Von: Joachim Friebe
Wir beten im Vater unser, Gottes Name möge geheiligt werden. Wir beginnen Rituale im Namen Gottes. Mit den Psalmen preisen wir Gottes Namen. Irgendwann wollte ich mir klar machen, was ich damit eigentlich meine. Ich entdeckte eine faszinierende Thematik, eine Geschichte voller Tragik, voller Verdrängung, und auch eine große Chance. Denn die Bibel enthält einen wunderbaren Namen für Gott in verschwenderischer Fülle. Über sechstausendmal findet er sich in den Schriften, nur – er ist nicht angekommen bei uns, nicht in unseren Gottesdiensten, nicht in unseren Liedern, Gebeten, Predigten, Katechesen, nicht in unserer Spiritualität. Ein verschütteter Schatz wartet darauf, wiederentdeckt zu werden.
Alles fängt an mit der Stimme aus dem Brennenden Dornbusch und mit Mose, der sich fürchtet vor einem gefährlichen Auftrag.
»Wenn sie mich dann fragen werden Was ist es um seinen Namen?, was soll ich ihnen antworten?« Mose hört die Weisung, die Mut machen und Zuversicht geben will: »Ich bin Ich-bin-da. Sag ihnen: Ich-bin-da hat mich zu euch gesandt.«
Die Erzählung im 2. Buch Mose 3, 1-15 von der Begegnung zwischen Mose und Gott in der Szenerie vom Brennenden Dornbusch gehört zu den Schlüsselerzählungen in der Bibel. Sie enthält eine Kernaussage darüber, wie in der Geschichte Israels die Beziehung zwischen Gott und seinen Menschen geglaubt wurde. Sie prägt die Gottesvorstellung der Bibel. Wer seine eigene Vorstellung von Gott an der Bibel orientieren will, findet in dieser Geschichte Anstöße von wesentlicher Bedeutung.
In der Erzählung vom Brennden Dornbusch gibt Gott eine verbindliche Deutung des uralten Namens Jahweh, dessen ursprüngliche Bedeutung offensichtlich damals verloren gegangen oder zumindest nicht mehr sicher zu erkennen war. Man solle, so sagt die Erzählung mit der Autorität Gottes selbst, aus diesem Namen heraushören: Ich-bin-da. »Das ist mein Name auf ewig, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht« (3,15).
Es gibt zu diesem ganzen Fragenkreis eine exegetische Untersuchung von höchster Kompetenz und Wichtigkeit aus der Feder des jüdischen Theologen Franz Rosenzweig.1 Seine Folgerung, nach der Ich-bin-da (zugleich zu verstehen als Ich-werde-dasein) die bestmögliche Übersetzung sei, ist heute allgemein akzeptiert. Rosenzweig weist auch nach, daß die Dornbusch-Erzählung zudem festlegen will: Der Gottesname Jahweh soll nicht nur in dieser Geschichte, sondern grundsätzlich in allen Texten als Ich-bin-da verstanden werden. Wo auch immer man diesen Namen in den biblischen Schriften liest, soll man in ihm Ich-bin-da erkennen. In den hebräischen Bibeltexten ist das sechstausendachthundert Mal der Fall! Rosenzweig findet dafür den schönen Vergleich mit einem Feuerwerkskörper, der beim Explodieren sein Licht in unzähligen Funken über die ganze Bibel verstreut, mit der Macht einer Glut, die alles durchdringt.
De facto wurde und wird der so häufig vorkommende Gottesname Jahweh in unseren Übersetzungen (ebenso wie in allen anderen Sprachen) nicht mit Ich-bin-da wiedergegeben. Man liest stattdessen fast immer: Herr oder der Herr. Die Übersetzer berufen sich dabei auf eine »alte Tradition«. Wie kam es dazu?
a) Der Gottesname in biblischer Zeit
Nachdem man in Israel zunächst viele Generationen hindurch die biblische Anweisung befolgt und Gott wie selbstverständlich Jahweh genannt hatte, gewannen allmählich Bedenken die Oberhand. Man vermied es immer mehr, den Gottesnamen überhaupt auszusprechen.
