nicht weniger als der realistische Glaube an das Wunderbare. Und damit sollten wir rechnen.«

Mit dem Wunder rechnen – das ist Glaube. So ein Glaube kehrt den sorgenzerfurchten Heiden in mir um und macht mich zu einem geistesgegenwärtigen Christen, der des Geistes und seiner Wunder gewärtig ist. Wie so ein Glaube in einer Gemeinde praktisch aussehen kann, habe ich in einer Berliner Freikirche erlebt, durch deren Reihen Kollektenkörbe gingen, auf denen zu lesen war: »Was du hast, das gib; was du brauchst, das nimm!« Am Ende soll überreichlich eingekommen sein.

4. Fazit

Also nicht mehr planen, keine Reformen mehr, nur noch auf den Heiligen Geist vertrauen? Das wäre die falsche Alternative! Es gibt ja auch ein Planen, Gestalten und Rechnen mit der Zukunft, das nicht im Zeichen der Sorge um die Zukunft steht, sondern den Charakter von täglicher, alltäglicher Besorgung hat. Paulinisch gesprochen kommt dann vor das Planen, Machen und Gestalten ein neues Vorzeichen: »Planen, als plante ich nicht« (vgl. 1. Kor 7,29ff). Ich höre dieses befreiende Vorzeichen »als ob nicht« heraus, wenn es in Bert Brechts »Dreigroschenoper« heißt:

»Ja, mach nur einen Plan
sei nur ein großes Licht
und mach dann noch ’nen zweiten Plan,
gehen tun sie beide nicht.«

Diese Ironie macht das Planen nicht überflüssig, sondern nur viel leichter, spielerischer und viel weniger verbissen. Im Wahrnehmen des Augenblicks schaue ich danach, welche Möglichkeiten mir jetzt gegeben sind, um z.B. einen Haushaltsplan aufzustellen. »Ja, mach nur einen Plan«, aber sei dir bei deinem Plan selbstkritisch klar, wie wenig du die Zukunft in der Hand hast, und wie sehr die Zukunft Gottes Zeit ist. Das aber, was dir jetzt in die Hände gelegt ist, sollst du planen und gestalten, und zwar mit der realistischen Einstellung, die aus Jesu Anweisung zum Turmbau spricht: »Wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen« (Lk. 14,28). Das aber wollen die Turmbauer von Babel nicht. Sie sind Himmelsstürmer, die in Gottes unverfügbare Zeit maßlos eingreifen. Solche futurischen Zukunftspläne aber werden allemal von Gott belächelt und alsbald in heillose Verwirrung verstrickt, wie der weitere Gang der Turmbaugeschichte in Babel zeigt. Willst du Gott zum Lachen bringen, erzähl ihm deine Pläne!

Warum ist dennoch der adventliche Umgang mit Zukunft so schwer? Warum sind sich, wie Kierkegaard sagt, so viele Menschen hunderttausend Meilen in Gefühl, in Einbildung, in Vorsatz, in Entschluss und Sehnsucht voraus? Es hängt mit dem zusammen, was die Bibel »Sünde« nennt: »Ihr könnt sein wie Gott«, zischelt die Schlange dem Menschen zu. Das hört sich dramatisch an, geht aber viel leiser und selbstverständlicher vor sich, wenn Menschen sein wollen wie Gott, indem sie die Zukunft als ihre verfügbare Zeit verplanen. Dann werden Hochrechnungen angestellt. Dann entstehen 5-Jahrespläne, 7-Jahrespläne, 10-Jahrespläne. Gesungen wird: »Mit uns geht die neue Zeit!« So geschah es in der sozialistischen Planwirtschaft der DDR, die von der Heilsparole geprägt war: »Die Zukunft gehört uns!« Am Ende stand das viel zitierte Sprichwort Gorbatschows von 1989: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!« So wird es nicht nur der DDR ergehen, sondern im Grunde jedem, der die Zukunft in den Griff zu nehmen versucht und sich selbst in der Planung weit voraus ist, sei es bis ins ominöse Jahr 2017 oder bis ins Jahr 2030. So mancher »Personalentwickler« in der Kirche wurde »vom Leben bestraft«, der stur seinem Entwicklungsplan folgte und so manchen hoffnungsvollen Nachwuchs abwies, den er jetzt Hände ringend brauchte. So oder ähnlich wird das allemal sein, wenn einer meint, er habe die Zukunft fest im Griff und sich dann umso gründlicher verrechnet, weil sich Entwicklungen einstellten, die gar nicht vorauszusehen waren.

Anmerkungen:

1 Vortrag vor dem nordelbischen PastorInnentag im Schleswiger Dom am 14.9.2011.
2 Urteilt selbst. Zur Selbstprüfung der Gegenwart anbefohlen, 1851/52., 27/29. Abt., Düsseldorf 1953, 240f.

Über den Autor

Prof. Dr. Christian Möller, Jahrgang 1940, Prof. für Prakt. Theologie an der Universität Heidelberg, seit 2005 emeritiert; Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Gemeindeaufbau, seelsorgerlich predigen, Hymnologie, reformatorische Spiritualität.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2012

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