Empirische Befunde aus einer internationalen Studie
Europäische Impulse für die Konfirmandenarbeit

Von: Henrik Simojoki / Wolfgang Ilg / Friedrich Schweitzer
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Zeitgleich mit der Bundesweiten Studie zur Konfirmandenarbeit wurden Befragungen in sechs weiteren europäischen Kirchen durchgeführt. Der Artikel von Wolfgang Ilg, Henrik ­Simojoki und Friedrich Schweitzer bietet erstmals einen deutschsprachigen Überblick über die Ergebnisse. Aus den Befunden zur Konfirmandenarbeit in sechs Nachbarländern lassen sich Anregungen für die Praxis der Konfirmandenarbeit in Deutschland gewinnen.

Der Blick über den Tellerrand: ­Konfirmandenarbeit und Europa

Immer mehr wird auch hierzulande bewusst, dass Fragen von Bildung und Erziehung nicht mehr ausschließlich in nationalstaatlicher Perspektive verhandelt werden können. Insbesondere der fortschreitende Prozess der Europäisierung legt es nahe, den Blick in andere Länder und Kirchen zu wagen. Während dies mit Blick auf den Lernort Schule immer mehr geschieht, ist die kirchliche Bildungsarbeit (oder zumindest ihre Theorie) noch stark auf den deutschsprachigen Bildungsraum fixiert. Das ist insofern besonders unbefriedigend, als die Kirche von ihrem Selbstverständnis her eine ökumenische Lerngemeinschaft darstellt. M.a.W.: Der Blick über die eigenen Grenzen hinaus ist ihr wesentlich. Auch dies spielt mit, wenn im Folgenden die Konfirmandenarbeit in einen europäischen Horizont gestellt wird. Das geschieht auf der Basis einer empirischen Vergleichsstudie, an der sieben europäische Länder bzw. Kirchen beteiligt waren (Dänemark, Deutschland, Finnland, Norwegen, Österreich, Schweden und die Schweiz)1. Insofern bezieht er nicht den gesamten Bildungsraum Europa ein, kann aber doch eine exemplarische Bedeutung für sich beanspruchen2. Methodologisch baut die Untersuchung auf der Bundesweiten Studie zur Konfirmandenarbeit in Deutschland auf3. Insgesamt waren mehr als 28000 Personen in die europäische Untersuchung einbezogen.

Teilnahme an der ­Konfirmanden­arbeit

In allen sieben Ländern, auf die sich die Untersuchung bezieht, wird die Konfirmandenarbeit mit Gruppen von Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 15 durchgeführt und endet mit der Feier der Konfirmation. Die Konfirmation ist überall ein kirchliches und zugleich hoch bedeutsames familiales Fest, dem eine Konfirmandenzeit von etwa einem Jahr vorausgeht und das freiwilligen Charakter für die Jugendlichen hat. Waren früher insbesondere in skandinavischen Ländern an die Konfirmation auch zivile Rechte gebunden, ist der Charakter des Konfirmationsfestes als Passageritus im politischen Sinne inzwischen fast vollständig verloren gegangen. Insofern ist zumindest im Blick auf das Verhältnis zum Staat sowie zur gesellschaftlichen Öffentlichkeit von einem Privatisierungsprozess zu sprechen. Zwar gilt die Konfirmation in vielen Kirchen als Voraussetzung für eine kirchliche Trauung oder die Übernahme eines Patenamtes, in der Praxis kommen diese Rechte zumeist aber auch nicht konfirmierten Getauften im entsprechenden Alter zu (Paten benötigen zumeist lediglich eine Bescheinigung ihrer Kirchenmitgliedschaft, aber keine Bestätigung, dass sie konfirmiert sind). Als ein individueller oder familialer Passageritus haben Konfirmandenzeit und Konfirmation ihre Bedeutung beibehalten.

Der nachlassende äußere und innere Verpflichtungscharakter der Konfirmation hat in den Ländern zu sehr unterschiedlichen Entwicklungen geführt. Abbildung 1 zeigt die Teilnahmequoten an der Konfirmation in den letzten Jahren. Es wird der Prozentsatz aller (!) 14- bzw. 15-Jährigen abgebildet, die sich im jeweiligen Land konfirmieren ließen (sofern die Daten vorliegen).