Der Grund dafür scheint eine besonders strenge Auslegung des Gebotes gewesen zu sein »Du sollst den Namen JHWHs, deines Gottes, nicht mißbrauchen, denn JHWH läßt den nicht ungestraft, der seinen Namen mißbraucht« (2. Mose 20,7). Offenbar aus Angst, dieses Gebot zu verletzen, sind die Gesetzeslehrer damals dazu übergegangen, den Namen gar nicht erst »in den Mund zu nehmen«. So wird es in jüdischen Gemeinden überliefert und bis heute eingehalten.
Natürlich brauchte man nun ein Ersatzwort, das man ohne Skrupel an Stelle des eigentlichen Gottesnamens aussprechen durfte. Weil es am einfachsten war, griffen die meisten auf das allgemeine Wort Gott zurück, hebräisch Elohim.
Parallel dazu oder bald darauf verbreitete sich auch noch eine andere Angewohnheit. Wenn die Rabbinen aus der Thorarolle oder aus anderen Teilen der Heiligen Schrift vorlasen und auf den Gottesnamen stießen, sagten sie an dessen Stelle nicht Elohim (Gott), sondern schwiegen einen Augenblick und fügten einen Gebetsruf ein: Adonaj!, zu deutsch: Mein Herr! Auf diese Weise gleiten fromme Juden beim Lesen und Vorlesen des hebräischen Bibeltextes bis zum heutigen Tag dort, wo der Name vorkommt, ins Beten hinüber: Adonaj! Mein Herr! – immer wieder, ein ständiger Wechsel zwischen Lesen und Beten. Franz Rosenzweig sagt, ein inniger Unterton schwinge darin mit; mitten im Lesen erhebe sich durch diese Praxis das Herz immer wieder zum Himmel hinauf.
Adonaj! Mein Herr! war und ist bei den Juden also nicht als Ersatz für den Gottesnamen in Gebrauch, sondern stellt sich jedesmal als Antwort in Form eines Stoßgebets ein, wenn die Augen des Lesenden den Gottesnamen im Text erblicken.
Sicherlich kann man darauf verweisen, daß der eigentliche Mißbrauch des Gottesnamens nicht im gelegentlich flüchtigen Aussprechen besteht, sondern darin, daß Menschen für die Rechtfertigung eigener Interessen sich auf Gott berufen. Christen sollten dennoch sorgfältig darauf achten, daß sie das jüdische Empfinden in diesem Punkt nicht verletzen. Wir sollten die hebräische Form des Gottesnamens nur sehr behutsam und respektvoll verwenden.
b) JHWH im deutschsprachigen Judentum
Bis ins 19. Jahrhundert hinein wählten jüdische Übersetzer im Deutschen für JHWH das allgemeine Wort Gott.
Es war der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn, der sich wohl als erster bewußt machte, daß die Bedeutung, die die Bibel dem Namen JHWH verliehen hatte, bei Übersetzungen mit übertragen werden müsse. Er wählte schließlich für JHWH die deutsche Bezeichnung »der Ewige«. Seine Bibelübersetzung insgesamt fand zwar keine besondere Beachtung, doch seine JHWH-Wiedergabe »der Ewige« wurde überall mit offenen Armen aufgenommen. Die meisten späteren jüdischen Bibelübersetzungen und liturgischen Texte haben sie übernommen und verwenden sie bis heute.
So beliebt »Der Ewige« wurde, so weit bleibt diese Bezeichnung doch zurück hinter der Gottesvorstellung, die die Bibel vermitteln will. Nicht über Gottes zeitlose Existenz will die Bibel reden, sondern über die Beziehung, in der Gott und die Menschen miteinander leben. Die Übersetzung »Der Ewige« ist dafür nicht geeignet. Das herauszuarbeiten, war der Anlaß für Franz Rosenzweigs besagten Aufsatz.
