Von: Reinhard Neubauer
Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hatte im letzten Herbst die Mission zum Thema. Dazu ist mir ein Zitat aus vergangener Zeit aufgefallen: »Die missionarische Aufgabe der Kirche steht außer Zweifel.« Diese klare Aussage steht in einer Festschrift aus dem Jahr 1952.1
Sie galt damals als unstrittig in der Kirche, wie anders heute! Wenig steht heute so sehr im Zweifel wie die missionarische Aufgabe der Kirche, nach außen wie nach innen, ja - nach innen noch mehr als nach außen. Dass wir im Austausch mit den Kirchen der Völker stehen müssen, die in Armut und Not leben, lässt sich leicht plausibel machen. Aber dass Christen hierzulande etwa die Aufgabe haben, ihren Nachbarn in deren religiösen Überzeugungen dreinzureden, lässt sich heute nicht vermitteln. Das leuchtet den Leitenden der Kirche manchen Erklärungen zum Trotz ebenso ein wie Herrn Hinz und Frau Kunz. Wie sieht dann aber die missionarische Aufgabe der Kirche und der Christen aus? Mutiger von Gott reden? Darüber muss doch nachgedacht werden, öffentlich und intensiv. Was Prof. Jüngel den Synodalen gesagt hat, muss weiter bearbeitet werden. Das Thema Mission darf nicht still beiseite gelegt werden, weil zu heikel oder auch zu unerheblich. Ganz gleich wie heikel die Sache ist, unerheblich ist sie jedenfalls nicht. »Ohne Mission kein Christentum!« - das ist mehr als ein altes Schlagwort, das gilt auch heute. Eine Kirche, welche die Aufgabe der Mission aus dem Blick verliert, ist dabei, sich selbst zu verlieren.
Genau darum geht es bei der tiefen inneren Unsicherheit, die in der Kirche zu beobachten ist, drohender Selbstverlust, unklare Identität. Wer in den fünfziger Jahren im Gemeindepfarramt begann, wusste, ganz gleich, welche Theologie er mitbrachte, ziemlich einfach zu sagen, was er (damals gab es »sie«, die Frau im Gemeindepfarramt, allgemein noch nicht) zu tun hatte: Es galt, die »Randsiedler« zur »Kerngemeinde« einzuladen, die »Karteichristen« aus Zweifeln, Desinteresse und Trägheit heraus in die Gottesdienstgemeinde einzubringen, die Jesus Christus als ihren Herrn bekennt. Was ist aus diesem volksmissionarischem Konsens geworden?
Nun meine erste These: Die gegenwärtige Unklarheit der Kirche bei ihrer missionarischen Aufgabe und ihrer Identität hat nichts mit Glaubenslaxheit oder dergleichen zu tun. Vielmehr ist der christliche Glaube selbst in eine tief sitzende Krise geraten, nicht bei den Gegnern der Kirche, sondern in der Kirche und in uns Christen selbst - und nicht an der Oberfläche, sondern in seinem Kern. Da ist etwas ins Wanken geraten, was immer fest stand als Fundament für alles andere. Zwei einfache Gedankenansätze genügen, um deutlich zu machen, was gemeint ist.
Der erste Ansatz: Friedrich Zimmer2, ein Mann der Diakonie vor 100 Jahren, hat den Satz geprägt: »Wir dienen dem Herrn, indem wir den Bedürfnissen der Zeit dienen.« Über den Wahrheitsgehalt dieser Aussage kann man lange diskutieren. Doch gehen wir einmal von diesem Satz aus: Was sind denn die Bedürfnisse unserer Zeit? Wo liegen sie? Die Antwort ist einfach und klar: Sie liegen in den beiden Worten Frieden und Gerechtigkeit, beides nicht verstanden als innerer Besitz, den man mit sich herumtragen kann, ganz gleich, wie die äußeren Umstände aussehen, sondern als manifeste Beziehung zwischen den Menschen und den gesellschaftlichen Gruppen mit einem genauen Blick auf die äußeren Umstände. Soweit sieht das für den Glauben der Christen noch nicht bedrohlich aus. Im Gegenteil, es bestätigt ihn eher.
