Vorschläge zur Rekonstruktion eines umstrittenen Begriffes
»Mission« als Bildungsgeschehen

Von: Eberhard Pausch

Der Begriff »Mission« ist in der Öffentlichkeit unklar und umstritten. In den zahlreichen Gemeindeaufbaukonzepten, ob sie von EKD oder VELKD oder auch aus dem evangelikalen oder charismatischen Spektrum stammen, wird der Begriff der »Mission« mit allen Ableitungen und Komposita äußerst redundant verwendet, selten jedoch überzeugend expliziert. In anderen binnenkirchlichen, aber vor allem außerkirchlichen Kreisen hat das Wort »Mission« eher eine schlechte Presse. Es gilt mitunter sogar in Kirchenkreisen als modisch, den begriff für sich abzulehnen. »Für mich ist der Begriff der Mission abgenutzt und negativ besetzt. Ich will niemanden missionieren« ist eine typsiche Äußerung. Andererseits bestreietet fast niemand, daß wir in Detuschland heute in einer »missionarischen Situation« leben. Nur, was besagt das eigentlich? Bezeichnend ist, daß nicht einmal in der Grundordnung der EKD in einem eindeutigen Sinne von Mission die Rede ist.1 Was ist mit »Mission«/»missionieren«/»missionarisch« … eigentlich gemeint? Bekehrung einzelner zum Glauben, das Gewinnen neuer Kirchemitglieder, die Aktivierung der Mitglieder zu mehr Partizipation in einer »Beteiligungskirche«, besondere Evangelisationsveranstaltungen, »kundenfreudlicher Service« …? Wolfgang Huber schreibt in seinem neuen Buch zu Recht: »Daß die christlichen Kirchen sich auch in Deutschland in einer missionarischen Situation befinden, wird inzwischen auch in den evangelischen Kirchen betont; … doch welche Gestalt christliche Mission im 21. Jahrhundert haben wird, ist einstweilen noch undeutlich.«2 Die folgenden, in fünf Thesen gegliederten Bemerkungen sollen einige - wie ich hoffe: hilfreiche - Vorschläge zur Rekonsturktion des Missionsbegriffes beisteuern, auf dessen Verwendung im Rahmen eines pluralistischen Konzepts von Gesellschaft und Kirche wohl schwerlich verzichtet werden kann. 1. Der im 16. Jahrhundert (wahrscheinlich durch Jesuiten) im Anschluß an den biblischen Sendungsgedanken geprägte Missionsbegriff ist heute für viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche mit eher negativen Konnotationen besetzt. (Ausschließlich positive Assoziationen dürften nur sehr wenige, kirchlich in ganz besonderer Weise gebundene Menschen haben.) Dies hat geschichtliche Hintergründe. Wer das Wort »Mission« hört, denkt dabei an - die gewaltsame Ausbreitung des christlichen Glaubens im Mittelalter (im Sinne der unbiblischen und unchristlichen Alternative »Tod oder Taufe!«), - den kolonialistischen Imperialismus im 19. und 20. Jahrhundert, - aber auch bestimmte Ausprägungsformen missionarischer Arbeit in der Gegenwart (Zeltmissionen, Pro-Christ-Veranstaltungen, Aktionen wie »Vom Minus zum Plus« etc.). Insbesondere unter dem abgeleiteten Verbum »missionieren« (bzw. synonym: »Mission treiben«) versteht man in der Alltagssprache: »jemandem etwas aufdrängen/ aufzwingen« bzw. »jemanden manipulieren«. Will man den Missionsbegriff vor dem angedeuteten Hintergrund nicht ganz aufgeben, ist eine systematisch-theologische Rekonstruktion notwendig. 