Aber auch Franz Rosenzweig versuchte nicht, »Ich-bin-da« im Deutschen als Namen zu etablieren. Unter dem Einfluß seines Freundes, des jüdischen Gelehrten und Sprachgenies Martin Buber, entschied er sich für eine andere Lösung. Beide hatten sich an das große Projekt einer Neuübersetzung der Bibel herangewagt, und natürlich mußten sie dabei gleich zu Beginn die Aufgabe bewältigen, für JHWH einen passenden deutschen Namen zu finden. Es scheint, daß Martin Buber es für nicht möglich hielt, dieses dreisilbige Sätzchen Ich-bin-da als die deutsche Fassung des Gottesnamens einzuführen.
Es kam ihnen schließlich wie eine Erleuchtung die Idee, JHWH mit dem persönlichen Fürwort ER (und dessen Deklinationsformen) zu übersetzen. Wenn im biblischen Text von JHWH geredet wird, wird in Bubers Übersetzung von IHM gesprochen. Wenn Gott selbst redet, heißt es dann ICH, wenn Menschen ihn ansprechen, DU. Die beiden Gelehrten hofften, die Leute würden aus diesem persönlichen Fürwort immer auch die ganze Bedeutung des Gottesnamens »Ich-bin-da« mit heraushören können. Voraussetzung dazu sei freilich, meinten sie, daß es immer »mit explosiver Kraft« gelesen werde, also mit ganz besonderer Betonung, und dadurch an den biblischen Zusammenhang mit Ich-bin-da erinnere. In der Praxis erweist sich das freilich als sehr schwierig.
So hat es sich also ergeben, daß von jüdischen Gläubigen der eigentliche biblische Gottesname bis heute nicht verwendet wird. In manchen jüdischen Gemeinden wird selbst der Gebetsruf Adonaj! aus Ehrfurcht gemieden – als Ersatz bildete man u. a. eine Wortmischung aus Adonaj und haschem (= der Name), die »Adouschem« lautet. Ansonsten greift man zu Mendelssohns Lösung »der Ewige« oder zu Worten wie: Der Eine, Der Heilige, Der Barmherzige, und fügt gern hinzu »Gepriesen sei sein Name!«.
Freilich ist für Juden der Name Gottes intensiv gegenwärtig in seiner schriftlichen Gestalt mit seinen vier hebräischen oder lateinischen Schriftzeichen JHWH – in der Thora, auf Wänden und Fenstern von Synagogen, auf Grabsteinen, in Bildern. Man darf sicherlich annehmen, daß vielen Juden seine Botschaft »Ich-bin-da« gut vertraut ist.
c) Der Gottesname im Christentum: Vom Herrn verdrängt
In der Septuaginta hatten die Übersetzer, wie man erst seit wenigen Jahren weiß, für den Gottesnamen kein griechisches Wort gesucht, sondern immer, wenn er im Text vorkam, das Tetragramm JHWH mit hebräischen, manchmal auch griechischen Lettern in den griechischen Text eingefügt.
In den immer zahlreicheren heidenchristlichen Gemeinden konnte man aber mit dem so häufig im Text auftauchenden hebräisch geschriebenen Gottesnamen wenig anfangen. Was also tun? Welches griechische Wort sollte man an seiner Stelle wählen?
Ob man damals die Tragweite erkannte, die in dieser Frage lag? Denn in dieser Situation entschied sich für viele Jahrhunderte, welches Bild vom Gott der Bibel den größten Einfluß auf die Menschen ausüben würde, weil es als Name für Gott mehrtausendfach die schriftlichen Glaubensurkunden der christlichen Welt prägen sollte.
Griechische Gebildete, ob getauft oder nicht, waren gewohnt, in anderen Kategorien zu denken als jüdische Schriftgelehrte. Ihnen lagen mehr die weiten Horizonte, die großen Visionen, die Fragen nach dem, »was die Welt zusammenhält«, die Suche nach der ewig gültigen Ordnung der Welt. In dieser Ordnung steht »Gott« für das Prinzip, das Wesen, das alles hervorgebracht hat und über alles herrscht, heilig, ewig, allmächtig, unsterblich. Gott ist der »Pantokrator«, der Allesbeherrscher, dem Menschen und Kosmos unterworfen sind.