Der Bevölkerungsverteilung im Blick auf die Konfessions- und Religionszugehörigkeit entsprechend lagen diese Anteile bis zu den 1970er Jahren im stark lutherisch geprägten skandinavischen Raum bei annähernd 100%. Die Entwicklungen der letzten Jahre verliefen dann von Land zu Land verschieden. Insbesondere Schweden erlebte einen dramatischen Einbruch der Konfirmandenquote. Ließen sich Ende der 1980er Jahre dort noch zwei Drittel aller Jugendlichen konfirmieren, hat sich der Anteil inzwischen auf etwa ein Drittel halbiert. Eine ähnliche, allerdings gebremste Entwicklung zeigt sich in Norwegen und zum Teil in Dänemark. Natürlich sind die abnehmenden Quoten auch vor dem Hintergrund einer inzwischen konfessionell stärker plural zusammengesetzten Bevölkerung zu sehen, so dass die Rückgänge keinesfalls (nur) als Attraktivitätsverlust der Konfirmation oder im Sinne einer allgemeinen Säkularisierung verstanden werden dürfen. Gleichwohl gibt es innerhalb Skandinaviens auch ein Gegenbeispiel. Denn obwohl die Verhältnisse in Finnland ebenfalls ähnlichen Pluralisierungsphänomenen unterliegen, hat die Konfirmandenarbeit dort fast nichts von ihrer Beliebtheit eingebüßt. Noch immer lassen sich neun von zehn finnischen 15-Jährigen konfirmieren – für Tausende junger Finnen ist dies jedes Jahr mit Taufe und Kircheneintritt verbunden. In Finnland ist es insbesondere durch die dort übliche Form des einwöchigen Konfirmanden-Camps gelungen, die Konfirmandenzeit als einen Teil der Jugendkultur zu etablieren, der bei den Teilnehmenden eine hohe Attraktivität besitzt.

In Deutschland liegt die Quote der Konfirmierten seit der deutschen Wiedervereinigung relativ konstant bei etwa 30% eines Altersjahrgangs, dies entspricht mehr als 90% der evangelischen Jugendlichen. Auch hier ist die Zahl der Jugendlichen, die anlässlich der Konfirmation in die Kirche eintreten, mit über 15000 jährlich, beachtenswert – die Zahl der Taufen anlässlich der Konfirmation entspricht damit etwa 7% aller evangelischen Taufen und macht die Konfirmandenzeit (nach der Kindertaufe) zum bedeutendsten Zeitpunkt für einen Kircheneintritt. Die Entwicklungen in der Schweiz (hier wurde nur der Kanton Zürich erfasst) zeigen leichte Rückgänge bei den Teilnahmequoten. Im katholisch geprägten Österreich fiel der Anteil der Konfirmierten von 5% in den 1970er Jahren auf derzeit etwa 3%.

Damit sind Gemeinsamkeiten und Differenzen auf europäischer Ebene hinsichtlich der Teilnahme-Entwicklungen benannt. Für Deutschland zeigt sich im internationalen Vergleich eine erstaunliche Stabilität der Teilnahmezahlen – diese ist allerdings kein Garant für eine Fortschreibung in der Zukunft! Im Folgenden werden die inhaltlichen Befunde der internationalen Studie präsentiert, die auch einen Einblick in das Erleben der Konfirmanden ermöglichen.

Übergreifende Tendenzen

In vergleichender Zusammenschau der Befragungsergebnisse aus den sieben Ländern zeigen sich zunächst eine Reihe auffälliger Ähnlichkeiten:

