Ein Zwischenruf zum EKD-Strukturpapier »Kirche der Freiheit«
Kirche als Handwerk?

Von: Pastor Rolf Adler
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Die scheinbar ökonomistische Schlagseite des EKD-Impulspapiers »Kirche der Freiheit« wird häufig kritisiert. Rolf Adler setzt tiefer an, indem er zeigt, wo die theologischen und geistesgeschichtlichen Prämissen dieser Argumentation liegen, und offeriert der Kirche ein anderes Paradigma als Leitbild.


Das Strategie-Papier der EKD »Kirche der Freiheit« hat ein Stück Bewusstsein angerührt, das es braucht, um Kirche der Zukunft sein zu wollen und sein zu können. Man hat begriffen, dass den Kirchen (nicht nur der EKD) der Anschlussverlust und damit weiterer Relevanzverlust drohen, wenn die Gesellschaften sich weiterhin so rasant entwickelt, ohne dass eine adäquate Beschreibung von produktiver Kirchlichkeit und kirchlicher Produktivarbeit unternommen wird. Insofern war und ist das Papier ein unternehmerisches Papier. Der gesamtkonfessionelle Anteil der Christinnen und Christen in Deutschland ist in den vergangenen 50 Jahren von rund 96% auf 62% gesunken und nimmt weiter ab. Dieser Verlust ist nicht allein mit demografischen Effekten zu erklären, sondern ganz allgemein auch damit, dass sich einstmals homogen gerichtetes Vertrauen differenziert und für autonome Entwürfe geöffnet hat.
Das ökonomisch-betriebswirtschaftliche Paradigma hat sich in den gesellschaftlichen Zentraldiskurs vorgearbeitet und dort festgesetzt. Hier hat es als z.T. aggressiv-dynamische Wettbewerbsideologie zu einem wesentlich ökonomistisch-pragmatistischen Nutzenkalkül geführt, das jede Symbolik jenseits von Nutzen und Erfolg angreift und infrage stellt. Der ökonomistisch geprägte Diskurs macht die gesellschaftlich definierten symbolischen Räume für die Botschaft der Kirchen enger. Das Knappheitstheorem konkurriert mit der Erfahrung von Fülle und Reichtum um Deutungs- und Symbolräume. Gott als fraglos existente mitteleuropäische Sinn-Singularität ist auf den Markt der religiösen und alternativer Welt-Sinn-Möglichkeiten gestellt. Diese Spielart einer »mentalen Globalisierung« ist eine beunruhigende Erfahrung für jene, die annahmen, das christlich geprägte Europa wäre die Welt. Der Verlust der Deutungssingularität für Spiritualität und Sinn fegt über kurz oder lang jede Kirche »vom Markt«, die im Gestus der alten Elite verharrt und zu überleben sucht. Die Frage nach einer zukünftigen Gestalt von Kirche ist vor diesem Hintergrund alles andere als die ökonomistische Marotte einer abgehobenen kirchlichen Führungselite. Die diesbezüglichen Vorwürfe an die Autoren und Consulter des Strategiepapiers laufen ins Leere. Vielmehr entspricht der Versuch der
EKD einer strukturellen Notwendigkeit und markiert den sozialen Äonenumbruch an
der Schwelle von der Spät- zur Nach-Spät-Moderne.
Strategie und Organisation – diese sowohl strukturellen als auch hermeneutischen Paradigmen des Strategiepapiers sind Anleihen aus dem betriebswirtschaftlichen Kontext und seiner Logik. Sie leben innerhalb des Papiers allerdings weniger von plausiblen Lösungsansätzen für das Problem des Relevanzverlustes, als von zeitgeistlichen Reizen, Logiken und Resonanzen. Strategie und Organisation stellen analog zu einer sich in der Globalisierungsdynamik neu verortenden und aufstellenden Ökonomie im Strategie-Papier eine Art »neosymbolischen« Versuch dar, das Anliegen und die Rolle der evangelischen Kirchen in die Gegenwart zu transformieren und zukunftsfähig zu machen.