2. Systematisch-theologisch bezeichnet der Missionsbegriff ein spezifisches Handeln der Kirche, und zwar dasjenige auftragsgemäße Handeln, in dem durch Bezeugung des Evangeliums vor allen Menschen diese zum Glauben eingeladen und motiviert werden sollen.3 2.1 Theologisch ergibt sich der Gedanke der Mission mit Notwendigkeit aus dem Wesen der Kirche, sofern diese (mit den altkirchlichen Attributen) sowohl »apostolisch« als auch »universal« (allgemein/katholisch) ist. Christen haben einen Auftrag, der sich immer schon auf die Allgemeinheit bezieht. Christliche Kirche ist wesentlich »Kirche für die Welt«4. Zwischen dem Missionsauftrag selbst, der für Christen auf einen transzendenten Auftraggeber verweist, und der Erfüllung bzw. Einlösung dieses Auftrags, besteht eine Differenz bzw. Spannung, die jedenfalls nicht durch den oder die »Missionierenden«, sondern allenfalls durch die Subjekte des Glaubens bzw. den Heiligen Geist selbst aufgehoben werden kann. Um diese Spannung zum Ausdruck zu bringen, empfiehlt sich m.E. die differenzierende Rede von einem teleologischen und einem resultativen Begriff der Mission. Ersterer verweist auf ein (menschlicherseits) unverfügbares Ziel missionarischen Handelns, letzterer bindet dieses Ziel als erstrebenswertes Resultat des missionarischen Handelns in den Missionsbegriff selber ein. 2.2 Entsprechend läßt sich der Missionsbegriff im Rahmen einer genaueren systematisch-theologischen Rekonstruktion entweder als vierstelliger (teleologischer) oder aber als fünfstelliger (resultativer) Begriff interpretieren. Der fünfstellige Begriff schließt in jedem Falle den vierstelligen ein, ist somit anspruchsvoller als dieser und erweist sich im Grunde genommen als ein Spezialfall des ersteren. 2.2.1 Eine logisch-semantische Strukturanalyse kann zeigen: »Mission« bzw. »missionieren« bezeichnet eine mindestens vierstellige Relation: Ein Auftraggeber A (Gott) schickt Boten B (Kirche, »Missionare«, Gläubige) aus, um den noch nicht glaubenden Menschen C (zu missionierende Personen) eine Botschaft D (Evangelium, frohe Botschaft von Jesus Christus) zu überbringen mit dem Ziel, daß C diese Botschaft im persönlichen Glauben aneignen. Die Mission kommt also erst zum Ziel, wenn bei ihren Adressaten (C) persönlicher Glaube entsteht. Dies kann aber nach reformatorischer Auffassung nur Gott der Heilige Geist selbst bewirken, so daß den Boten (»Missionaren«) nur die Funktion der öffentlichen Bezeugung des Evangeliums zukommt. Diese Aufgabe kommt der Kirche insgesamt und infolge des Priestertums aller Gläubigen nach reformatorischer Auffassung allen Christen als Christen zu. Die missionarische Aufgabe stellt somit nicht einen Teilbereich von besonderen Aufgaben und Tätigkeiten der Kirche (oder ihrer glaubenden Mitglieder) dar, sondern ist eine notwendige Dimension allen kirchlichen Handelns. 2.2.2 Die andere, resultative Interpretation des Missionsbegriffes analysiert »Mission« (etc.) als eine wesentlich fünfstellige Relation: Der Auftraggeber A (Gott) schickt Boten B aus, um den noch nicht glaubenden Menschen C eine Botschaft D (Evangelium, frohe Botschaft von Jesus Christus) zu überbringen mit dem Resultat E, daß C diese Botschaft im persönlichen Glauben aneignen (oder etwa: in die Kirche eintreten). Ein solches Verständnis von Mission, das für viele pietistische, evangelikale und charismatische Ansätze charakteristisch sein dürfte, läßt sich wegen des Bestimmungsmerkmales E als »resultativ« bezeichnen. Ein fünfstelliger (resultativer) Missionsbegriff läßt sich sodann sachlich je nachdem differenzieren, wie das Resultat E gedacht wird: etwa ob als Entstehung von persönlichem Glauben oder als Gewinnung neuer Mitglieder.5 3. Eine Einengung des missionarischen Auftrags der Kirche auf die Träger