Aber weiter: Sehr beliebt ist in der Sprache der Kirche heute das Wort »Brücke«. Es gibt Lieder vom Brückenbauen, und vorbildliche Persönlichkeiten werden als Brückenbauer gelobt. Bei der Aufgabe des Brückeschlagens tritt das Volk der Kirche viel selbstsicherer an als beim Auftrag der Mission. Doch wie ist das beim Brückenbau? Da bleibt der Fluss, was und wo er war, da bleiben die Ufer und ihre Bewohner, was und wie sie waren. Nur die Trennung wird aufgehoben; die Menschen können miteinander verkehren, sich gegenseitig kennen lernen, verstehen lernen, können auch her- und hinüber wechseln, wenn sie wollen, müssen das aber nicht. Wenn sie es tun, werden sie sich verändern, aber niemand verlangt das von ihnen. Da wird niemand umgeschult oder gar umgesiedelt, aber alle haben die Chance, miteinander zu kommunizieren. Man merkt sofort: Hier liegt in der Tat das Hauptbedürfnis unserer Zeit; es ist der Ansatz zu Frieden und Gerechtigkeit. Die »Brücke« drückt es aus. Doch steht es nicht ganz anders in der Bibel?
Zweiter Ansatz: Der Ägyptologe Jan Assmann schreibt in seinem Buch »Moses der Ägypter« (München Wien 1998) mit dem Arbeitsansatz der Wirkungsgeschichte von der »mosaischen Unterscheidung«: Mit Moses (und dem Pharao Echnaton) ist etwas ganz Neues in die Welt der Religion eingetreten, nämlich der Ausschließlichkeitsanspruch eines Bekenntnisses gegenüber allen anderen, die Alleingeltung eines »neuen« Glaubens gegenüber allen »alten«. Bis dahin nahm keine Gottheit der anderen das Existenzrecht. Es gab wohl den Kampf von Göttern gegeneinander im Kampf der Völker und Stämme, doch dabei wurde ja die Existenz der konkurrierenden Gottheiten gerade vorausgesetzt. Erst die auf Abraham und Moses zurückgehenden drei Religionen haben Himmel und Erde leergefegt von allen Göttern, um des EINEN willen, der allein Gott und Herr ist. Das erste Gebot war und ist da ausschlaggebend: »Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir« (2. Mose 20, 2.3)
Nun lässt die Judenheit die weltgeschichtliche Entscheidung zwischen diesem einen und allein wahren Gott und allen anderen Mächten, an die Menschen sich binden, unentschieden aufgehoben und suspendiert sein bis zum Tag des Messias. Israel dient nur dem Einen, mögen die anderen tun und lassen, was sie wollen. Das hat geholfen, den eigenen Weg als Minderheit unbeirrt an den Tempeln der anderen vorbei zu gehen. - Der Islam wiederum kennt immerhin nach dem Koran eine gewisse Toleranz gegenüber den »Schriftbesitzern«, also Juden und Christen. - Die Christen dagegen, besonders seitdem ihre Religion Staatsreligion wurde, wussten sich berufen, die Einzigkeit Gottes und die Nichtigkeit aller anderen Glaubensweisen nicht nur zu glauben, sondern auch geschichtlich offensiv zu vollstrecken, wenn sie es konnten. So wurde aus dem Bekenntnis zu dem Gott, der die Liebe ist, im Erscheinungsbild oft die intoleranteste aller großen Religionen, ganz entgegen zu allem, was die Evangelien von Jesus berichten.
Später in der Geschichte übernahm und vollstreckte die ganze abendländische Kultur diese Intoleranz und das ihr zugrunde liegende Überlegenheitsbewusstsein gegenüber allen anderen Kulturen, Lebens- und Glaubensweisen, immer wieder mit dem Anspruch, das »Neue« und Bessere, eben den Fortschritt zu haben und zu bringen, was von vorn herein das Recht verlieh, das »Alte« und damit Veraltete beseitigen zu dürfen. Immer lief das darauf hinaus, dass andere Kulturen in der Begegnung mit abendländischer Kultur ihr Daseinsrecht verloren. Sie mussten sich eingliedern in die »westliche« Kulturbewegung. Taten sie es nicht, war bald Gewalt angesagt. Es galt das »Königsrecht der Kultur zur Eroberung und Knechtung der Barbarei« (Jacob Burckhardt).
