Von: Frithard Scholz
Im Zwielicht, unvermeidlich
Ob man es ein ekklesiologisches Leitbild schon nennen darf, was sich da in den letzten 20 Jahren des »Jahrhunderts des Kirche« (Dibelius) ›herausgemendelt‹ hat? »Neu anfangen« und »Brücken bauen« heißen regionale Engagements seit den frühen 80er Jahren. Die VELKD propagierte ihre Doppelstrategie - »Verdichten« und »Öffnen«. Das Paradigma »Gemeindeaufbau« wurde (wieder) entdeckt und von neuem dekliniert - teils gepflegt nach akademischen Standards, teils zur ›Handreichung‹ für die PraktikerInnen gestückelt. Die EKD verbreitete die Studie »Christsein gestalten«, das Evangelische München-Programm fand überregional Resonanz und abgestufte Nachahmung, und kurz vor Toresschluss des Jahrhunderts melden sich die Kirchen der Arnoldshainer Konferenz mit dem Votum »Evangelisation und Mission« ebenso wie die EKD-Synode E. Jüngels Leitreferat zur selben Sache würdigt: 1999, in Leipzig.
Sprechend genug Zeitpunkt und Ort, zehn Jahre nach den Montagsgebeten, um die Aufmerksamkeit für das angesagte Thema »Missionarische Kirche« bei den unmittelbar Beteiligten zu fördern: da mag es von vergleichsweise geringem Belang sein, ob sich einige der Synodalen erinnert haben an das Papier aus der ›Spinnstube‹ des EKD-Kirchenamts »Strukturbedingungen der Kirche auf längere Sicht« (1986). Immerhin war da anhand von Modellrechnungen den EKD-Kirchen für die bevorstehenden Jahrzehnte eine drastische Schrumpfung in Aussicht gestellt worden: zu rechnen sei mit einem überproportionalen Schwund der Mitgliederzahl und einem noch stärkeren Rückgang der kirchlichen Einnahmen aus Steuern - und nun tragen die Leipziger Synodalen schon an Erfahrungen mit den kirchlichen Folgen des politischen Bebens von 1989, asymmetrisch genug zwischen West und Ost, Süd und Nord. Realität eines scenario, das die Analytiker von 1986 noch nicht einmal ins Kalkül gezogen hatten.
Aber gleichviel: gesellschaftliche Prognostik gilt immer unter der Voraussetzung, dass nichts Weiteres geschieht (ceteris paribus, wie die Soziologen sagen). Und eben drum, erst recht nachdem das wirkliche Leben mit seiner auch kirchenstatistischen Symptomatik die papiernen Modelle schneller als gedacht durch Tatsachen ersetzt hat - eben drum soll etwas geschehen: die Kirche soll (und will, vielleicht) »missionarisch« werden.
Freilich: die letzten 20 Jahre, denen die Konjunktur des Themas sich offenkundig verdankt, sind ein verfänglicher Moment der deutschen Kirchengeschichte, und der rückt diese Selbstaufforderung ins Zwielicht. Gewiss lässt sich der Vorsatz, »Missionarische Kirche« zu werden, ohne weiteres positiv begründen als Rückbesinnung auf das Selbstverständnis, das für Kirche seit dem in die Abschiedsrede Jesu zurückverlegten »Gründungsaufruf« Matth 28 maßgeblich ist und das sie auch kontinuierlich, wenngleich in geschichtlich schwankender Intensität und Gestalt, praktiziert hat. Aber es lässt sich im vorhinein kaum zweifelsfrei machen, ob nicht das Modell »Missionarische Kirche« in erster Linie die ansehnliche Fassade eines puren Selbsterhaltungsimperativs ist und die durchaus als selbstlos anzuerkennenden Begründungsfiguren bloße Hilfsargumente ohne konstitutive Bedeutung sind.