des geordneten Amtes (Pfarrerschaft) wäre klerikal und schädlich, eine bloße Einforderung missionarischer Aktivitäten bleibt abstrakt. Fragt man, wie die Wahrnehmung des missionarischen Wesens der Kirche unter den Bedingungen heutiger gesellschaftlicher und kirchlicher Wirklichkeit konkret aussehen kann, so wird man m.E. auf den Begriff der Bildungsarbeit6 stoßen. Die heute zu leistende Hauptaufgabe der Kirche heißt: Bildung. Und wenn etwas Entstehung und Wachstum von persönlichem Glaubens möglich macht, dann sind dies »inspirierende Bildungserlebnisse«7 (Herms). Die Begriffe »(christliche) Mission« und »(christliche) Bildung« bezeichnen, vor diesem Hintergrund gesehen, möglicherweise dasselbe Phänomen. Dies gilt natürlich nicht für die Begriffe »Mission« und »Bildung« als solche. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens gibt es auch eine nicht-christliche Mission (etwa durch andere Religionen), zweitens gibt es auch eine vom Christentum unabhängig bestehende Bildungsaufgabe. 3.1 Eine »missionarische Situation« wäre von daher zu beschreiben als eine Situation, die in konkreter Weise Bildungsarbeit erfordert. Die gegenwärtige Lage der Volkskirche in Deutschland läßt sich kaum anders interpretieren. Wenn Konfirmanden nicht mehr die elementarsten Bibelkenntnisse haben und beispielsweise allen Ernstes meinen, Moses sei gekreuzigt worden und nicht Jesus, dann ist dies ein deutlicher Indikator für einen gravierenden Traditionsabbruch und Bildungsverlust. Dabei ist dies »nur« ein Beispiel für den Verlust biblischen bzw. religiösen elementaren Faktenwissens. Verlorengegangen ist ja auch das Wissen um christliches Ethos, christliche Sitte, christliches Selbstverständnis überhaupt. Wiederzugewinnen wäre das Wirklichkeitsverständnis des christlichen Glaubens insgesamt. Ohne ein elementares und kohärentes Glaubenswissen (im präzisen Sinne eines Wirklichkeitsverständnisses) kann Glaube weder entstehen noch bestehen. Die primär zu leistende kirchliche Aufgabe in der gegebenen missionarischen Situation ist somit eine auftragsgewisse, zielorientierte und umfassende Bildungsarbeit. 3.2 Die missionarischen Instrumente der Kirchen in der gegebenen missionarischen Situation sind die Bildungsinstitutionen, die sie ausgebildet hat. Hier ist an erster Stelle der Gottesdienst zu nennen.8 Die Bildungsinstitutionen der Kirchen sind jedoch als systemisches Ensemble zu verstehen, das nur aufgrund gegenseitiger Vernetzung und Verdichtung seine vollen Wirkungsmöglichkeiten entfalten kann. Dabei muß es einmal darum gehen, die vorhandenen Bildungsinstitutionen besser, also effektiver und zielorientierter zu nutzen als bisher. Sodann müssen verlorene Bildungsinstitutionen rekonstruiert und wiedergewonnen, andere sogar allererst ins Leben gerufen werden. Schließlich aber muß auch tabulos darüber nachgedacht werden, auf welche kirchlichen Institutionen im Sinne eines erfolgreichen und nachhaltigen Bildungswirkens am ehesten verzichtet werden kann.9 Dies geschieht bzw. muß geschehen auf unterschiedlichen Ebenen und in sehr verschiedenen Weisen. Vier Beispiele mögen zur Konkretisierung und Illustration dienen: 3.2.1 Die Evangelische Kirche in Deutschland nimmt gesamtgesellschaftliche Bildungsverantwortung in herausragender und von der Öffentlichkeit stark beachteter Weise wahr durch Denkschriften, durch ihre kirchlichen Akademien, durch die Deutschen Evangelischen Kirchentage und durch das Evangelische Studienwerk (Villigst e.V.). 