Strategie, Planung, Steuerung und Prozessdesign werden zu hermeneutischen Schlüsseln einer Organisationsvision, die dem Selbsterweis des Wortes Gottes immer weniger vertrauen mag, die darüber hinaus – und schlimmer – in der zunehmenden gesellschaftlichen und strukturellen Verflüchtigung von institutioneller Kirche diesem Selbsterweis aufgrund schrumpfender Symbolräume auch immer weniger vertrauen kann und stattdessen auf Selbstbegründungen setzen muss, die den Fortbestand jener Organisation gewährleistet, auf die Tausende von Mitarbeitenden gesetzt haben.
An die Stelle des ausschließlich biblisch-theologisch begründbaren Selbsterweises Gottes durch sein Wort ist der empirische gesellschaftliche und organisatorische Relevanzerweis in selbst-rettender Absicht getreten. Kirche bringt sich selbst zur Geltung. Kirche vollbringt sich nicht mehr programmatisch deduktiv, d.h. antwortend, sondern präskriptiv, begründend. Anders gesagt: Die Kirche erfährt sich immer weniger als Ort Gottes und bemüht sich darum um ihre eigene gesellschaftliche Verortung. Sie orientiert sich dabei an ausgerechnet solchen Vorbildern, die sich in der Vergangenheit als relativ unempfänglich für die christliche Symbolik gezeigt haben, die aber aufgrund ihrer gegenwärtigen Macht darauf hoffen lassen, dass in ihrem Windschatten Gottes Geist nicht unmöglich wird. Das muss zunächst nicht weiter problematisch sein. Denn wer sagt, dass Gottes Geist nicht auch dort weht, wo andere schon Wind machen? Das Problem ist und bleibt, dass die ideologische Grundtendenz des beschriebenen Bemühens klassisch apologetischer Natur ist. Und wer in offensichtlich apologetischer Absicht eine Strukturreform initiiert, offenbart zunächst und in erster Linie die Krise, in der er sie sich befindet.
Weil Theologie und Kirche durchaus schon die historischen Orte durchgearbeitet haben, an denen ähnliche Unterfangen gründlich schief gingen, muss man von den Kirchenleitenden erwarten, dass sie wach sind für die Gefährdungen, die sich dort ergeben, wo Kirche sich als Trittbrettfahrerin durch eine schwierige Epoche stehlen will. Stichworte wie Kulturprotestantismus und Deutsches Christentum stehen heute mahnend für falsche Bündnisse und eine Kirchenstrategie, die sich an fremde Strukturverheißungen anlehnte und dabei das theologische Maß für sich selbst verlor.
Die Umkehrung der ekklesiologischen Be-gründungshierarchie von der Berufung zur Selbstbegründung über die Rezeption betriebswirtschaftlicher Organisationsparadigmen riecht nicht nur nach einer Veränderung, sie ist es. Kirche kann sich zwar auf eine konkrete Bedeutungstradition des Wortes Gottes und seiner gesellschaftlichen Relevanz berufen; sie sieht und erkennt ihre Zukunft im Freiheitsentwurf der EKD strukturell aber vor allem in linearen Verkündigungsprozessen, die das ergangene Wort nicht nur weitersagen, sondern aufbereiten wollen. Statt Gott Ereignisräume zu schaffen, die von Menschen in vertrauensvoller und erfahrungsbezogener Zuwendung zu Gott und Menschen gestaltet werden, zelebriert die Kirche das Selbstereignis. Und da diese Selbstinitiierung wesentlich angstmotiviert ist, werden Prozesse in der Introspektion organisiert statt kreativ Wagnisse ermöglicht. Lineare Organisations- und Prozessformen werden so zum untauglichen Leit-Paradigma für Gottes Zukunft. Ereignisse der Gottesgegenwart, in der Gottes Wort immer auch als Kritik an gegenwärtigen Strukturen und Lebensvollzügen wirkt und so reformierend wirkt, treten in den Prozesshintergrund. Das Ergebnis (output) verdankt sich der Linearisierung, also einer Kommunikationstechnik. Gottes Wort, als gegenüber Strukturen rebellisch-konzeptionelles und programmatisches pro nobis, ist in der Selbst- und Funktionsbeschreibung der Kirche der Freiheit unsichtbar geworden. Gegenwart Gottes als Glauben und Evangelium verlieren ihren Status als Ereignis. Gott selbst lässt sich im Raum einer solchen Kirche nicht mehr mit dem Begriff der Unverfügbarkeit konnotieren. Er wird zum Produkt, zu etwas, das pro-ducere, vorgeführt wird.