Dieses Zwielicht, so wenig schmeichelhaft es sein mag für die Kirche und ihre guten Vorsätze, ihrem Sendungsauftrag wirksamer zu entsprechen: es ist unvermeidlich. Um so wichtiger wird es sein, darauf zu achten, dass die konkreten Schritte der Realisierung des Projekts »Missionarische Kirche« dessen menschendienlichen Charakter unterstreichen und es nicht als Ardennen-Offensive im Verteilungskampf um Anteile am gesellschaftlichen Meinungsmarkt entlarven.
»Einladende Kirche« in der Fortschrittsfalle?
Klar ist: Missionarische Kirche muss werben, muss einladend sein, wenn ihr die Menschen wegbleiben, wenn mit der Selbstverständlichkeit von Volkskirche der Ekklesiologie des ›Immer-schon…‹-Arguments die soziale Realität entgleitet und die - wie auch immer großen - Bemühungen einer Praxis der Bestandspflege als unzureichend, vielleicht verkehrt angesetzt gar, sich erweisen.
Kirche muss in unserer Gesellschaft als eine einladende präsent sein und bleiben, um (in vielen Hinsichten) Schlimmeres zu verhüten - der Menschen wegen, oder (um es ein wenig fülliger, mit der Formel des 1. Timotheusbriefes, auszudrücken) weil »Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen«.
Ein einladendes Profil der Kirche steht unter dieser doppelten, eben auch höchst irdischen Notwendigkeit, sich mehr Menschen zu erschließen und Menschen intensiver zu vergegenwärtigen, was ihnen gut tut. Verlangt beispielsweise breitere und qualifiziertere Öffentlichkeitsarbeit, Präsenz in den sog. ›Medien‹, nicht weniger denn stärker lebensweltbezogene ›Übersetzung‹ ihres »Orientierungswissens« (Scheler). Die Rezepte sind bekannt und marktgängig. Die notorischen Komparative machen allerdings deutlich: Unter derartigen Bedingungen, die Selbsterhaltung kirchlicher »Bestände« nur noch durch gut gemeinte (ja: auch gut gemachte!) Maßnahmen der Selbststeigerung vorstellbar sein lassen, deren Affinität zum ebenso maß- wie herrenlosen »Fortschritt« auf der Hand liegt, bekommt das Programm »Missionarische Kirche!« eine gefährliche Schlagseite zur blanken Erfolgsorientierung hin. Gerade darum darf nie in Vergessenheit geraten, dass die Kirche - schon gar nicht in ihrer je und je vorfindlichen Gestalt - nie Zweck an sich selber, sondern allemal Mittel ist. Eine einladende Kirche, die die Menschen gewinnen und doch nicht um das betrügen will, wohin und worum willen sie sie einlädt, wird die Spannung aushalten müssen, die missionarischer Existenz eigentümlich ist, zumal einer, die nicht bloß für die, sondern allen Ernstes mit der Wahrheit zu werben hat: die Spannung zwischen der Orientierung an ihrer Botschaft und der Orientierung an der Aufnahmebereitschaft derer, denen die Botschaft gilt.
Rückbesinnung aufs Elementare: das Erste Gebot
Die Kirche wird nicht Ja und Amen sagen dürfen zu allem, was sowieso gesagt und gelebt wird - weder in gängiger Affirmation noch in wohlfeiler Kritik gegenüber gegebenen Gestalten des Lebens. Denn die Wahrheit, für die und mit der Kirche um Menschen zu werben hat und die Namen und Angesicht des gekreuzigten Gottes trägt, ist eine inklusive und exklusive Wahrheit zugleich. Sie gilt allen, ohne doch alles Mögliche gelten zu lassen. Dieser Wahrheit entspricht Missionarische Kirche, indem sie den Umgang mit der »Schwierigkeit nein zu sagen« (Klaus Heinrich) ein- und ausübt, eben: in Reden und Leben, »ihrer Botschaft und ihrer Ordnung« (Barmen III) die Spannung zwischen einladender Offenheit und abweisender Bestimmtheit aus- und durchhält. Indem sie die prekäre Balance sucht zwischen moralischer Differenzierung - in Sachen GenEthik, »Schöner neuer Arbeitswelt« (Ulrich Beck), informationellem Selbstbestimmungsrecht in der Zeit des Internet (und was immer ihr von der »Welt« auf die »Tagesordnung« geschrieben werden mag) - und der Konsonanz mit dem Gefühl von Musils »Mann ohne Eigenschaften«: »man kann seiner eigenen Zeit nicht böse sein, ohne selbst Schaden zu nehmen«.