3.2.2 Auf der Ebene der Landeskirchen bzw. der Gemeinden sind neben der bereits eben genannten, primären Bildungsinstitution des Gottesdienstes beispielhaft folgende andere Institutionen zu nennen, die maßgeblich Bildungsverantwortung wahrnehmen: So etwa die kirchlichen Kindergärten und Horte, der Religionsunterricht, die Kinder und Jugendarbeit einschließlich der Konfirmandenarbeit, die Kirchenmusik, die Erwachsenenbildung. Last not least seien auch die Einrichtungen kirchlicher Diakonie genannt, die seit Johann Hinrich Wichern der Aufgabenstellung der »Inneren Mission« zugeordnet sind.10 3.2.3 In den neuen Bundesländern und den auf ihrem Gebiet bestehenden Landeskirchen fällt das Fehlen mancher Bildungsinstitutionen auf, die andernorts ganz selbstverständlich (flächendeckend) existieren. Gemeint sind die (zumeist ortsgemeindlich verankerten) Kindergärten und Horte, aber auch der schulische Religionsunterricht. Hier wäre zu bedenken, welche dieser Institutionen aufzubauen bzw. wiederzugewinnen oder ggf. aufzugeben wären. Dies muß - da es sich bei den Institutionen ja um ein Ensemble handelt - konkret und vor Ort je nach den örtlichen Möglichkeiten und Erfordernissen entschieden werden. Der Aufbau eines Netzes flächendeckender »Versorgung« dürfte gegenwärtig nicht einmal denkbar sein. 3.2.4 Das heute noch immer fast völlig fehlende Institut der kirchlichen Privatschulen ist ein deutlicher Hinweis auf die Verfaßtheit unserer gesellschaftlichen Situation als bloß »halber Pluralismus« (Herms). Mit Herms läßt sich daher der konsequente Übergang vom vollständigen, ganzen Pluralismus durch Begründung und Trägerschaft kirchlicher Schulen fördern.11 4. Wenn die Kirche Mission als ein Bildungsgeschehen versteht, wird über ihr Wesen zweierlei deutlich: Sie entwirft sich - weil sie eine »Kirche für die Welt« sein will, entschlossen als Volkskirche. Damit verbunden bejaht sie entschieden den außerhalb und innerhalb der Kirche vorfindlichen Pluralismus. 4.1 Daß die Mission als Bildungsgeschehen auf Breitenwirkung hin angelegt ist, ergibt sich aus dem apostolischen und katholischen Charakter des Glaubens und der Kirche. Weil Kirche eine »Kirche für die Welt« ist, ist sie auch »Völkerkirche« und deshalb »Kirche für das Volk« (= Volkskirche12), wie Barmen VI dies präzise festhält: »Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.« [EG, 810, Hervorhebung vom Verfasser]. Die These, Mission sei als ein ganz bestimmtes Bildungsgeschehen zu fassen, versteht von daher im Einklang mit der sechsten Barmer These die Kirche als Volkskirche. 4.2 Mit dem Charakter der Kirche als Volkskirche13 hängt zusammen: Es kann nicht deutlich genug betont werden, daß der Pluralismus in der gegenwärtigen Gesellschaft aus der Sicht des christlichen Glaubens bejaht werden muß.14 Außerhalb und innerhalb der Kirche darf es, kann es, muß es diesen Pluralismus geben. Der Heilige Geist selbst ermöglicht Vielfalt der Glaubensgestaltungen innerhalb der Kirche. Der Pluralismus der evangelischen Kirche ist freilich begründet und begrenzt durch das vierfache »solus« der Reformation. Das vierfache »solus« bezeichnet den Raum der Einheit, die Vielfalt gewährt und ermöglicht. Das Gegenteil eines legitimen volkskirchlichen Pluralismus (Herms: »Pluralismus aus Prinzip«) ist jedoch ein »Pluralismus der Beliebigkeit«. 