Evangelische Kirche ist im Lichte dieser linearen Prozesslogik nicht länger dort beheimatet, wo das Wort Gottes als überraschender Ereignisraum lebendig ist, sondern man wähnt das Wort Gottes dort als lebendig, wo Kirche sich in eine funktional geprägte Eigengestalt begibt, deren Heimat kapitalistisch präfigurierte Prozesse sind. Aus dieser Perspektive ist auch zu erklären, warum der Hinweis auf den Produktionscharakter der Funktionen (output) und der Wirkungen (outcome) zum ärgerlichen und unausrottbaren Repertoire der gegenwärtigen Strukturdebatte gehört.
Würde man sich der Mühe unterziehen, eine betriebswirtschaftliche Organisations- und Prozesslehre etwas näher zu betrachten, dann würde man sehr schnell feststellen, dass die gesellschaftliche Relevanz kirchlicher Funktionen eben nicht im output (Ergebnis) zu suchen sind, sondern im outcome (Wirkung). Ferner würde man feststellen, das sich in der Fortschreibung des Ergebnisses als Wirkung (outcome) genau jene Weiche stellt, die kirchliches Handeln aus der betriebswirtschaftlichen Logik treibt und an sich selbst zurück bindet. Die Produkte der Kirche werden nicht gebraucht oder verbraucht, sondern intentional als Mut, Hoffnung, Glauben, Liebe oder andere Formen menschlichen Engagements zu einem neuen input. So ist das Ereignis Gott organisationstheoretisch ein Schleifenprozess und nicht linear, sondern zirkulatorisch zu deuten. Wer den outcome in einer ekklesiologischen Konzeption nicht systematisch als input rückbindet, dem werden die Quellen für jede Form von Sozialgestalt von Kirche unversehens versiegen. Und dies sowohl empirisch als auch logisch. Theologisch-systematisch kann man hier vielleicht von der Treue Gottes sprechen, die sich eben nicht verbraucht oder auch nur als Faktor »einsetzen« ließe. Sondern wir haben von einer Dynamik zu sprechen, die durch Hören und Handeln präsent bleibt und in ihrer Kausalität nicht austauschbar ist. Die lebendige Dialektik von Wort und Ort, die in gleichem Maße eine Dialektik von Wort und Kirche ist, gleitet im Gefälle einer halbsehenden und damit halbherzigen Organisationsrezeption unversehens in den stupiden
Primat einer zu leichtfertig angebahnten Organisationskatastrophe.
Die Nähe der »Freiheitsstrategie« des EKD-Versuches zu den machbaren Prozessen aus betriebswirtschaftlichen Logiken erklärt sich als historischer Nachhall einer vergehenden Epoche, in der die Kirche den Weg vom Leib (Christi) zur (öffentlich-rechtlichen) Körperschaft gewählt hat. Im gegenwärtigen Kontext scheint es, als wolle die evangelische Kirche das integrierte Prinzip der Bürokratie als Beschleunigungsmodell des 19. Jh. durch Betriebswirtschaft als Beschleunigungsmodell des 20. Jh. ergänzen. Dass sie damit nicht nur der gesellschaftlichen Entwicklung nachhängt, sondern auch ekklesiologisch einem untauglichen Paradigma aufsitzt, kann hier im Einzelnen nicht dargelegt werden. In beiden Modellen lauert der Machbarkeitswahn als Missverständnis zeitlicher Existenz. Beide Modelle sind produktorientiert und versagen an Gottes eigener Gestalt als Ereignis aus dem Hören.
Schmerzhaft erfährt unsere Gesellschaft schon heute, dass die gegenwärtigen Bemühungen um zielführende Organisations- und Institutionenintelligenz in der Selbstbeschreibung der Kirche nicht vor individueller oder kollektiver existenzieller Obdachlosigkeit schützt. Die Menschen merken, dass ihre Kirche an Kraft und Bedeutung verliert, ohne dass es den Kirchenleitungen gelingt, diesen Bedeutungsverlust aufzuhalten.