Das wird ihr am leichtesten gelingen und überhaupt am sachgemäßesten geschehen in der Rückbesinnung auf jene elementare Gestalt ihrer Botschaft, in der Einladen und Abweisen am dichtesten miteinander vermittelt sind: in der beharrlichen Predigt des Ersten Gebots, das Mitte alttestamentlicher Frömmigkeit und ineins damit Summe des Evangeliums ist, das Jesus der Christus in Leben und Geschick verkörpert. Im Hören auf das Erste Gebot wird Missionarische Kirche das Ja, das zu ihr gesagt ist und von dem her sie selber lebt, weitergeben und zugleich das Nein, das auch ihr gilt, in eigener Konsequenz ihrer Zeitgenossenschaft konkret auslegen können.
Dem natürlichen Verstand wird freilich nicht auf den ersten Blick einleuchten, inwiefern ein apodiktisches Verbot, wie der präskriptive zweite Teil des Ersten Gebots es ausspricht, einladendes Reden einer Missionarischen Kirche soll begründen können. Nun ist freilich die Einsicht, dass die Welt, in der wir leben, nirgends herrschaftsfreier Raum ist, nicht nur von Paulus vertreten und von Luther maßgeblich eingeschärft worden, sondern im übrigen auch zeitdiagnostisch breit zu bestätigen. Angesichts dessen darf kirchliches Reden aufgrund des Ersten Gebots für sich in Anspruch nehmen, noch im dezidierten Verweis für die allzu menschliche Neigung, anderen Herrschaften sich zu unterwerfen als der des Einen, der »aus dem Sklavenhause« geführt hat, den Charakter eines Rufes zur Freiheit zu tragen. Insofern ist noch das Gebot Gestalt des Evangeliums, das Kirche den Menschen schuldig ist (und nicht schuldig bleiben darf).
»worauf du nun dein Herz hängest und verlässest …«
Um nicht an den Menschen vorbeizureden und zu -gehen, muss Missionarische Kirche die Abgötterei der Gegenwart ins Auge fassen, ohne sich blenden zu lassen von der »religiösen Unmusikalität« vieler Zeitgenossen und sich zu fixieren auf manifeste religiöse Artikulationen in der Gegenwartskultur der Bundesrepublik Deutschland. Die erforderliche Abstraktion des Blicks erlaubt, ja dazu ermuntert geradezu Luthers funktionale Interpretation des Ersten Gebots im Großen Katechismus »worauf du nun dein Herz hängest und verlässest, das ist eigentlich dein Gott«.
In diesem Sinne - einer ungewöhnlich modern anmutenden Bestimmung - bedarf es auch in einem missverständlich für »religionslos« erklärtem Zeitalter keiner Neu-Erfindung von Religion als einer notwendigen Voraussetzung oder auch Form des Glaubens, zu dem Missionarische Kirche einladen will. Dabei mag getrost dahingestellt bleiben, ob Luthers seelsorgerlich artikulierte Bestimmung auch Religionstheoretiker und -soziologen als Kristallisationspunkt eigener Begriffsbestimmung von »Religion« befriedigen kann. Jedenfalls ist, was Luther mit der Zielsicherheit des evangelischen Beichtvaters benennt, schlicht präsent - wenngleich in seiner gesellschaftlichen Vermittlung auch vexierbildhaft versteckt: Da gibt es eingelebte Tiefenstrukturen der Selbstinterpretation wie das konsumistische Paradigma der Überflussgesellschaft oder das asketische der ›Alternativkultur‹, aus denen Einzelne Meta-Normen ihrer Lebensführung gewinnen; es gibt, wie immer milieuspezifisch, »Systemvertrauen«, so zum Beispiel gegenüber der Leistungsfähigkeit von Wissenschaft und Technik als der Großmaschinerie zur langfristigen Eliminierung von Lebensrisiken; es gibt transindividuelle Hintergrundsüberzeugungen wie etwa die »generalisierte Verhaltenserwartung«, die als »Recht« dem Sozialen Struktur gibt - von der still-schweigenden Akzeptanz Allgemeiner Geschäftsbedingungen schon beim Straßenbahnfahren bis zur gerichtlichen Überprüfbarkeit eines Landtagswahlergebnisses.