Bereits bei der Motivation zur Teilnahme an der Konfirmandenarbeit spielen individuelle Orientierungen eine wichtige Rolle. Die Konfirmanden fassen ihren Entschluss, sich zur Konfirmandenzeit anzumelden, mehrheitlich als einen Akt der Selbstbestimmung auf. Konventionelle Begründungsmotive – Beeinflussung durch die Familie oder den Freundeskreis, Einordnung in die vorgegebene Tradition – fallen demgegenüber weniger ins Gewicht. Das vielfach kolportierte Klischee, man lasse sich »nur wegen der Geschenke« konfirmieren, bestätigt sich in den beteiligten Ländern empirisch nicht. Die Geschenke zum Konfirmationsfest werden als motivierender Faktor zwar – insbesondere von Jungen – häufig genannt, sind aber gegenüber inhaltlichen Teilnahmemotiven nicht dominant. Ein ähnliches Bild ergibt sich auf der Ebene der Zielvorstellungen für die Konfirmandenzeit. Es ist den meisten befragten jungen Menschen besonders wichtig, zu einem eigenen Standpunkt in wichtigen Fragen des Glaubens und Lebens zu kommen.

Dieses länderübergreifende Erwartungs- und Einstellungsmuster fügt sich gut in das Gesamtbild neuerer religionssoziologischer Forschung ein, die dem nordeuropäischen Raum eine im globalen Vergleich hoch ausgeprägte Tendenz zur religiösen Individualisierung bescheinigt. Umso mehr muss es allerdings zu denken geben, dass viele der befragten Jugendlichen im Rückblick zu dem Urteil kommen, dass das in der Konfirmandenzeit Erlernte wenig mit ihrem täglichen Leben zu tun habe. Die Lebensrelevanz der Inhalte, die während der Konfirmandenzeit erarbeitet werden, wird für die Jugendlichen oftmals nicht klar.

Stark ausgeprägt ist die hohe Bedeutung der Gemeinschaft für die Wahrnehmung der Konfirmandenarbeit durch die Jugendlichen. Daran ist abzulesen, dass auch die Individualisierungsthese allein nicht ausreicht, um die Befunde zu deuten. Die Entscheidung der befragten Jugendlichen, an der Konfirmandenzeit teilzunehmen, ist – mit Ausnahme Dänemarks – eng an die Erwartung geknüpft, eine gute Gemeinschaft in der Gruppe zu erleben und neue Freunde kennen zu lernen4. Das spiegelt sich auch in den thematischen Präferenzen der Konfirmanden wider: In allen untersuchten Ländern ist »Freundschaft« das erklärte Lieblingsthema der Jugendlichen. So gesehen ist es nur folgerichtig, dass gemeinschafts- und erlebnisorientierte Organisationsformen wie die zum Teil mehrwöchigen Konfi-Camps von ihnen besonders positiv bewertet werden. Aber auch hier lesen sich die empirischen Befunde aus kirchlicher Sicht durchaus ambivalent. Der Gottesdienst als der Ort, wo christliche Gemeinschaft ihren dichtesten Ausdruck finden sollte, wird von den befragten Konfirmanden mehrheitlich als ein Ort der Langeweile erfahren.

Nichtsdestotrotz bekunden die Konfirmanden länderübergreifend eine insgesamt bemerkenswert hohe Zufriedenheit mit der Konfirmandenzeit als Ganzer. Bei den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden fallen die Zufriedenheits-Werte ebenfalls sehr hoch aus. Diese grundsätzlich positive Wahrnehmung gilt über die Länder hinweg, trotz der Unterschiede, die sich in der Gestaltung der Konfirmandenarbeit zeigen.

Kurzprofile zu den beteiligten ­Ländern

Bedeutende Unterschiede in Gestaltung und Wahrnehmung der Konfirmandenzeit zeigen sich bereits im Hinblick auf die deutschsprachigen Länder. So wird die Konfirmandenarbeit in Österreich stark von der minderheitskirchlichen Situation beeinflusst5. Das Einzugsgebiet der Gemeinden ist vergleichsweise groß, weshalb sich die Konfirmanden zu Beginn der Konfirmandenzeit oft noch nicht kennen. Auch die Anzahl regelmäßiger Treffen ist im internationalen Vergleich eher niedrig. Ferner ist die Konfirmandenarbeit in Österreich durch ein hohes Engagement von Ehrenamtlichen charakterisiert: Auf einen Theologen kommen hier zwei ehrenamtliche Mitarbeiter. Damit mag zusammenhängen, dass die Konfi-Camps im österreichischen Kontext besonderen Einfluss auf die religiösen Einstellungen der Konfirmanden entfalten6. Insgesamt sind die österreichischen Konfirmanden besonders stark an erlebnisorientierten und gruppenbezogenen Angeboten interessiert, während die Aneignung christlicher Überlieferungsbestände bei ihnen weniger Anklang findet als bei ihren Mitkonfirmanden aus anderen Ländern.