5. Gegen vier weit verbreitete und deshalb naheliegende Mißverständnisse soll das hier entfaltete Verständnis von Mission als Bildungsgeschehen abgesichert werden. Einerseits grenzt dieses Plädoyer für einen teleologischen Missionsbegriff sich gegen resultative Missionsverständnisse ab (Thesen 5.1 und 5.2), andererseits gilt es, den Eindruck zu vermeiden, als sei das Bildungsthema ein Teilthema des Missionsthemas, sozusagen ein darin enthaltenes Moment (These 5.3), oder als stünden beide Begriffe nahezu beziehungslos nebeneinander (These 5.4). 5.1 Das traditionelle pietistisch-erweckliche oder auch charismatische Verständnis von »Mission« (etc.) stellt gegenüber unserem Ansatz eine ganz bestimmte begriffliche und gedankliche Verschiebung dar. Denn kirchliches Handeln will nicht vorrangig eine »Wiedergeburt« oder »Erweckung« bei einzelnen oder bei Personengruppen bewirken, sondern durch die Bezeugung der Wahrheit des Evangeliums inspirierende Bildungserlebnisse ermöglichen. Ob Mission an ihr Ziel gelangt und letztlich Glaube entsteht, ist der Verfügbarkeit der missionierenden Personen entzogen. Den Glauben schafft nach biblisch-reformatorischer Überzeugung allein Gott der Heilige Geist selbst, wann und wo er selbst es will (vgl. CA V). Das heißt noch nicht, das pietische oder charismatische Verständnis von Mission sei völllig verfehlt. Vielmehr hat dieses Missionsverständnis in einer pluralistisch verfaßten Volkskirche seinen Ort und sein Recht. Auch die klassischen »Evangelisationsveranstaltungen« werden hiermit nicht abgelehnt. Im Gegenteil könnten sie womöglich noch beachtlichere Wirkungen erzielen, wenn sie sich selbst als das verstehen würden, was sie der Sache nach sind: Bildungsveranstaltungen der Kirche. Kriterium ihrer generellen Legitimität, aber auch ihrer erfolgreichen Durchführung im einzelnen wäre ihre zwanglose Anschlußfähigkeit an andere auftragsgemäße kirchliche Bildungsveranstaltungen. 5.2 Mission als Bildungsgeschehen darf auch nicht verwechselt werden mit der Gewinnung neuer Kirchenmitglieder. Die Gewinnung neuer Mitglieder ist zwar durchaus ein legitimes Ziel von Mission, weil in ihr der universalistische Charakter des christlichen Glaubens zum Ausdruck kommt. Jedoch ist mit zwei Möglichkeiten zu rechnen: Einerseits ist es möglich, daß Menschen zum christlichen Glauben kommen, ohne Mitglied in der (evangelischen) Kirche zu werden. Andererseits ist auch denkbar, daß Menschen Mitglieder der evangelischen Kirche werden, ohne zu persönlichem Glauben zu gelangen. Ziel der Mission als Bildungsgeschehen kann nur sein, eine wesentliche notwendige Bedingung der Möglichkeit dafür zu schaffen, daß christlicher Glaube entsteht (und sich ausbreitet). Damit mag die Absicht verknüpft sein, (neue) Mitglieder für die Kirche zu gewinnen. Die Realisierung dieser Absicht ist jedoch allenfalls eine kontingente, wenn auch durchaus wünschenswerte Folge des Missionsgeschehens und gehört nicht in dessen Begriff hinein. 5.3 Ebenso wie es nötig ist, den Begriff der Mission als Bildungsgeschehen gegen ein resultatives Mißverständnis abzugrenzen, scheint es uns erforderlich, die These zurückzuweisen, das Thema »Bildung« sei ein bloßer Teilaspekt des Missionsthemas.15 (Christliche) Bildung ist vielmehr der hier vertretenen Auffassung zufolge der Inbegriff von (christlicher) Mission. Jede mögliche Form von Mission läßt sich verstehen als ein spezifisches Bildungsgeschehen. Das heißt selbstverständlich nicht, daß es nicht Bildungsprozesse gäbe, die einen nicht-missionarischen Charakter haben. Auch dies ist (außerhalb und innerhalb der Kirche) der Fall. Aber jegliche auch nur denkbare Form von Mission geschieht durch Bildungsprozesse. 