Die in diesem Sinne »religiösen« Momente der Gegenwartskultur reichen von den Weihnachtsritualen der »Leute-Religion« (Klaus Hoffmann) samt »Stille Nacht« und Tannenbaum in Karstadt-Inszenierung bis zur nur scheinbar transzendenz-unbedürftigen (hörte man von einer Entmythologisierung der invisible hand?) Ökonomik der Deutschen Bank. Verbindendes Kontinuum ist das als Triebfeder wirksame unartikulierte Bewusstsein »Es muss doch mehr als alles geben«.
»… das ist eigentlich dein Gott«
Es liegt diesseits der fundamentaltheologischen Kontroversfrage des »Anknüpfungspunktes«: Auf der Ebene des Vorbewussten und darum geradezu koextensiv mit Leben sind »Götter-für-uns« - »worauf du nun dein Herz hängest und verlässest« - bestimmend am Werk und verlangen Opfer von ihren Agenten. Die Kirche lebt in ihrer Mitte - und nicht zuletzt auch umgekehrt! Geld, Gesundheit, Geltung …: Als wäre bei ›unseren Leuten‹ noch nie die Rede gewesen von der Einklagbarkeit von Kirchensteuer-Rückständen und hätte noch nie ein Pfarrer der Versuchung nachgegeben zu mildem Kopfnicken beim Tischgespräch am Seniorengeburtstag, »das Wichtigste sei doch Gesundheit«? Und dass Menschen, zumal Frauen, eigene Begabungen für die Förderung des Lebens anderer fruchtbar machen mögen einfach, weil's nötig ist und geht und Spaß macht, (sprich: unbezahlt Arbeit leisten) vom klassischen Ehrenamt bis zum Dasein als ›Nur-Hausfrau‹ und dafür dann ›politisch scheel angesehen‹ werden um nicht zu sagen für »schön blöd« gelten: das kommt innerhalb der organisierten Kirche ebenso vor wie in der heutigen Lebenswelt überhaupt. Es bedarf also keiner langen Anmarschwege, sondern lediglich der kleinen Wendung zum ›Blick in den Spiegel‹, um Missionarische Kirche zu werden, die Menschen ins Auge zu fassen und sie anzusprechen auf die Realität ihrer selbstverschuldeten Mündigkeit (sic!) und derer unbeabsichtigten Nebenfolgen.
Besinnung auf's Elementare, das Erste Gebot, wird diese Anrede in aller Liebe eine - kritische sein lassen. Derart kritische Anrede wird das große im Evangelium begründete und über alle Welt (Kirche nur inbegriffen) ausgesprochene Ja zur Geltung bringen, indem sie es ausmünzt zu den bestimmten und bestimmenden Neins, die die Kirche in verantwortlichem Gehorsam zu manchen Dingen in der Welt zu sprechen hat. Um Gottes willen darf in der kritischen Konkretion des Evangeliums zur Negativität des Gebots nicht verschwinden, dass durch die Neins das Ja zur Geltung kommen soll. Und es wird nicht verschwinden, wenn Missionarische Kirche das gebieterische Nein zur zeitgenössischen Abgötterei wirklich aufgrund des Evangeliums von der Treue Gottes zur Welt spricht statt »Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne [zu] stellen« (Barmen VI).