Auch die Konfirmandenarbeit in der Schweiz (hier: die Reformierte Kirche im Kanton Zürich) weist in mehrerer Hinsicht ein eigenes Profil auf7. Das hat zunächst konfessionelle Gründe: Entsprechend der reformierten Frömmigkeit und Theologie wird die Konfirmandenarbeit beispielsweise nicht so stark von der Taufe her begründet, wie das in der lutherischen Tradition üblich ist. So wäre die in der Schweiz gängige Praxis, auch nicht getaufte Konfirmanden zu konfirmieren, in Deutschland weithin undenkbar. Die Spezifika der reformierten Tradition bekunden sich nicht nur in den kirchlichen Vorgaben, sondern machen sich auch in den Einstellungen der Konfirmanden bemerkbar. Überhaupt ist die Konfirmandenarbeit im Kanton Zürich, bis hin zur gottesdienstlichen Feier der Konfirmation, ausgesprochen pluriform. Zudem sind die Konfirmanden mit 15 Jahren ein Jahr älter als in Deutschland. Das scheint sich auch in ihren Einstellungen widerzuspiegeln, denn sie äußern sich vergleichsweise distanziert zu Religion, christlichen Glaubensinhalten und zur Kirche als Institution. Die Konfirmanden hier sind besonders daran interessiert, im Konfirmandenunterricht mehr über andere Religionen zu lernen. Beim Thema »Gewalt und Kriminalität« bekunden Züricher Konfirmanden größeres Interesse als die Konfirmanden aus den übrigen Ländern.

Auch an den skandinavischen Ländern zeigt sich, dass geographische oder kulturelle Nähe erhebliche Differenzen in der konzeptionellen Ausrichtung und Praxis von Konfirmandenarbeit einschließen kann. Besonders Dänemark erweist sich als ein Sonderfall8. Während die Konfirmandenarbeit in den übrigen nordischen Ländern in wachsendem Maße von Jugendarbeitern, Diakonen und insbesondere ehrenamtlichen Mitarbeitern mitgestaltet wird, liegt sie in Dänemark fast ausschließlich in den Händen des Gemeindepfarrers. Ähnlich abweichend ist auch das didaktische Setting. Gegenläufig zum gesamteuropäischen Trend in Richtung jugendarbeitsnaher Arbeitsformen findet der dänische Konfirmandenunterricht in der Regel an einem Werktagvormittag statt. Die Jugendlichen gehen dann während eines Schulvormittags für zwei Stunden in das Pfarr- oder Gemeindehaus und erhalten dort Konfirmandenunterricht vom örtlichen Pfarrer. Die in den anderen untersuchten Ländern weithin üblichen Konfirmanden-Freizeiten oder Camps haben in Dänemark noch kaum Verbreitung gefunden.

Vor diesem Hintergrund sind die dänischen Ergebnisse in der Studie besonders interessant. Einerseits schlagen sich die konzeptionellen Rahmenbedingungen in vielerlei Weise in den Erwartungen und Erfahrungen der dänischen Konfirmanden nieder. Die Konfirmandenzeit hat kaum Auswirkungen auf ihre religiösen Einstellungen und evoziert so gut wie keine Bereitschaft zu eigenem ehrenamtlichem Engagement in der Kirche nach der Konfirmation (vgl. Niemelä 2010). Dennoch – und das ist angesichts der an die Schule angelehnten Gesamtanlage tatsächlich überraschend – machen dänische Konfirmanden in diesem Unterricht offenbar positive Erfahrungen von Gemeinschaft (Pettersson/Simojoki 2010, 269). Jedenfalls haben sie diesen Aspekt im Rückblick positiver in Erinnerung als beispielsweise die Konfirmanden aus den deutschsprachigen Ländern. Und nirgendwo spielt der Konfirmationstag als Festtag eine so große Rolle wie in Dänemark.