Es ist wohl der Holocaust, der die abendländische Menschheit zur Besinnung gebracht hat. Ebenso lehren alle seitdem wieder oder neu aufgebrochenen Konflikte, dass dieser Weg in allen seinen Varianten zu Ende sein muss. Dieses Denken gebiert die ultimative Rechtfertigung der Gewalt. Wir wissen heute: Nichts ist so gefährlich für die Menschheit wie Menschenmächte, die meinen, sie seien im Besitz der Wahrheit. Dabei ist die Religion am gefährlichsten.
Nach dem 19. Jahrhundert mit seiner Begeisterung für die Mission kam unser Jahrhundert mit seiner ebenso starken Begeisterung für die ökumenische Bewegung. Aus dem Gegeneinander und Nebeneinander der Kirchen sollte ein Miteinander und Füreinander werden in »versöhnter Verschiedenheit«, oder: im »konziliaren Prozess« und ist es weithin auch schon geworden.
Weiter weiß die Kirche heute einvernehmlich, dass sie außer dem Wort und der Diakonie, also der offenen Anrede und dem Handeln der Liebe kein Überzeugungsmittel mehr hat und ist froh darüber. Außerdem kommen in vielen Kirchen und kirchlichen Gruppen wie im Unterricht die »anderen« als eigenes Thema vor, nicht als Missionsobjekte, sondern um ihrer selbst willen, zum Kennenlernen und Verstehen. Das ist neu, sogar sehr neu. Man erinnert sich an das Fach »Fremdreligionen« im Religionsunterricht noch vor gar nicht langer Zeit. Da wurde kurz die »fremde« Glaubensweise dargestellt und unmittelbar darauf gelehrt, an welchen Punkten das Christentum besser ist. Verständnis konnte so nicht entstehen.
Tiefe Verlegenheit
Jedoch hat das Begreifen der Situation noch eine andere Seite: Die Kirche hat nur das Wort? Welches Wort? Immer noch das von Apg. 4, 14: »In keinem andern ist das Heil, auch ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden«? Und wie steht es mit dem Wort aus Jesu Mund: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich« (Joh 14, 6). Worte dieser Art waren früher die erste Wahl bei Tauf- und Konfirmationssprüchen. Heute hört man sie sehr viel seltener. Sie waren immer der feste und starke Punkt im Denken der Kirche, weniger wegen einer exakten Exegese der Texte, sondern gerade wegen ihres universalen und alles andere ausschließenden Anspruchs. Heute verursachen sie wegen dieses Anspruchs in der Kirche tiefe Verlegenheit.
Mit einem Mal begreift man die Unsicherheit der Kirche bei der Aufgabe der Mission. Man begreift, warum die Bibelarbeiten in den Gemeinden und Konferenzen, aus denen die Kirche im Kirchenkampf und in den Notzeiten nach 1945 ihre Kraft gewonnen hat, beinahe ausgestorben sind. Man begreift auch die in der Kirche heute so verbreitete Unlust an der Theologie: Man kann eben das Neue Testament nicht lesen, man kann auch christliche Theologie nicht treiben, ohne sehr schnell und unumgehbar dem Anspruch des einzigen Gottes und Vaters und seines einzigen Sohnes und Retters Jesus Christus zu begegnen. Das wissen auch alle. Dem will auch selten jemand gerade heraus widersprechen, was sich zuletzt daran gezeigt hat, dass der radikale Widerspruch des Göttingers Gerd Lüdemann gegen die Kirche und ihre Lehre so wenig Echo gefunden hat. Es herrscht einfach Unsicherheit und tiefe Verlegenheit, und der Ausweg wird in immer mehr Praxis gesucht, wie immer die auch aussehen mag, ökumenische und örtliche Diakonie oder Meditation, doch eben nicht Mission. Was dabei herauskommt, ist »Kirche«, die sich dadurch allgemein sympathisch macht, dass sie sich für Frieden und Gerechtigkeit, für Randgruppen und Notleidende einsetzt aus Motiven, die im Hintergrund gehalten werden, weil sie sich schwer einsichtig machen lassen; Kirche also, die für sich selber wirbt. So bekommt automatisch die Tendenz derer Oberwasser, die das Außenprofil der Kirche möglichst weitgehend der Zeit und Mode anpassen wollen.
Meine weitere These: Die Unsicherheit kann nur dort überwunden werden, wo sie sitzt, nämlich beim Verständnis der Bibel und in der Theologie, also durch eine neue Hinwendung zur Schrift, um sie angesichts der heutigen Erfahrungen neu zu verstehen und einem neuen, ebenso geprägten Ansatz der Theologie.