Die 6. Barmer These bringt an den Tag, was ohnehin nicht anders sein kann: missionarische Predigt des Ersten Gebots ist immer auch eine »tägliche Buße« der Kirche, die der »religiösen« Bestimmtheit der Gegenwartskultur viel weniger frei gegenübersteht als die Rede vom Missionarischen glauben macht. Vielmehr hat Kirche nicht nur als Opfer unliebsamer Konkurrenz oder oft vergessene Verursacherin (sei es als vernachlässigende Rabenmutter, sei als overprotecting mother), sondern auch als Nutznießerin Anteil an dem Dasein der neben-kirchlichen Gegenwarts-»Religion« und an den Verdrehtheiten, dem Aberglauben, dem Machtpotential, den Wahrnehmungsmustern, mit denen das einher geht - schließlich kommen immer noch Leute in den Gottesdienst, und wir fragen praktisch nie, aus welchen Motiven.
Religionskritik, gelebtes Beispiel - und die »Fortschritts«-Dialektik des Missionarischen
Neben diesem hintergründigen Zusammenhang hat die Praxis Missionarischer Kirche noch etwas Zweites zu beachten. Die Predigt des Ersten Gebots wird, wenn sie als missionarisches Nein zur Gegenwarts-»Religion« einher kommt, von den Adressaten nicht unbedingt als Einladung verstanden werden, und schon gar als Einladung in die »Freiheit der Kinder Gottes«. Immerhin könnte es den derart »missionarisch« Angeredeten näher liegen, das als bloß weltfremde Miesmacherei von allerlei gesellschaftlich bewährten ›Normalitäten‹ wahrzunehmen - und achselzuckend beiseite zu schieben, was es gleichsam individuell-lebensmäßig ›kostet‹, jenen standards sich anzubequemen. Da wird es gelebten Beispiels bedürfen, um wenigstens ahnen zu lassen, welche Alternativen sich einem Leben unter Gottes Himmel eröffnen können, welche Entlastung von lebensfeindlichen Zwängen das Geltenlassen des Ersten Gebots erfahren lässt. Missionarische Kirche wird mit der kritischen Verkündigung des im Ersten Gebot verdichteten Evangeliums die in bürgerlicher Religion verfangene Zeitgenossenschaft also nicht bloß deklamatorisch in das Kraftfeld eines freiheitsstiftenden, anderen Treueverhältnisses einbeziehen dürfen, von dem aus sich alle anderen Bindungen als allenfalls goldener Käfig entpuppen sollten. Zu allererst wird sie sich selber nur ›zurechtglauben‹ können als die »Gemeinschaft der Heiligen«, deren Dasein sie im allsonntäglichen Gottesdienst durchs Apostolikum versichert, die »sich nicht dieser Welt gleich[stellt]« (Röm 12, 2). Dann wird ihr »Gottesdienst im Alltag der Welt« (Käsemann) zwanglos Antworten hergeben, wenn sie gefragt sein wird als »neue Kreatur«: Wie sind »in Christus« die Defizite an Leben kompensiert, die bei vielen trügerische Hoffnungen auf »andere Götter« keimen ließen? Wie ist das Bewusstsein von Individualität des Ich, das Menschen in der Emanzipation zur Autonomie kosten konnten, aufgehoben in der Freiheit eines Lebens, das »nicht mehr ich lebe, sondern Christus in mir« (Gal 1,20)?