In der Atmosphäre solch erhabener kosmischer Ideen wirkte möglicherweise die Vorstellung allzu fremdartig von einem Gott, der, wie die Dornbuschgeschichte erzählt, »herabgestiegen« war von seinem fernen hohen Thron, um einem kleinen geknechteten Volk Mut zu machen, aus seiner Knechtschaft aufzubrechen und um es selbst auf dem Weg zu begleiten. Ob den meisten vielleicht die Antenne fehlte für das Außergewöhnliche, ja Unerhörte dieser jüdischen Gottesidee? Die Aufmerksamkeit fiel wohl schwer für das Bild eines Gottes, der seinem Volk ganz nahe und mit ihm unterwegs ist, um ihm zu helfen, den Weg in ein schönes und geräumiges Land zu finden, »darin Milch und Honig fließen«. Die geschichtliche, prozeßorientierte Vorstellung hinter diesem Gottesbild war dem griechischen Denken nicht besonders vertraut.
Aus griechisch-christlicher Perspektive konnte darum Gott dem Mose in der Szene am Dornbusch auf die Frage nach seinem Namen offenbar nicht so geantwortet haben, wie es im hebräischen Original gemeint ist: »Ich-bin-da und werde dasein für euch, was immer geschieht«. Nein, das entsprechende hebräische Wort ließ sich ja auf einer scheinbar viel »höheren« Ebene verstehen: »Ich bin = Ich existiere, erhaben über die Zeit, ohne Anfang und Ende.« Also ergriff man die Chance und schrieb im griechischen Text der Dornbuschgeschichte: »Gott antwortete dem Mose: Ich bin der Seiende. Sag den Israeliten: Der Seiende (O ΩN) hat mich zu euch gesandt.« Mit dieser Fehlinterpretation waren dann auch die Weichen bereits gestellt für die Entscheidung, welches griechische Wort als Gottesname dienen könnte.
Es hatte sich in der griechischen Welt ein Titel eingebürgert, mit dem, ähnlich wie mit einem Namen, zusammengefaßt werden konnte, womit man Gott charakterisieren zu müssen glaubte: seine Allmacht, sein Herrschertum, seine zeitlose Existenz. Längst lag dieses Wort in der Luft und war schon überall präsent, das Wort, mit dem man Gott doch wohl am besten kennzeichnen konnte: Ho Kyrios, Der Herr. Und bald stand in jedem Bibeltext, den griechisch sprechende christliche Gemeinden benutzten, überall dort, wo zuvor JHWH zu lesen war, also sechstausendachthundert Mal, der beliebte Titel für Gott: Ho Kyrios, Der Herr.
Späteren Christengenerationen war der hebräische Originaltext kaum noch zugänglich, geschweige denn verständlich. Maßgebend war jetzt nur noch der griechische Text, und der hatte einen neuen Maßstab gesetzt. Zu Gott gehörte nicht mehr der Name Ich-bin-da, sondern mit überwältigender Allgegenwart der Titel der Herr. Name und Titel galten von nun an als identisch.
Um das Jahr 400 stellte im Auftrag des Papstes Damasus I. der sprachbegabte Bischof Hieronymus aus vorhandenen Bausteinen wie auch aus eigener Arbeit eine lateinische Übersetzung zusammen, die vom Papst approbiert und in den Rang eines offiziellen und verbindlichen Bibeltextes erhoben wurde, »Vulgata« genannt. JHWH war darin wie selbstverständlich zu Dominus geworden.