Der Epheserbrief hilft uns weiter. Das wunderbare Wort Kap. 4, Vers 15 ist bekannt. Aber wie ist es zu übersetzen? Die neue Lutherversion lautet: »Lasset uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus.« Die Übersetzung von Ulrich Wilckens (1970) sagt ungefähr das Gegenteil, wenn man genau hinhört: »Nein, wir sollen in Liebe bei der Wahrheit bleiben …« Das allerdings kann nicht stimmen, weil hier der Hauptakzent auf das Wort Wahrheit fällt, während der Apostel kurz vorher gebetet hatte, dass wir »in der Liebe eingewurzelt und gegründet« (3, 17) seien. Demnach müsste man eher übersetzen, dass wir »bei der Wahrheit in der Liebe bleiben«, was einen tiefen Sinn hergibt. In V12 wird das »Werk des Dienstes« (diakonia) als das bezeichnet, wodurch der Leib Christi wächst. So gut wie alle Briefe des Neuen Testamentes machen es eindeutig klar, besonders in den Schlusskapiteln: Die Predigt der Apostel lief darauf hinaus, musste darauf hinauslaufen, dass sich durch sie Gemeinschaften bildeten, die in einer praktizierten Solidarität zueinander lebten, die für die damalige Zeit ganz neu war.
Jedenfalls geht es um Wahrheit und um Liebe. Diese beiden sollen so zusammenkommen, so ineinandergreifen und eins werden, dass wir dadurch Christus entgegenwachsen. Das klingt wunderbar, aber für die Kirche hat es zwischen Wahrheit und Liebe meistens eine unaufhebbare Spannung und Diastase gegeben. Wenn sie die Wahrheit vertrat, war sie immer in der Versuchung, lieblos zu werden. Und wenn sie für die Liebe eintrat, hat sie immer die Tendenz gespürt, bei der Wahrheit es nicht zu genau zu nehmen. »Doctrine divides, service unites«, eine alte ökumenische Einsicht. Das war und ist einfach menschlich. Doch auf beide Weisen ist die Kirche nicht Christus entgegengewachsen, sondern hat sich gegen ihn gesperrt. Der Weg zwischen Wahrheit hier und Liebe dort führt letzten Endes entweder zur Eitelkeit oder zur Verzagtheit.
Wer heute theologisch die Liebe in den Vordergrund stellt, wird meistens anders verstanden, nämlich im Sinn der Forderung, Glauben und Leben müssten endlich in Einklang miteinander gebracht werden. Das läuft dann schnell auf eine Ethisierung des ganzen Christentums hinaus und endet, wie wir beim Versuch, diesen Weg zu gehen, an uns selbst und an vielen ernsthaften Menschen beobachten können, in einer Selbstüberforderung, die tödlich werden kann. Unser Leben wird immer hinter unserem Glauben zurückbleiben. Nur mit einer vorauslaufenden und einer nachfolgenden Vergebung gibt es eine Annäherung von Glauben und Leben. Die trinitarische Theologie lehrt und die Kirche predigt: Gott liebt mich über alle Dinge, einschließlich des Zurückbleibens meines Lebens hinter meinem Glauben. Seine Liebe meint mich, trifft mich, hängt mich auf, stellt mich hin und macht mich richtig (gerecht), ohne mein Verhalten gestern, heute und auch morgen überhaupt zu berücksichtigen. Diese Liebe lädt alle ein zu kommen, wie sie sind. Von ihr erfasst, werden sie freilich nicht bleiben, wie sie sind. Und das fängt immer wieder von vorn an. Nie kommt der Moment, wo es heißt: Gottes Liebe gut und schön, jetzt bist erbarmungslos du dran!
