Brief aus der Bundeshauptstadt
Von: Dr. Siegfried Sunnus
»Post von oben« – so titelte der »Tagesspiegel« am 30.12.2009 mit der Unterzeile: »Evangelische Kirche will mit Briefkampagne engere Bande zu ihren Mitgliedern knüpfen«. Etwas anders die »Berliner Morgenpost« am selben Tag: »Evangelische Kirche startet Werbekampagne. Erstmals erhalten Protestanten in Berlin einen Dankesbrief – mit einer geistlichen Anregung.«
Vorangegangen war am Tag zuvor eine Pressekonferenz mit dem Thema: »Heute bekommen Sie Post von Ihrer Kirche, und die will nichts von Ihnen…« 12 Journalisten (darunter 7 weibliche) und auch zwei von »TV-Berlin« waren gekommen. Kirchlicherseits nahmen teil: Generalsuperintendent Ralf Meister, die Präses des Kirchenkreises Nord-Ost Sigrun Neuwerth, Ulrich Kastner, Pfarrer in der Gemeinde Bohnsdorf-Grünau, und der Öffentlichkeitsbeauftragte Pfr. Dr. Volker Jastrzembski.
In dem Gespräch wurde erläutert, dass acht von zwölf Berliner Kirchenkreisen (Ostberlin ist dabei!) dieses Projekt unterstützen und finanzieren (38 Cent pro Brief = 140.000 €): Am Morgen des 2. Januar 2010 würden 369.800 Berlinerinnen und Berliner einen Brief von Generalsuperintendenten Meister erhalten. Kein Spendenaufruf, keine Bitte um kirchliches Engagement, sondern Worte des Dankes und der Wertschätzung – und einen geistlichen Impuls würden die Empfänger lesen. Natürlich erinnerten einige Journalisten an den Brief von Bischof Huber aus dem Vorjahr, in dem die Evangelischen zu einem »Ja« in der Volksabstimmung zum Pflichtfach Religionsunterricht aufgerufen worden waren und der kritische Reaktionen hervorgerufen hatte. Dies wurde aber von diesem Brief nicht befürchtet.
Ein Projekt in diesem Umfang ist auf dem Gebiet der Evang. Kirche in einer deutschen Großstadt bislang einmalig. Fünf Tage nach dem Versand gab es mehrere hundert überwiegend positive Rückmeldungen. Viele Empfänger bedankten sich telefonisch, per Post und E-Mail oder nahmen den Brief zum Anlass, um konkrete Fragen zu stellen, etwa zur Taufe oder zur kirchlichen Eheschließung. Der Generalsuperintendent ist mit dem Pilotprojekt sehr zufrieden, das in den nächsten fünf Jahren fortgesetzt werden soll: »Wir sehen, dass wir mit dem Brief viele Menschen erreicht haben. Sie wurden geistlich angesprochen, ohne dass wir ihnen gegenüber Erwartungen formuliert hätten.«
Der Brief hat rechts oben ein blau-weißes Wolkenbild, das sich auf dem beigelegten Blatt »Freiraum« rechts von oben bis unten wiederholt und aus Ps. 36,6 die Worte zu lesen gibt: »Gott, deine Güte reicht so weit der Himmel ist«.
Der erste Absatz des Briefes überraschte nicht nur meine Frau und mich: Wir wussten gar nicht, dass wir so engagiert tätig sind – aber lesen Sie selbst:
Liebe Familie Sunnus, heute bekommen Sie Post von Ihrer Kirche, und die will nichts von Ihnen. Vielmehr möchte ich Ihnen Danke sagen. Als Mitglied unserer Kirche gehören Sie zu denen, die diese Stadt gerechter und menschlicher machen. In der Pauluskirche in Zehlendorf und der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg, in der Obdachlosenhilfe in Kreuzberg und der Kindertagesstätte am Leopoldplatz im Wedding und an unzähligen Orten verändern Sie und viele andere Christen das Antlitz Berlins: mit leidenschaftlichem Einsatz, mit Zeit und Geld, Das ist wunderbar. Dankeschön!
Diese Stadt wird nicht nur von Ereignissen bewegt, die in den Zeitungen stehen, sondern auch von himmlischen Bildern.
»Guck mal, ein Schaf, Papi!« Ich gehe mit meinem Sohn über den Alexanderplatz; weit und breit ist kein Tier zu sehen. »Da oben!« Er schaut zum Himmel. Und tatsächlich, hinter dem Fernsehturm zieht eine riesige schneeweiße Wolke vorüber: ein Schaf.
Kinderphantasien oder erwachsene Träume können das Leben manchmal mehr verändern als gewichtige Reden. Eine Wolke beglückt ein Kind, eine Idee treibt uns voran, ein Glaube lässt uns hoffen auf eine andere Welt. Als evangelischer Pfarrer in Berlin faszinieren mich diese inneren Bewegungen mindestens so sehr wie all die scheinbar harten Fakten. Der Glaube an Gott ist eine Wirklichkeit, die unsere Stadt verändert.
Am Anfang eines jeden Jahres öffnet sich ein Fenster, das uns in den Himmel schauen lässt. Noch ist nicht alles entschieden, der Terminkalender hat noch leere Seiten. Vieles ist möglich, auch in Ihrem eigenen Leben. Welche Hoffnungen und Träume tragen Sie in dieses neue Jahr hinein? Was trauen Sie sich und anderen zu, welche Wünsche scheinen unerfüllbar? Das leere Blatt kann ein Freiraum für Ihre Ideen sein. Vielleicht nutzen Sie ihn für Ihre eigenen Wünsche, die Sie beim Nachdenken über die kommenden Monate bewegen. So könnte ein persönliches Gebet entstehen, mit allem, worauf Sie 2010 hoffen.
Friede sei in Ihren Wohnungen, bei Ihren Familien und Freunden in diesem Neuen Jahr. Gott begleite Sie auf allen Ihren Wegen.
Das wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Ralf Meister
Generalsuperintendent
Leitender Geistlicher der Evangelischen Kirche in Berlin
Soweit dieser beachtliche Brief. Wenn in einer Großstadt keine Evangelische Kirchenzeitung existiert, die per Post vielleicht zehnmal im Jahr zu jeder Familie kommt, in der wenigstens ein Evangelischer lebt, dann ist diese Briefaktion ein nachahmenswertes Beispiel.
Freilich, es ist auch zu bedenken, dass manche Gemeinden sich mit anderen Gemeinden zusammengetan und an die Kirchenleitung geschrieben haben, weil sie sich benachteiligt sehen – und auf einen Antwortbrief immer noch warten…
Die »interne Kommunikation« ist nicht nur in Berlin verbesserungsfähig.
Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2010
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