Dass dies extrem angstbesetzt und eine Herausforderung existentiellen Ausmaßes ist, spüren vor allem die, die sich mit ihrer Arbeitskraft vertraglich an Kirche gebunden und damit ihr eigenes Lebensprojekt mit der Existenz dieser Kirche verknüpft haben. Die Organisation Kirche als Körperschaft ist ihrerseits Verpflichtungen eingegangen, die sie aus sozialethischen Gründen nicht einfach ablegen kann. Als parochial und parlamentarisch organisierter Corpus spiegelt sie bis heute preußisch-institutionelle Bedeutung und Tradition wider und zählt strukturelle Verlässlichkeit zum Genbestand ihrer selbst.
Die im Geiste des 19. Jh. ihr übertragene staatliche Glaubensverwaltung läuft aber zunehmende ins Leere und bildet die eigene Reformschwäche der Organisation. Kirche erntet heute die Früchte einer historischen Entscheidung. Sie wollte nicht die Gestalt jenes Herrn, dem Heimat und Obdach fehlten. Stattdessen wählte sie die Existenz des Füchsleins, das eine sichere Grube sein eigen weiß. X-tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben auf diese scheinbar krisensichere Existenz gesetzt und sich vertraglich gebunden. Sie erwarten heute von der Kirchenleitung mit guten Gründen Vertragserfüllung in Form von Arbeitsplatzgarantien und auskömmliche Einkommen und wehren sich gegen Experimente, die unter Berufung auf die eigentliche geistliche Heimat der Kirche Verzicht und Neubeginn bedeuten würden. Schmerzhaft wendet sich heute die eigene geistliche Tradition gegen solches Missverständnis von Dauerhaftigkeit. Gottes Liebe ist wie Sonne…, was vielerorts begeistert gesungen wird, ist eine ernstzunehmende Zumutung: Die Sonne bleibt in Aufgang und Niedergang pro me und extra nos. Wer sie ergreifen will, verbrennt sich nicht nur die Finger. Kirche hält strukturell ein glühendes Eisen in der Hand, weil sie die Eigenmächtigkeit Gottes vergessen und nicht strukturell implementiert hat.
Strategie und Marketing weisen dem betriebswirtschaftlich Denkenden sowohl den Weg zum Produkt als auch den Weg zur gewählten Eigengestalt der nötigen Prozesse. Dabei sind in unternehmerischen Kontexten folgende Fragen von Belang: 1. Was wollen wir morgen verkaufen? 2. Was kauft man uns morgen ab? 3. Wer wollen wir deshalb sein? Es ist kein Zufall, dass die corporate identity eine der Portfolioentscheidung genetisch nachgeordnete Fragestellung ist.
Die evangelische Kirche wäre ein Stück weiter, wenn sie sich in ihrem mission-statement von dem für Unternehmen typischen ranking der Beschreibung emanzipieren würde. Vom product zur identity – das mag für lineare Prozesse eine praktikable Strategie sein. Für den Schleifenprozess, den Kirche organisatorisch immer darstellt, muss die Frage nach der Mission mit der Frage »Wer bin ich?« beginnen. Die Antwort darauf gibt sie sich nicht selbst, sondern sie empfängt sich durch Kontemplation, d.h. gerade und vor allem dort, wo sie ihren (hyper)produktiven und akzelerierten Handlungsnexus bewusst unterbricht. Wer bin ich? Wenn die Kirche auf diese Frage eine Antwort erhalten hat, wird sie wissen, was sie zu tun hat.