Während die dänische Praxis eher dem traditionellen Typus des Konfirmandenunterrichts entspricht, findet sich in Finnland die konsequenteste Durchführung einer erlebnispädagogisch ausgerichteten und gemeinschaftsorientierten Konfirmandenarbeit9. Die gesamte Konfirmandenzeit läuft auf die ein- oder mehrwöchigen Konfi-Camps zu, die von einer großen Zahl von jugendlichen Mitarbeitern ehrenamtlich mitbetreut werden. So überrascht es nicht, dass finnische Konfirmanden hohe Erwartungen an die Erlebnis- und Gemeinschaftsqualität der Konfirmandenzeit artikulieren und eine hohe Zufriedenheit damit zeigen. Nicht gleichermaßen zu erwarten war, dass dieses Modell offenbar auch die höchsten Lerneffekte auf der Ebene des religiösen Wissenserwerbs zeitigt (Niemelä 2010). Am eindrücklichsten bekundet sich die Nachhaltigkeit der finnischen Konfirmandenarbeit in den YCVs (»young confirmed volunteers«), einer institutionalisierten Form jugendlicher Ehrenamtlichkeit, die sich in qualitativer wie quantitativer Hinsicht von der Praxis anderer Länder abhebt: Etwa ein Drittel sämtlicher Konfirmierter eines Jahrgangs in Finnland beginnt mit der Ausbildung, ein Fünftel aller Konfirmierter durchläuft die ein- bis zweijährige Schulung zum Konfi-Helfer dann auch komplett und wirkt anschließend in der Konfirmandenarbeit mit. Es ist nicht zuletzt dem Einfluss dieser jugendlichen Ehrenamtlichen zu verdanken, dass die Konfirmandenzeit über die Jahre zu einem festen Bestandteil finnischer Jugendkultur geworden ist. Abschließend sei jedoch auch auf eine ambivalente Begleiterscheinung dieser Popularität hingewiesen: Es gibt in Finnland auffällig viele Konfirmanden, die sich zur Teilnahme an der Konfirmandenzeit entscheiden, gleichzeitig aber angeben, nicht an Gott zu glauben.

In Norwegen ist die Konfirmandenarbeit besonders engmaschig in den weiteren Zusammenhang des familiären Lebens und der nationalen Kultur eingewoben10. Folglich gewinnt das Traditionsargument für junge Norweger eine ungleich positivere Bedeutung für die Begründung der eigenen Teilnahmeentscheidung, als dies vor allem in den deutschsprachigen Ländern der Fall ist. Ähnlich wie in Dänemark wird der soziale Charakter der Konfirmation als familiärer Festtag besonders akzentuiert, mitsamt den damit verbundenen materiellen »Segnungen« und einem historisch stark mit der Konfirmation verknüpften Nationalgefühl. Auch auf Seiten der Mitarbeiter wird viel Wert auf die Beziehungspflege zum Elternhaus gelegt. Was die Organisationsformen und die konzeptionelle Ausgestaltung angeht, bietet Norwegen einen Mittelweg zwischen dem dänischen und dem finnischen Modell. Im internationalen Vergleich fällt auf, dass norwegische Konfirmanden eher wenig Interesse an den theologischen Kerngehalten des christlichen Glaubens mitbringen, was in einem deutlichen Kontrast zu den diesbezüglichen Erwartungen und Zielen der Mitarbeiter steht.