Damit war das Schicksal des biblischen Gottesnamens für lange Zeit besiegelt. Viele Jahrhunderte lang, bis über das Mittelalter hinaus, studierten die, die lesen konnten, die Bibel fast ausschließlich in ihrer lateinischen, im ostkirchlichen Gebiet in ihrer griechischen Gestalt. Im Zentrum der biblischen Rede von Gott aber stand in beiden Sprachen die ganze Zeit über für den Namen Gottes immer ein Ersatzwort, das jedermann selbstverständlich als originalgetreue Wiedergabe ansah, das in Wirklichkeit aber nicht einmal ein Name, sondern nur ein Titel war: Kyrios, Dominus, zu deutsch: Herr.
Das Gottesbild der Herr hatte also jahrhundertelang Zeit, Zeit in Überfülle, um sich im Fühlen und Denken der Christen einzunisten. Die biblische Vorstellung von einem Gott, der als Ich-bin-da mitten unter den Menschen wirkt, wurde durch den allgegenwärtigen Titel Herr, der Hoheit und Distanz unterstreicht, ganz in den Hintergrund gedrängt. Gott wirkt aus der Höhe als heiliger, starker, unsterblicher Herrscher, nicht aus unmittelbarer Nähe, nicht mit seinen Menschen gemeinsam einen Weg gehend.
Wir sprechen z. B. beim liturgischen Segen: »Der Herr segne dich und behüte dich …« Der wirkliche biblische Text aber lautet: »Ich-bin-da« segne dich …«.
Wir hören z. B. aus Ps. 33, 20f: »Unsere Seele harrt auf den HERRN, … wir trauen auf seinen hochheiligen Namen.« Bibelgemäß müßten wir vernehmen: »Unsere Seele harrt auf Ich-bin-da, … wir vertrauen auf seinen hochheiligen Namen.« Ich-bin-da öffnet den inneren Blick auf Gott ganz anders als der HERR.
Es spricht sehr für Luthers gewissenhaften Umgang mit dem biblischen Text, daß er – vielleicht in seiner Epoche als erster – die Ungereimtheit entdeckte zwischen dem bedeutungsreichen Gottesnamen JHWH im hebräischen Original und dessen Wiedergabe in der griechischen Septuaginta mit Kyrios, in der lateinischen Vulgata mit Dominus.
Er wollte, daß man beim Lesen in der Bibel unterscheiden könne, wo »(der) Herr« eine echte Übersetzung ist und wo derselbe Titel nur eine Chiffre darstellt für den biblischen Gottesnamen JHWH. Das meinte Luther, dadurch erreichen zu können, daß er dieses Wort jedesmal, wenn es als Ersatz für JHWH verwendet wurde, mit zwei großen Anfangsbuchstaben schrieb, also: (der) HErr. Bald wurde in den folgenden Druckausgaben daraus ein Wort ganz in großen Lettern: HERR.
Der mehrtausendfache optisch auffällige HERR der Luther-Übersetzung weckte allerdings nicht die Erinnerung an die biblische JHWH-Deutung. Das Gegenteil ist vielmehr eingetreten. Wer die Absicht hinter Luthers Großschreibung des HERRN nicht kannte – das waren und sind bis heute die meisten der Leser – mußte ja davon ausgehen, daß der so hervorgehobene HERR auch im Originaltext der Bibel einen besonders herausragenden Platz einnimmt. Die großen Lettern scheinen die Ehrfurcht vor eben diesem Gottestitel HERR nur umso dringlicher zu fordern. Sie scheinen den absoluten Vorrang gerade dieser Bezeichnung für Gott zu betonen.
In der Praxis hat also diese Großschreibung nicht den Blick freigegeben auf den eigentlichen Gottesnamen. Im Gegenteil. Sie hat das Ersatzwort HERR wie mit einem Scheinwerfer angestrahlt und noch gewichtiger hervortreten lassen.
Luthers Übersetzung wurde mehrmals, zuletzt 1984, überarbeitet. Am Umgang mit dem Gottesnamen gab es jedoch für protestantische Theologen offensichtlich bisher nichts zu verbessern. Das Gottesbild eines großen HERRN beherrscht auch in den »revidierten« Ausgaben unangefochten die biblische Szene. Die Begründung dafür läßt staunen. Man verweist schlicht auf »eine alte Tradition«, auf ein angeblich »schon vorchristliches Herkommen«.