Gleichwohl bekommt die momentane Unlust an der Theologie teilweise Recht: Wenn es christliche Wahrheit nicht ohne die Liebe gibt, dann heißt das, dass die christliche Wahrheit sich überhaupt nicht verbal ausformulieren lässt, weil wir Liebe nur haben, indem wir lieben, nicht aber, indem wir über sie reden und schreiben. Doch diese Eigenart der Einheit von Wahrheit und Liebe tritt eigentlich nicht der Theologie, sondern nur der Eitelkeit der Theologen in den Weg, sie ist selber ganz Theologie. Auf jeden Fall verlangt sie ein viel stärkeres und innigeres, aus dieser Einheit lebendes Zusammengehen von Kirche, Diakonie und Theologie, als wir es gegenwärtig haben. Und es kommt hinzu, dass die Liebe selber eine intellektuelle Dimension hat. Um es im weiter vorn gebrauchten Bild auszudrücken: Man kann jede Diskussion ohne oder mit Brückenschlag zu den Gesprächspartnern hin führen. In einem anderen Bild: Man kann jedes Gespräch wie ein Tischtennisspiel inszenieren, wobei es gilt, so zu spielen, dass der Gegner den Ball nicht zurückgeben kann. Man kann es aber auch wie ein Ballspiel als Teil gemeinsamer Gymnastik führen, wobei man sich selbst entschuldigt, wenn das Gegenüber den Ball nicht zurückspielen kann.
Neue Leidenschaft
Die heute in Predigten und Publikationen öfter zu beobachtende Vorentscheidung: »Wer Gott ist und was in der Bibel steht, das wissen die Leute schon. Ich kann mich mit Realitäten befassen, die ihnen näher liegen«, ist zu revidieren. Zu erhoffen, anzustreben und zu erarbeiten ist eine neue, leidenschaftliche Hinwendung zur Bibel, zum Gottesdienst, zur Predigt und zur Theologie, nicht als Abschied von der allgemein zu beobachtenden Option der Kirche für die Liebe, sondern als deren Grundlegung und Abrundung. Diese Option muss an ihrem Ort stehen und gesehen werden. Sie ist als Programm der Kirche nicht das Werk der Kirche, sondern das Wachsen im Geist hin zu Christus, der das Haupt ist. Die Liebe erweist sich nicht von allein als die Grundwahrheit der Welt. Wer sie als solche darstellt, mag als sympathischer Träumer durchgehen, wird aber durch den Gang der Dinge in unserem ausgehenden Jahrhundert schlagend widerlegt. Gleichwohl weisen bezeichnenderweise alle im Grauen unseres Saekulums auftauchenden Werte-Wegweiser zielgenau in die Richtung einer fernen Einheit von Wahrheit und Liebe: Menschenrechte, Bannung des Krieges, volle Rechte für Frauen, Denkmäler für die Opfer und nicht mehr für die Sieger, Würde der Armen, eine zukunftsfähige Umweltgestaltung, Vergebung als politisches Instrument des Rechtsstaates, von N. Mandela initiiert, auf dem Balkan leider noch nicht spürbar usw., kurz: Frieden und Gerechtigkeit.
Der Kirche ist zur immer neuen Ausrufung die Einheit von Wahrheit und Liebe anvertraut, die Jesus Christus ist und, wie wir glauben, allein ist und für alle Menschen sein wird. Wenn andere auf diesem Weg mit uns wetteifern wollen, warum sollten wir einen Bogen um sie machen? Freilich auch: Warum sollten sie einen Bogen um uns machen? Uns gebietet die Einheit von Wahrheit und Liebe, die Jesus Christus, der Sohn des Vaters in der Kraft des Geistes ist, Liebe zu allen Menschen, also ernsthaft und offen auf sie zuzugehen mit ihren eigenen Erfahrungen, Religionen, Überzeugungen und Kulturen. Der Weg ist jetzt da. Ob es zu Trennungen oder Annäherungen kommt, auf dem Weg wird es sich klären. Das ist die Mission der Kirche, und ihr Lernbedarf liegt eigenartigerweise momentan beim Denken und beim Wort.
Zur Abrundung schließe ich mit sieben Punkten:
1. Die Kirche ist dazu da, das Geheimnis des Vaters, des Sohnes und des Geistes als Wahrheit der Liebe zu allen Menschen immer neu zu feiern, zu durchdenken und auszulegen und durch eigene Schritte Erfahrungen mit dem Ineinsfall von Wahrheit und Liebe im Evangelium zu machen.
2. Das Christentum ist keine Gedankensammlung über Gott und die Welt, sondern die Lebensweise in der Wahrheit der Liebe (1. Kor. 16, 14).