Während sich in Norwegen nur abgeschwächte Erosionserscheinungen identifizieren lassen, sind, wie in Abb. 1 dargestellt, in Schweden die Teilnahmezahlen in den letzten Jahrzehnten dramatisch gesunken. Interessanterweise schlägt sich dieser Umbruch jedoch nur sehr partiell auf das Antwortverhalten schwedischer Konfirmanden nieder11. Am ehesten scheint sich die geringe Kirchlichkeit schwedischer Konfirmanden in das Krisenszenarium einzufügen. Weniger als ein Drittel der schwedischen Konfirmanden gibt zu Beginn der Konfirmandenzeit an, an Gott zu glauben, und nicht einmal jeder Fünfte hält es überhaupt für wichtig, zur Kirche zu gehören. Entsprechend niedrig fallen die Zustimmungswerte zu grundlegenden christlichen Glaubensinhalten wie Schöpfung, Auferstehung oder den Zehn Geboten aus. Allerdings hat sich dieses Überzeugungsbild nach Ablauf der Konfirmandenzeit merklich verändert. Nirgendwo wenden sich die Einstellungen zum Glauben und zur Kirche im Laufe der Konfirmandenzeit so zum Positiven wie in Schweden (Niemelä 2010). Nicht nur bejahen schwedische Konfirmanden überdurchschnittlich stark, während der Konfirmandenzeit mehr über Gott und den Glauben gelernt zu haben. Sie sind auch besonders zufrieden mit der Konfirmandenzeit als Ganzer. Sucht man nach Erklärungen für diese Effekte, so liegt es nahe, als erstes bei der konzeptionellen Gesamtausrichtung der schwedischen Konfirmandenarbeit anzusetzen. Diese ist der finnischen auffällig ähnlich, nur dauern die Konfi-Camps noch länger. Hier wird augenfällig, was sich auch länderübergreifend erhärten lässt: »The length of a camp period correlates positively with both religious change and satisfaction« (ebd., 253).

Schlussfolgerungen

Insgesamt kann konstatiert werden, dass sich die Arbeitsform der Konfirmandenarbeit bei allen gesellschaftlichen Veränderungen (religiöse Pluralisierung und Individualisierung, abnehmende Kirchenbindung, wachsende außerschulische Angebotspalette für Jugendliche) zumindest in den meisten protestantisch geprägten europäischen Ländern als ein attraktives und weithin von den Jugendlichen und ihren Familien angenommenes kirchliches Angebot gehalten hat. Nicht-religiöse Alternativen zur Konfirmation bzw. Firmung konnten bislang nur vereinzelt Fuß fassen, so besonders die Jugendweihe in Ostdeutschland (mit unklarer Beteiligungsrate, die Schätzungen variieren zwischen etwa 25 und 50%) oder die »humanistische Konfirmation« in Norwegen (mit Beteiligungsraten um 15%), vereinzelt angebotene »Prometheus Camps« in Finnland erreichen dagegen nur ca. 1% der Altersgruppe.

Die kirchliche Regulierung der Konfirmandenarbeit ist in den Ländern verschieden intensiv: Während es in Deutschland, Finnland und Norwegen definierte Rahmenordnungen für die Konfirmandenarbeit gibt, lassen andere Kirchen ihren Gemeinden weitgehend freie Hand bei der Gestaltung der Konfirmandenzeit – entsprechend variiert die Konfirmandenarbeit innerhalb dieser Länder deutlich stärker, was sich auch in einer größeren Bandbreite bei den Rückmeldungen der Jugendlichen niederschlägt12. Die Bewegung vom Konfirmandenunterricht zur Konfirmandenarbeit hat in fast allen untersuchten Ländern zu einer Annäherung an Formen der Jugendarbeit geführt. Ein besonderes Augenmerk verdient die Entwicklung der Ehrenamtlichkeit: Mit Ausnahme von Dänemark stellen Ehrenamtliche in der vorliegenden Untersuchung fast überall ein wichtiges Rückgrat der Konfirmandenarbeit dar. Die Begegnung mit jungen Ehrenamtlichen kann motivierende Wirkungen bei den Konfirmanden auslösen, sich selbst zu engagieren. Das finnische Modell der »Young Confirmed Volunteers« findet mittlerweile Nachahmer auch in anderen Ländern, in Deutschland werden beispielsweise Trainee-Programme für konfirmierte Jugendliche zunehmend populär13.