5.4 Schließlich kann es nicht angehen, daß in der kirchlichen Beschreibung und Interpretation von Bildungsprozessen der Gedanke der Mission keinen oder fast keinen Raum findet.16 Bildung muß als das Integral von Mission gesehen werden, Mission aber läßt sich nicht genauer differenzieren, d.h. näherbestimmen als durch den Bildungsbegriff.17 Wir sollten unsere - aus nachvollziehbaren historischen Gründen entstandene - Scheu gegenüber dem tradierten Missionsbegriff aufgeben und ihn konstruktiv mit Hilfe des christlichen Bildungsbegriffes re-interpretieren. Die Chance einer Bildungsarbeit, die sich im teleologischen Sinne als missionarisch versteht, liegt darin, daß sie den zu bildenden Subjekten die Freiheit der Entscheidung sowohl zumutet als auch zutraut. Das Ergebnis des missionarischen Bildungsprozesses ist auf der Ebene der Subjekte offen, weil der Prozeß selbst einen kontingenten und dialogischen Charakter hat. Das schließt nicht aus, sondern ein, daß aus der Gottesperspektive das Ziel des Bildungsprozesses die Entstehung von Glauben ist. Denn Gott selbst räumt den Menschen die Freiheit des Glaubens ein. Zusammenfassend läßt sich festhalten: Ich schlage in diesem Aufsatz vor, Mission als ein Bildungsgeschehen zu verstehen. Und zwar als denjenigen Bildungsprozeß, in dem Menschen andere Menschen durch die Bezeugung der Wahrheit des Evangeliums zum Glauben einladen. Um in der gegebenen missionarischen Situation kompetent und verläßlich handeln zu können, schafft die Kirche sich Bildungsinstitutionen. Die älteste, aber auch wichtigste unter ihnen ist der Gottesdienst. Das Ziel des Bildungshandelns, die Entstehung von Glauben, ist für Menschen allerdings unverfügbar. Zu ihm kann nur Gott selbst als der Heilige Geist führen, indem er unser Wirken in seinen inspirierenden Dienst stellt. Anmerkungen: 1 Die Grundordnung der EKD sagt in Artikel 15 (1) aus, die missionarischen Werke seien »Wesens- und Lebensäußerungen« der Kirche. Dementsprechend spricht Artikel 16 (1) davon, daß die EKD und ihre Gliedkirchen das Werk der Äußeren Mission »treiben«. Andererseits aber ist in Artikel 15 (2) im Hinblick auf die Werke der Inneren Mission nur von einer Förderung die Rede. Für die EKD besteht somit eine sachliche Differenz zwischen ihrem Verhältnis zur »Äußeren Mission« und zur »Inneren Mission«, die sich in einem semantischen Unterschied und einem entsprechenden rechtlich differenzierten Verhältnis zu beiden niederschlägt. Bei einer künftigen Revision der Grundordnung der EKD mag es sich daher empfehlen, die altertümliche, u.U. lächerlich wirkende, jedenfalls Mißverständnisse nahelegende Redeweise vom »Treiben« der Mission ganz aufzugeben. Vor allem aber dürfte es im Zuge einer solchen Revision darauf ankommen, den Missionsbegriff neu zu durchdenken und möglichst univok zur gebührenden Geltung zu bringen. 2 Wolfgang Huber: Kirche in der Zeitenwende: Gesellschaftlicher Wandel und Erneuerung der Kirche, Gütersloh 1998, S. 42. 