Mit diesem Argument werden die Leser zum einen in die Irre geführt. Ein »vorchristliches Herkommen« nämlich ist der Brauch, den biblischen Gottesnamen durch HERR zu ersetzen, keineswegs. Die Juden haben JHWH im Text niemals angetastet oder gar ersetzt. Sie haben sich vielmehr angewöhnt, ihre Ehrfurcht vor diesem Namen beim Vorlesen mit dem antwortenden Gebetsruf »Mein Herr!« zum Ausdruck zu bringen. Das ist ein großer Unterschied.
Zum anderen muß man erstaunt feststellen: Hier bewerten evangelische Theologen eine (angeblich) »alte Tradition« höher als die seit der Reformation vielbeschworene getreue Überlieferung von Gottes Wort. Franz Rosenzweigs und Martin Bubers Kritik an diesem Ersatzwort (»Herr« als Wiedergabe des Gottesnamens sei »einfach falsch«, ja »bis zur Verzweiflung unerträglich«) und ihre Mahnung, hier die Kernbotschaft der Bibel nicht zu entstellen oder zuzudecken, ist dabei auf taube Ohren gestoßen.
Die zweitwichtigste Übersetzung aus reformatorischer Zeit, die Zürcher Bibel, erlaubt es genauso großzügig dem »Herrn« (kleingeschrieben), das biblische Bild des Gottes Ich-bin-da gründlich zu verdecken, und rechtfertigt diesen Fehler mit dem gleichen irreführenden Verweis auf das angeblich »jüdische Vorbild«.
Verbreitet und beliebt ist inzwischen eine Übersetzung »in heutigem Deutsch«, die Gute Nachricht Bibel. Sie tritt mit dem Anspruch auf, den Sinngehalt des Urtextes verständlich zu machen; dies sei ihr wichtigster Grundsatz. In der Erzählung vom Brennenden Dornbusch schreibt diese Übersetzung: »Gott antwortete: Ich bin der Ich-bin-da; und er fügte hinzu: Sage den Israeliten: Der Ichbin-da hat mich zu euch geschickt: Der HERR!«
Hier wurde mit »Ich-bin-da« der Sinn des hebräischen Textes wirklich erfaßt, und die Bindestriche deuten sogar an, daß dieser kleine Satz wie ein Name aufzufassen sei. Doch sofort verwandelt sich die Zustimmung in umso größere Enttäuschung. Die Übersetzer scheuten nicht davor zurück, das Ersatzwort »der HERR« so in den Text einzufügen, als habe Gott persönlich es dem Mose als gleichberechtige Alternative zu »Ich-bin-da« mit auf den Weg gegeben. So gaben sie sich selbst grünes Licht dafür, den Herrn (früher klein geschrieben, seit der letzten Ausgabe in Großbuchstaben) mit Selbstverständlichkeit weiterhin mehrtausendfach an die Stelle von Ich-bin-da zu setzen.
Vor allem in katholischen Gemeinden des deutschen Sprachraums ist heute die Einheitsübersetzung in Gebrauch. Sie gibt die Namensbedeutung in der Dornbusch-Geschichte selbst mit »Ich-bin-da« optimal wieder. Doch in einer Anmerkung belehrt sie ihre Leser mit der verblüffenden Behauptung, der eigentlich gemeinte Sinn des Gottesnamens sei »der Herr«. Damit werden Tatsachen auf den Kopf gestellt. Ich-bin-da wird auf einmal zum Ersatzwort für den Herrn. Der Titel Herr beherrscht dann folgerichtig die Texte der Einheitsübersetzung.