Letzteres lässt ahnen, dass Missionarische Kirche sich theoretisch und praktisch der Figur der »aufhebenden« Negation wird bedienen müssen, um die Menschen mit dem Evangelium zu erreichen und damit ihren Auftrag zu erfüllen. Mit der Aufnahme dieser geschichtsphilosophischen Figur wird behauptet, Missionarische Kirche selber sei ein Phänomen des »Fortschritts«, dem sie auf der anderen Seite auch als Wider-Gott im Sinne Luthers begegnet. Das ist freilich nicht nur kein Wunder nach dem massiven Anstoß zum »Fortschritt«, den Matth 28,19f bedeutet. Es ist Erinnerung auch an die Liebe, die der in der gegenwärtigen Situation nahezu kostenlos gewordenen Kritik am »Fortschritt« nicht fehlen darf - und Erinnerung daran, dass der »Fortschritt des Evangeliums« manchmal die Gestalt des unfreiwilligen Festsitzens »für Christus« tragen kann (ist doch Phil 1,12ff die einzige Stelle im ganzen Neuen Testament, wo die Rede vom »Fortschritt« mit dem »Evangelium« zusammengebracht wird - und als der Apostel Paulus das schrieb, saß er im Gefängnis!). Dass der Fortschritt des Evangeliums, den Missionarische Kirche zu fördern sich aufmachen soll, (wie alles, was Menschen zu fördern imstande sind) natürlich kein Fortschritt aufs »Reich Gottes« hin ist, wissen wir ja sowieso. Oder ist er's doch? Aber wie?
»Trachtet am ersten …«
Zum Schluss: 1807 schrieb der Redakteur der »Bamberger Zeitung« an einen Freund in Jena: »Trachtet am ersten nach Nahrung und Kleidung, so wird euch das Reich Gottes von selbst zufallen«. Es war Hegel, der hier Matth 6,33 ironisch umkehrte - geradezu in der Manier Feuerbachs, der ein Menschenalter später es zur Methode erhob, »Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits« zurückzubefördern. Dass Feuerbachs humorlose Hegel-Rezeption, von Marx nur der Vollständigkeit halber (»Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt …«) sekundiert, sich durchgesetzt hat in der abendlandbestimmten Weltgeschichte, an der auch unsere Kirche teilhat, ist schwer zu bestreiten.
Aber das ist nicht die einzige Konsequenz, die einer aus der teilnehmenden Beobachtung des neuzeitlichen Christentums ziehen kann. Fast gleichzeitig mit Feuerbach hat Kierkegaard versucht, den »versteinerten Verhältnissen« der dänischen Staatskirche, die es nicht nötig zu haben schien, »Missionarische Kirche« zu sein, und deren Ordination er sich gleichwohl zeitlebens für unwürdig befand, »ihre eigene Melodie vorzusingen.« In seiner »Art Novelle« vom cand.theol. Ludwig Fromm hat er in satirischer Übertreibung die Lebenslüge einer Kirche entlarvt, deren gewöhnliche Praxis der Predigt von Matth 6,33 in seiner buchstäblichen Fassung ins Gesicht schlägt.
Missionarische Kirche wäre gut beraten, wenn sie - bei aller gebotenen Aktivität - in der Annahme des Bergpredigt-Verdikts über das »Sorgen« die ihr aufgetragene Predigt des Ersten Gebots als Evangelium für sich selber ernst nähme: vor allem »Wollen und Laufen« (Röm 9,16) sich getrost im Lassen zu üben. Wie der Mensch, der Samen aufs Land warf und »schläft und aufsteht, Nacht und Tag« und ihn aufgehen und wachsen erlebt, »er weiß nicht wie« - daran hatte Hans-Gernot Jungs Predigt nach Mk 4,26ff zur Eröffnung der »Glauben heute«-Synode in Bad Wildungen 1988 erinnert. Was der Kirche an »Erfolg« fehlen sollte, könnte der Welt zum Segen ausschlagen.
Über den Autor
Dr. theol. F. Sch., Jgg. 1947, Studium 1966-1972 in Tübingen, Zürich, Heidelberg; Erste Theologische Prüfung 1972 in Heidelberg; 1972/73 und 1978/79 Vikar in Münster/Westf. und Heidelberg; wissenschaftliche Tätigkeit 1973-1979 in Heidelberg; Zweite Theologische Prüfung 1979 in Bielefeld; Promotion 1980 Heidelberg. 1979-1984: Pfarrer in Reinhardshagen-Vaake; 1984-1989: Persönlicher Referent von Bischof Dr. Hans-Gernot Jung (Kassel); 1989-1998: Direktor des Predigerseminars der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck; seit Februar 1998 Pfarrer in Niedervellmar.
Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2001
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