3. Liebe als Wahrheit des Lebens bedeutet, den Weg zu den Menschen dorthin, wo sie leben, ganz zu gehen. Jesu Sündlosigkeit bestand nicht darin, dass er unter den Menschen seine göttliche Reinheit bewahrt hat. Nein, sie bestand darin, dass er in der Treue zum Vater den Weg seiner Sendung bis ans dunkle Ende gegangen ist. Gott hat ihn uns zur Sünde gemacht: Das ist seine Sündlosigkeit (2. Kor. 5, 21; Röm. 8, 3b). Nebenbei gesagt: Hier liegt wohl der schwerste Fehler der vatikanischen Entscheidung gegen die katholische Teilnahme an der Schwangerenberatung. Die Kirche sucht hier eine andere Reinheit als die, von der sie selber durch Christus lebt.
4. Als Jesus sagte: »Ihr sollt euch nicht Lehrer (Rabbi) nennen lassen. Einer ist euer Lehrer, ihr aber seid alle Geschwister« (Mt 23, 8), wollte er mehr als nur uns vor Titelsucht warnen. Er wollte uns warnen vor der Position, in der wir immer die sind, die das Sagen haben, und andere haben zuzuhören und zu lernen. In der Liebe sind wir immer wieder selber die Hörenden und Lernenden. Das beste Beispiel ist der Hauptmanns Kornelius. Nicht er, der Heide, sondern Petrus, der Apostel, musste da lernen (Apg. 10).
5. Wir sprechen von der Liebe von 1. Kor. 13. Es ist die Agape, der »bessere Weg« (l.Kor. 12, 31) unter allen Wegen zueinander hin, die Gott uns geschenkt hat. Wir geben ihr immer neue Namen, Nächstenliebe, Humanität, Mitmenschlichkeit, Solidarität und meinen als Zielpunkt immer das gleiche: Wir erkennen uns selbst und die anderen im Licht Gottes, der uns und sie so liebt, wie wir und sie sind. Das Gegeneinander hört auf, das Mit- und Füreinander beginnt. Diese Liebe ist weitherzig, sie »duldet alles« und kennt, ohne zu verzagen, das eigene Wissen und Können nur als »Stückwerk«. Sie mengt sich ein (Mt. 13, 33), will dienen (Mk. 10, 42-45), will Grenzen sprengen und immer neu Menschen gewinnen.
6. Die Liebe bringt nur selten die schöne Lösung aller Probleme zustande. Viel öfter bedeutet sie die Übernahme der Verantwortung für unlösbare Probleme. Sie ist kein paradiesischer Zustand, der keine Eintrübungen und Widerstände mehr kennt. Sie braucht im Gelingen und im Misslingen ihres Kampfes die Tröstungen und die Losungen des Herrn, dem sie entgegenwächst.
7. Einzig für diese Liebe erhebt die Kirche den Anspruch auf universale Geltung; es gilt, allein dann intolerant zu sein, wenn es um die Wahrheit dieser Liebe geht.
Anmerkungen:
1 Der Direktor der Bremer Inneren Mission, Bodo Heyne, schrieb den Satz, den damals auch viele andere hätten schreiben können. Die Festschrift galt dem damals bekanntesten Pfarrer der Inneren Mission, Otto Ohl. Zit. Werk und Weg, Lichtweg-Verlag Essen 1952, S. 53.
2 Gründer des Evangelischen Diakonievereins Berlin-Zehlendorf.
Über den Autor
Pfr. Dr. R. N., Jgg. 1926. Ab WS 45/46 Studium in Marburg, Bethel, Heidelberg. 1. theol. Examen 1950. Ein Jahr Studium in USA, Mag.Theol. Princeton 1951 über Social Gospel. 2. theol. Examen 1952. 1953 Auslandspfarrer in Bradford, England. 1954 Pfarrer der Landeskirche Kurhessen-Waldeck. 1959 Schulpfarrer in Kassel. 1962 Dr. theol. Uni. Heidelberg bei Prof. E. Schlink, Diss. über Reinhold Niebuhr und Martin Luther. 1963-1991 Pfarrer beim Evangelischen Diakonieverein Berlin-Zehlendorf. 1970 bis 1994 Vorsitzender der Int. Konferenz Theol. Mitarbeiter in der Diakonie. Bis 1996 Mitarbeiter im Vorstand von DIAKONIA, Weltbund von Verbänden und Schwesternschaften der Diakonie. Veröffentlichungen zum Thema Sozialethik, Diakonie, Krankenhausethik, Kirche.
Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2000
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