Editorial
»Protestantische Profanität«
Von: PD Dr. Peter Haigis
Christen – so scheint es – sind befreit von bestimmten Frömmigkeitsübungen, von religiösen Praktiken und Ritualen, von ihrer Beobachtung und ihrer Einhaltung. Schreibt nicht der Apostel Paulus (so er es denn persönlich war) den Kolossern ins Stammbuch: »So lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines bestimmten Feiertages, Neumondes oder Sabbats.« (Kol. 2,16)? Und an die Gemeinde in Rom richtet er (nun sicher ganz authentisch) die Erinnerung: »Ich ermahne euch nun … durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.« (Röm. 12,1)
Christsein im Alltag statt ein Sonn- und Feiertagschristentum, Ethik statt Ritual – ist das die Botschaft? Gewiss überwiegt in diesen Voten die Freiheit des Evangeliums gegenüber religiösen Zwängen; es dominiert eine Haltung, die nach der Durchdringung von Welt und Gesellschaft mit der Botschaft des auferstandenen und lebendigen Jesus Christus fragt, gegenüber der Orthopraxie spezifisch-religiöser Handlungen. Der Protestantismus scheint hier besonders weit entfernt zu sein von den orthodoxen Kirchen Osteuropas, Russlands, Vorderasiens oder Ostafrikas – fast so, als handle es sich hierbei um die zwei Enden einer Messlatte. Es scheint eine Art »unterirdische Arbeitsgemeinschaft« zu geben zwischen Protestantismus und Profanität: Alles hat doch eine religiöse Dimension – das Essen, die soziale Gemeinschaft, die Zeiteinteilung, die Mobilität. Deshalb bedarf es keiner besonderen Bezirke, in denen ein »heiliges Essen«, eine »heilige Gemeinschaft« gepflegt wird. Es bedarf keiner besonderen Bezirke in Zeit, Raum und Gesellschaft, die dem Heiligen ausgespart bleiben.
Das wäre das Ideal – die vollständige Durchdringung der Welt mit Gottes Geist, die vollendete Theonomie (Paul Tillich), Gott – alles in allem. Doch es ist das Eschaton – und die Wirklichkeit, in der wir leben, sieht anders aus. In den säkularen Verzweckungen (auch Selbstzwecklichkeiten) einer Gesellschaft und Kultur, die auf heilige Bezirke verzichtet, geht die religiöse Dimension zwangsläufig unter; sie verschwindet, nicht real, aber in den Abbildungen, die wir uns von unserer Wirklichkeit machen, geht sie verloren, wird unsichtbar – die Welt wird flach.
Deshalb tut uns Protestanten die Erinnerung an das Heilige von Zeit zu Zeit gut und es lohnt die nachholende Lektion, dass es neben unserem profan gewordenen Essen »heilige« Mahlzeiten und das Fasten, neben unseren profanen Sozialgemeinschaften auch geistlich-klösterliche Formen des Zusammenlebens, in der profanen Zeiteinteilung Tagzeitengebete und neben dem Reisen auch das Pilgern gibt.
In diesem Heft geht Klaus Nagorni der besonderen Form des Pilger-Reisens nach. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit der kirchlichen Aufgabe der Altenseelsorge als einem echten Zukunftsthema. Zwei Aufsätze nähern sich von unterschiedlichen Seiten herkommend theologisch der Frage nach dem Glück.
Bei alledem und vielem anderen wünsche ich Ihnen Gottes Segen und eine vergnügliche bis nachdenklich stimmende Lektüre
Ihr
Peter Haigis
PS: Ich bin verschiedentlich nach einer Quelle gefragt worden, wo denn das im letzten Heft zitierte Kairos-Palästina-Dokument nachzulesen sei. Eine Internetadresse kann ich angeben: http://www.oikoumene.org/de/dokumentation/documents/other-ecumenical-bodies/kairos-palaestina-dokument.html (dort auch als pdf-Datei zum Download verfügbar).
Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2010
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