Die Beschäftigung mit der Konfirmandenarbeit benachbarter Kirchen in Europa bietet nicht nur einen reichen Fundus an alternativen Gestaltungsformen, sondern ist im Prozess des europäischen Zusammenwachens sowie der ökumenischen Orientierung auch eine notwendige Verständigungsleistung. Internationale Vergleiche bewahren vor einer Blickverengung, wie sie sich im nationalen Horizont immer wieder einstellt. Darüber hinaus wirken solche Vergleiche auch anregend für die eigene Praxis, die hier neue Impulse und Ideen empfangen kann. Internationale Erfahrungen können gleichsam als Experimentierlabor für unterschiedliche Gestaltungsformen von Konfirmandenarbeit gelten. So bietet beispielsweise der Blick nach Zürich für diejenigen, die in Deutschland eine Heraufsetzung des Konfirmandenalters fordern, eine konkrete Anschauung für Chancen und Probleme solcher Verschiebungen des Konfirmationsalters. In Zeiten der Internationalisierung und der Globalisierung leuchtet es nicht mehr ein, dass Anregungen für alternative Konzepte nur im eigenen Lande zu suchen und zu finden wären. Der empirische Blick in europäische Nachbarländer sowie die praktische Anschauung vor Ort (beispielsweise durch Reise-Delegationen von Experten) verspricht nicht nur eine Fülle innovativer Anregungen, sondern wird zugleich dem Prozess der Europäisierung gerecht, der auch die Kirchen vor die Aufgabe stellt, sich als eine im internationalen Konzert deutlich wahrnehmbare Größe zu zeigen.

Bildungsbeitrag für die ­europäische Zivilgesellschaft

Konfirmandenarbeit stellt eine der wenigen international verbreiteten Formen non-formaler (also außerschulischer und trotzdem institutionalisierter) Bildung dar und weist nach wie vor eine große Akzeptanz bei Jugendlichen auf. Gerade im Blick auf die in Deutschland aktuellen Diskussionen um einen schulfreien Nachmittag, der die Durchführung der Konfirmandenarbeit ermöglicht, sollte auf diese Bildungsbedeutung der Konfirmandenarbeit seitens der Kirchen selbstbewusst hingewiesen werden. Angesichts der Tatsache, dass allein in den sieben hier untersuchten Ländern während der letzten zehn Jahre etwa 5 Mio. Jugendliche die Konfirmandenzeit durchliefen, sollte auch das zivilgesellschaftliche Potential der Konfirmandenarbeit öffentlich sehr viel deutlicher gemacht werden (Pettersson/Simojoki 2010). Das gilt für die – für heutige Demokratien unabdingbaren – zivilgesellschaftlichen Strukturen und Motive besonders beim ehrenamtlichen Engagement, aber auch für die Beschäftigung mit Wertorientierungen wie Empathie und Prosozialität, Gerechtigkeit und Nicht-Diskriminierung u.ä., denen die Jugendlichen in der Konfirmandenzeit begegnen. In dieser Hinsicht stellt die Konfirmandenarbeit nicht nur eine der wichtigsten Kontaktflächen zwischen evangelischen Kirchen und ihren jungen Gemeindegliedern dar, sondern bietet zugleich ein chancenreiches Feld für soziales Lernen zwischen Jugendlichen unterschiedlicher (Bildungs-)Schichten.14