3 Für diesen Begriff von Mission vgl. Wilfried Härle: Dogmatik. Berlin/New York 1995, S. 107, 577. Prägnant heißt es bei Härle: »Evangelisation und Mission dürfen [!] nichts anderes sein als die der Kirche aufgetragene Bezeugung des Evangeliums von Jesus Christus. Diese Bezeugung schließt den Dialog mit anderen religiösen Überzeugungen und das sorgfältige Hören auf sie notwendigerweise ein« (a.a.O., S. 577). Pietistische, evangelikale und charismatische Ansätze einer Definition des Missionsbegriffes haben ihr Proprium dagegen darin, daß sie über die bloße Bezeugung des Evangeliums hinaus als Bestimmungsmerkmale des Begriffes die »Bekehrung zu Jesus Christus« (bzw. Wiedergeburt) und das aktive Engagement des Bekehrten in einer Gemeinde sehen. Demgegenüber werden wir hier im Anschluß an Härle (u.a.) Bekehrung und Engagement als Folgen eines Missionsgeschehens betrachten, die dem Begriff als solche äußerlich bleiben. 4 Dieser von Ernst Lange wirkungsmächtig gebrauchte Begriff gab einer wichtigen ekklesiologischen Aufsatzsammlung von Eilert Herms den Titel, vgl. ders.: Kirche für die Welt: Lage und Aufgabe der evangelischen Kirchen im vereinigten Deutschland, Tübingen 1995. 5 Es sollte sich jedoch Übereinstimmung darüber erzielen lassen können, daß jedenfalls als primäres Ziel bzw. Resultat von Mission die Entstehung von christlichem Glauben gedacht werden muß. Es kann wohl kaum sinnvoll sein, daß Mitglieder gewonnen werden, denen der christliche Glaube als solcher fern oder fremd bleibt. Insofern läßt sich auch ein sechsstelliger Missionsbegriff postulieren, dessen Elemente E und F »Entstehung von Glauben« und »Kircheneintritt bzw. Taufe aufgrund des neu entstandenen Glaubens« heißen würden. 6 Zu dieser Thematik: Hermann Deuser: »Religiöse Bildung: Zur Situation des Protestantismus«, in: ders.: Gott: Geist und Natur, TBT 56, Berlin/New York 1993, S. 199-226; Dietrich Korsch: »Bildung und Glaube - Ist das Christentum eine Bildungsreligion?«, in: NZSTh 36 (1994), S. 190-214; Reiner Preul: »Zur Bildungsaufgabe der Kirche«, in: Härle, Wilfried/Preul, Reiner (Hgg.): Marburger Jahrbuch Theologie VIII, Marburg 1996, S. 121-138. 7 So Eilert Herms, Kirche für die Welt, a.a.O., S. 317. Herms versteht unter »Bildung« im biblischen Sinne wesentlich Herzensbildung, also das innere Wachstum und die Formung des ganzen Menschen von seinem eigentlichen Personzentrum her. Vgl. auch seinen Aufsatz: »Bildung und Ausbildung als Grundthemen der Theologie«, in: ders.: Erfahrbare Kirche: Beiträge zur Ekklesiologie, Tübingen 1990, S. 209-221. 8 Der Gottesdienst ist die grundlegende Funktion des kirchlichen Lebens. Nach einer präzisen Formulierung von Eilert Herms ist er das »Identitätszentrum« des christlichen Glaubens. Das will heißen: »Der Ausdruck ›Identitätszentrum‹ soll nur besagen: Die Identität des christlichen Gesamtlebens ist durch diese Institution notwendig bedingt« (vgl. ders.: Kirche für die Welt, a.a.O., S. 139, Anm. 45). 9 Ein konkretes Beispiel ist die Diskussio über kirchliche Kindergärten und Horte. Die entscheidende Frage, die nicht am Schreibtisch, sondern nur durch detaillierte empirische Untersuchungen geklärt werden kann, ist doch, wie erfolgreich und nachhaltig die christliche Erziehung und Bildung durch kirchliche Kindergärten und Horte geschieht. Nur wenn diese Frage in einem positiven Sinne beantwortet werden kann, haben diese kirchlichen Bildungsinstitutionen wirklich ihr Recht und ihre Funktion für die Kirche der Zukunft. 10 In der Tat erfüllt die kirchliche Diakonie einen missionarischen Auftrag. Allerdings nicht, indem sie sozialdiakonisch eine flächendeckende Versorgung aller Bedürftigen garantiert, sondern indem sie durch exemplarisches, qualitativ herausragendes und vorbildliches Handeln Zeichen setzt, die auf andere Weise als sprachliche Zeichen die Wahrheit des Evangeliums bezeugen. So geschieht durch diakonische Arbeit Herzensbildung. 