Wer in Buchhandlungen oder Versandhäusern nach einer Schmuck- oder Familienbibel sucht, stößt bald auf eine schon ältere Übersetzung der Professoren Hamp, Stenzel und Kürzinger, die früher auch in Gottesdiensten verwendet wurde und als Hausbibel nach wie vor gern erworben wird. Ihre Übersetzung »Ich bin, der ich bin« bleibt, wie vor einem halben Jahrhundert üblich, dem philosophierenden Mißverstehen verhaftet. Ansonsten wird darin kommentarlos der Gottesname durch »der Herr« ersetzt.
Kritische Beurteilung:
In der Auseinandersetzung zwischen griechischem und semitischem Denken geriet der Gottesname der hebräischen Bibel gleich am Anfang der christlichen Geschichte unter die Räder. Die Idee von Gott als dem Herrn war wohl derart selbstverständlich, daß sie als nicht hinterfragbar galt und wie ein Magnet jede andere Gottesvorstellung in ihren Bann zog und vereinnahmte.
Kaum begreiflich scheint jedoch die Unbekümmertheit, mit der sich noch in unseren Tagen Theologen und Kirchenmänner, sofern sie für die gebräuchlichen Übersetzungen und für liturgische Sprachregelungen verantwortlich sind, über ihre eigenen Erkenntnisse hinwegsetzen und den biblischen Gottesnamen Ich-bin-da verbergen. Die biblische Vorstellung eines Gottes, der mit uns Menschen helfend und Mut machend auf dem Weg ist, wird nach wie vor erschwert durch das alles beherrschende Bild des Herrn.
Man führt für das Beharren auf der Wiedergabe des Gottesnamens mit Herr ein ebenso simples wie falsches »es war schon immer so« ins Feld. Während sich jüdische Gelehrte immerhin intensiv um eine bibelgerechte Übersetzung des Gottesnamens in unsere Sprache bemüht haben, sahen anscheinend die christlichen Theologen bisher dazu keine Veranlassung. Seit auch Frauen im bibelwissenschaftlichen Bereich Einfluß zu nehmen beginnen, äußern sie gelegentlich Kritik an der Chiffre »Herr«, konnten oder wollten bisher aber die Übersetzungen noch nicht verändern.
Soweit ich es überblicken kann, ist die Fixierung auf das Gottesbild der Herr ein internationales Phänomen. The Lord, Le Seigneur, Il Signor, De Heer, Gospod, Pan oder wie auch immer – überall wird der wirkliche Gottesname unterschlagen, und an seine Stelle tritt der Herr.
Manche Übersetzer bedauern die übliche Wiedergabe des biblischen Gottesnamens mit der Herr auch selbst, und sie argumentieren, dies sei zu einer absolut unerschütterlichen Tradition geworden, es gebe kein Zurück und keine Alternative. Doch warum sollte ein Fehler, auch wenn er sich noch so fest in die Texte eingegraben hat, nicht behoben werden können, wenn sich nur möglichst viele beherzt und geduldig mühen?
Hin und wieder taucht der Vorschlag auf, man solle doch einfach den hebräischen Gottesnamen Jahweh in alle anderen Sprachen hinein übernehmen. Das könnte man jedoch nicht tun, ohne das religiöse Empfinden vieler Juden sehr zu verletzen. Aber auch dem Anliegen der Bibel wäre damit nicht gedient, weil die Assoziation zwischen Jahweh und Ich-bin-da nur in der hebräischen Sprache möglich ist. Wer der biblischen Botschaft gerecht werden will, muß beim Übersetzen den Inhalt vermitteln, den die Bibel mit diesem Namen verknüpft hat.
Ein erster Schritt wäre auf jeden Fall sofort möglich. Man könnte die Menschen gut informieren und sie einladen, damit zu beginnen, den biblischen Gottesnamen Ich-bin-da zu verwenden und für seine Verwendung zu werben.
Anmerkungen:
1 »Der Ewige« – Mendelssohn und der Gottesname, in: Die Schrift. Aufsätze, Übertragungen und Briefe, hrsg. v. Karl Thieme, Königstein/Ts. 1984, S.34–50.