Anmerkungen:
1 Schweitzer, Friedrich/Ilg, Wolfgang/Simojoki, Henrik (Hg.) (2010): Confirmation Work in Europe: Empirical Results, Experiences and Challenges. A Comparative Study in Seven Countries, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.
2 Beschreibende Darstellungen zu weiteren europäischen Ländern finden sich u.a. in folgenden Quellen: Adam, Gottfried (Hg.) (2009): Zukunftswerkstatt Konfirmandenarbeit. Perspektiven aus fünf europäischen Ländern, Münster: Comenius-Institut; Christensen, Leise/Dormor, Duncan/Hoeg, Ida/Ilg, Wolfgang/Niemelä, Kati (2010): Protestant confirmation in European perspective, in: Collins-Mayo, Sylvia/Dandelion, Pink (eds.): Religion and Youth. Farnham/GB, 181-189; Starck, Rainer/Elsenbast, Volker (1998): Konfirmandenarbeit in Kirchen anderer Länder, in: Comenius-Institut in Verbindung mit dem Verein KU-Praxis (Hg.): Handbuch für die Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 473-490.
3 Ergebnisse der Bundesweiten Studie: Ilg, Wolfgang/Schweitzer, Friedrich/Elsenbast, Volker, in Verbindung mit Matthias Otte (2009): Konfirmandenarbeit in Deutschland. Empirische Einblicke – Herausforderungen – Perspektiven. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. Praxis-Anregungen, die aus der Studie entstanden, vereint der jüngste Band der Reihe: Böhme-Lischewski, Thomas/Elsenbast, Volker/Haeske, Carsten/Ilg, Wolfgang/Schweitzer, Friedrich (Hg.) (2010): Konfirmandenarbeit gestalten. Perspektiven und Impulse für die Praxis aus der Bundesweiten Studie zur Konfirmandenarbeit in Deutschland. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.
4 Pettersson, Per/Simojoki, Henrik: Does Confirmation Work Contribute to Civil Society?, in: Schweitzer/Ilg/Simojoki 2010, 265-275. Vgl. ähnliche Befunde für die kirchliche Jugendarbeit in Deutschland: Fauser, Katrin/Fischer, Arthur/Münchmeier, Richard (2006): Jugendliche als Akteure im Verband. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung der Evangelischen Jugend. Opladen/Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich.
5 Lagger, Dagmar: Confirmation Work in Austria, in: Schweitzer/Ilg/Simojoki 2010, 74-94.
6 Niemelä, Kati: Religious Change during Confirmation Time, in: Schweitzer/Ilg/Simojoki 2010, 244-253; hier 252.
7 Schlag, Thomas: Confirmation Work in Switzerland, in: Schweitzer/Ilg/Simojoki 2010, 95-115.
8 Christensen, Leise: Confirmation Work in Denmark, in: Schweitzer/Ilg/Simojoki 2010, 116-138.
9 Innanen, Tapani/Niemelä, Kati/Porkka, Jouko: Confirmation Work in Finland, in: Schweitzer/Ilg/Simojoki 2010, 139-161.
10 Hoeg, Ida Marie/Krupka, Bernd: Confirmation Work in Norway, in: Schweitzer/Ilg/Simojoki 2010, 162-183.
11 Pettersson, Per: Confirmation Work in Sweden, in: Schweitzer/Ilg/Simojoki 2010, 184-204.
12 Ilg, Wolfgang/Schweitzer, Friedrich (2010): Researching confirmation work in Europe: The need for multi-level analysis for identifying individual and group influences in non-formal education, in: Journal of Empirical Theology 23, 159-178.
13 Kalmbach, Sybille/Kehrberger, Jürgen (Hg.) (2011): Das Trainee-Programm. Kompetenzen trainieren, Jugendliche gewinnen, Engagement fördern. Stuttgart: buch und musik.
14 Informationen und Publikationen zu den Forschungsprojekten zur Konfirmandenarbeit, die 2009/2010 für Württemberg, die EKD und Europa veröffentlicht wurden, finden sich unter www.konfirmandenarbeit.eu sowie www.confirmation-research.eu.

Über den Autor

Dr. Henrik Simojoki, Jahrgang 1975, wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl für Rel.päd./Prakt. Theologie an der Universität Tübingen, 2007 Promotion zum Thema »Evangelische Erziehungsverantwortung«; jüngste Publikation: Religionspädagogik als Wissenschaft, Freiburg 2010 (gemeinsam mit Friedrich Schweitzer u.a.).
Pfarrer Dr. Wolfgang Ilg, Jahrgang 1973, Pfarrer und Diplom-Psychologe, Landesschülerpfarrer im Evang. Jugendwerk in Württemberg, 2010 Promotion in Psychologie zu »Prädiktoren von non-formalen Bildungsprozessen in Jugendgruppen«.
Prof. Dr. Friedrich Schweitzer, Jahrgang 1954, Professor für Rel.päd./Prakt. Theologie an der Universität Tübingen; zahlreiche Veröffentlichungen: Religionspädagogik, Gütersloh 2006; Menschenwürde und Bildung, Zürich 2011; Brauchen Jugendliche Theologie? Neukirchen-Vluyn 2011 (gemeinsam mit Thomas Schlag).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2011

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