11 Vgl. hierzu wiederum Eilert Herms: Kirche für die Welt, a.a.O., S. 427, 429 (u.ö.). 12 Zum Konzept der Volkskirche als »Mythos« vgl. Michael Welker: Kirche im Pluralismus, Gütersloh 1995, S. 58-77. Welker hebt im Anschluß an Wolfgang Huber und Wilfried Härle besonders die ambivalenten Züge des Volkskirchenkonzepts hervor. Er gibt zu bedenken, ob der Volkskirchenbegriff im Sinne der »Völkerkirche« nicht gerade als antivölkische Provokation gedacht werden könne (ebd., S. 67) . Diese überraschende Einsicht, die anschließen kann an die ursprünglich reformerische Begriffsintention (ebd., S. 70), würde dazu beitragen, den Mythos »Volkskirche« als Herausforderung an die Kirche im Sinne größerer Partizipation und freien Kommunikation zur Geltung zu bringen (ebd., S. 77). 13 Wilfried Härle kennzeichnet den Kirchentypus der »Volkskirche« im Gegenüber zur »Freikirche« durch vier Merkmale: Praxis der Kindertaufe als [ergänze: Normalfall der] Aufnahme in die Kirche, innerkirchlichen Pluralismus im Sinne einer offenen Kirche, Anerkennung und Förderung der Kirche durch Staat und Gesellschaft und breite Einfluß- und Mitgestaltungsmöglichkeiten der Kirche in der Gesellschaft. Vgl. ders.: Dogmatik. Berlin/New York 1995, S. 596f. 14 So mit Recht Michael Welker: Kirche im Pluralismus, (a.a.O.). Welker beschreibt das Wirken des Heiligen Geistes als »schöpferischen Pluralismus, der eine bestimmte komplexe Normativität beständig verändert, ohne sie aufzulösen« (ebd., S. 28). Dieser Pluralismus drückt sich in der Stimmung der »Freude an schöpferischen und unverfügbaren Differenzen« (ebd., S. 35) aus und leitet an zu die Differenzen ausdrücklich wahrenden Bundesschlüssen (ebd., S. 53ff). 15 So redet etwa Niels-Peter Moritzen unter dem Stichwort »Mission und Bildung« vom Missionsschulwesen, vom Taufunterricht, von der Ausbildung der Mitarbeiter, immerhin jedoch auch von Sprach- und Hygieneunterricht, in: ders.: »Mission VIII. Praktisch-theologisch«, in: TRE Bd. 23 (1994), S. 68-72, hier S. 71. Jedoch zeigt sich sehr schnell, daß Moritzen hier einen sehr engen Bildungsbegriff meint, der etwa mit »Unterricht« und »Ausbildung« deckungsgleich ist. 16 Die miossionarische Verknüpfung von Bildung und Glaube nicht deutlich genug herauszzustellen, ist ein zentraler Mangel der EKD-Stellungnahme: Orientierung in zunehmender Orientierungslosigkeit: Evangelische Erwachsenenbildung in kirchlicher Trägerschaft, Gütersloh 1997. 17 Dem dient beispielsweise das ursprünglich von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau initiierte, seitdem auch in anderen Lanndeskirchen aufgegriffene Projekt »evangelisch aus gutem Grund«. Es handelt sich dabei um ein Stück Erwachsenenbildung, das als eine elementare »Alphabetisierungskampagne« des Glaubens durchgehend missionarisch konzipiert ist.

Über den Autor

Dr. E. M. P., Jgg. 1961, Studium in Frankfurt am Main und Marburg an der Lahn, Vikariat in Steinbach/Taunus, Stipendiat des Evangelischen Studienwerkes (Villigst e.V.), 1993 Promotion bei Prof. Dr. Wil-fried Härle an der Philipps-Universität Marburg mit einer Arbeit über die Rezeption und Transformation der Heideggerschen Wahrheitskonzeption in der Theologie Ruldolf Bultmanns, seit 1992 Gemeindepfarrer in Frankfurt am Main, verheiratet, zwei Söhne.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/1999

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