zum Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin zur staatlichen Parteienfinanzierung
Glosse
Von: Peter Schaal-Ahlers
»Heute ist ein guter Tag für die CDU« sagte der Laurenz Meyer zu dem Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts am 31. Januar 2001. Weit untertrieben hat General mit dieser ersten Einschätzung. Nun gut, man kann ihm diese neue Bescheidenheit verzeihen. Zuviel Schläge hat er in der letzten Woche abbekommen. Und wer 41 verloren geglaubte Millionen zugesprochen bekommt, der kann schon einmal die Fassung verlieren. Dem General muß entschieden widersprochen werden, denn: »das Berliner Urteil ist auch ein guter Tag für alle anderen Parteien.« Rechenschaftsberichte müssen fortan nur rechtzeitig abgegeben werden, was drin steht, ist egal. »Welch eine Erleichterung! Wenn wir das schon früher gewußt hätten! …« hat manch eine Schatzmeisterin gesagt, letzten Mittwoch. »Was haben wir uns all die Jahre für Gewissensbisse gemacht, ganz umsonst!« Danach ging sie zum Kühlschrank, um je nach politischem Standpunkt, Champagner, Krimsekt oder einen feinen Orvieto »classico« kaltzustellen. Aber nicht nur die Parteien, für alle Steuerzahler war Mittwoch ein Befreiungsschlag. »Ja, das Berliner Urteil ist auch ein guter Tag für alle Steuerzahler!« Wie viele haben jahrelang gezittert und sich mit der Frage gemartert, was sie beim Finanzamt angeben sollen und was sie weglassen können? Manch einer schreckte nachts schweißgebadet auf wegen der nächsten Steuererklärung. Alles umsonst, seit Mittwoch ist klar. Es kommt nur darauf an, die Steuererklärung rechtzeitig abzugeben. Was drin steht, ist egal. Nun ist das Berliner Urteil nicht nur für die Steuerzahler, sondern auch für alle Schüler ein Meilenstein. »Ja, das Berliner Urteil ist ein guter Tag für alle Schüler!« Die Angst vor Klassenarbeiten gehört nun der Vergangenheit an. Bei Klassenarbeiten kommt es nun nicht mehr darauf an, daß die Aufgaben gelöst wurden, alle Fragen beantwortet wurden. Wichtig ist nun, daß die Schülerin ihr Blatt rechtzeitig auf dem Pult der Lehrerin abgegeben hat. Aber das Berliner Urteil ist nicht nur für die Schüler ein großer Tag, alle Bürger profitieren von diesem Richterspruch im Namen des Volkes. »Ja, das Berliner Urteil ist ein guter Tag für alle Bundesbürger!« Haben Sie schon einmal im Supermarkt etwas im Mantel verschwinden lassen? Wenn ja, dann wissen Sie, daß ein Ladendieb Nerven haben muß wie Drahtseile, bei all den Videokameras und Detektiven. Bange Minuten mußten die Langfinger an der Kasse durchstehen. Kommt gleich ein Herr in grauem Trenchcoat, der sagt: »Bitte folgen Sie mir in mein Büro!« oder geht alles glatt? Dieses Zittern der Ladendiebe ist vorbei. Ab jetzt reicht es, mit dem Einkaufswagen an der Kasse vorzufahren. Was nun im Wagen liegt und was im Mantel verschwunden ist, ist egal. Mit dem Heranfahren an die Kasse macht der Kunde deutlich, daß er nichts gegen das Bezahlen hat. DasWort »Ladendieb« hat seit Mittwoch seinen Platz im Buch der Geschichte. Wir jedenfalls werden dieses Wort zukünftig nicht mehr brauchen. Im Altersheim werden uns unsere Enkel vielleicht einmal fragen, was denn das eigentlich gewesen sei, »ein Ladendieb«. Manche werden darauf antworten können, andere werden die Enkel ohne Antwort lassen müssen, denn »der vergangene Mittwoch war in großer Tag für Deutschland.« Später wird man sagen: Seit diesem Tag hatte das Wort Freiheit einen ganz neuen Klang bekommen. Man sprach seit diesem Tag mehr und mehr von Wertefreiheit. Pfr. Peter Schaal-Ahlers Pfarrgasse 6 74535 Mainhardt
Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2001
Sie können diesen Artikel ausdrucken. Wir bieten Ihnen hier an für den Druck optimierte Version an.
Druckversion anzeigen