Ein letzter Gedanke: Die EKD und ihre Mitgliedkirchen wären gut beraten, wenn sie in der Wahl ihrer Consulting-Partner das managergeführte Organisationsparadigma industrieller Provenienz wenigstens ergänzen würden durch die Perspektive des Handwerks. Hinter diesem Vorschlag steckt mehr als eine romantische Reminiszenz an die Tatsache, dass der Lehrer dieser Kirche selbst Handwerker gewesen ist. Die produktindizierte Unmittelbarkeit handwerklicher Dienstleistungen ist ein ebenso interessantes, wenn nicht interessanteres kreatives Spielfeld, als die z.T. hyperabstrakten Formen einer kapitalbasierten und faktorversessenen Global-Player-Manie. Netzwerk- und Bündnis-Strategien, Handlungsfelder einer modernen aber auch zunehmend anonymen Ökonomie, erweisen sich als Gemeinde-Paradigma ungemein substanzlos und hinterlassen vor allem den Eindruck einer krisenhaften Performance-Hysterie. In dieser Hysterie wird als Erinnerung an eine zugesagte Zukunft vor allem und zuerst ein pragmatischer Widerspruch geboren, der auf die Suche nach geeigneteren Zielstellungen schickt. Handwerk als kleinräumliches und kleinteiliges, aber eben auf Subsistenz (subsistentia – »Bestand haben«) angelegtes Paradigma sollte den bestellten »Kirchenökonomen« ein korrektives Anliegen sein. Was wir brauchen, ist kein organisationstheoretischer Superdiskurs, in der Linearität gegen das Ereignis konkurriert, sondern wir brauchen kirchliche Sozialmodelle, die gleichzeitig die Strategie einer neuen Vergesellschaftung darstellen, in sich tragen, möglich erscheinen lassen und vor allem glaubwürdig abbilden. Handwerk ist – im Unterschied zu kapitaldefinierten Hyperorganisationen – weitaus weniger anfällig für das, was wir als Selbstreferenzialität hybrider Organisationen seit Luhmann zu fürchten wissen. Handwerk setzt auf Bedürfnisse und Bedarf und damit auf Kontakt. Und hier finden jene ihren Ort, die Kirche an Lebensbedürfnisse gebunden wissen wollen, nicht aber an die traditionell-abstrakten, aber auslaufenden Rollen- und Funktionszuschreibungen der Klassischen Moderne.
Die Produktions- und Organisationsformen einer solchen Kirche würden zudem an ein unaufgebbares Ethos gebunden, das sich an ein Versprechen bindet und auf Vertrauen setzt. Die kleinräumige parochiale Struktur der Gemeinden wäre einer solchen Qualitäts- und Organisationskultur nicht im Wege, sondern böte sich geradezu als Nährboden für vielerlei Phantasien an. Kirche paradigmatisch als Handwerk konzipiert würde sich in ihrer Existenz nicht nach den möglichen Renditen formen, sondern nach den Lebensbedürfnissen. Vielfalt und unterschiedliche Erfahrungen wären eine Kompetenz, nicht eine Schwäche im Prozessgeschehen. Erfahrungsraum und Erwartungsraum der Gläubigen – in postmoderner Verzerrung nicht mehr kongruent – würden sich neu zueinander stellen. Glauben hätte eine Heimat und einen örtlichen Resonanzraum. Die Begegnung der Kirche mit den Menschen vollzöge sich Zug um Zug und wäre den Ballast preußisch-institutionellen Großmanntums los.
Allerdings würden alle Formen jedweder neo-konsistorialen landeskirchlichen Geste am beruflichen Ethos solcher Parochien mehr den je abprallen. Konkret: Die Landeskirchen würden an Macht verlieren. Das würde die Leistung voraussetzen, dass kirchenleitend Freiheit und Verantwortung als empirisch-historische Formen von Gottesgegenwart in das Selbstverständnis der Gemeinden buchstabiert würden. Kirchengemeinden wären klassische Delegationsbereiche, in denen Gott verantwortlich, weil lebensweltbezogen zur Sprache käme. Dass sich daraus Verantwortung, nicht aber Willkür ergäbe, liegt in der reformatorischen Tradition.
Zum Schluss: Erkenntniserweiternde Partnerschaften von Kirche und Ökonomie sind an sich nichts, was uns beunruhigen müsste. Ökonomie ist die Lehre vom vorteilhaften Handeln und sie setzt auf ein vernünftiges Interesse an effizienten Prozessen zu nützlichen Produkten. Das Problem ist, dass die Perspektivkommission der EKD in Hinwendung zu industriellen Paradigmen sich jenes Maß an Selbstreferen­zialität eingehandelt hat, das einer weitestgehend ortlosen und damit anonymen Kapitalwirtschaft zu eigen ist. Hier handelt sie sich einen Widerspruch ein, der dem Anliegen schadet und der die evangelische Kirche in eine Selbstbeschreibung verlockt, mit der die theologisch kirchengründenden Faktoren Glauben, Freiheit und Hoffnung sich nicht mehr beheimaten lassen.

Über den Autor

Pastor Rolf Adler, Jahrgang 1957, 1975–1978 Kirchliche Verwaltungslehre, 1978–1986 Studium ev. Theologie in Deutschland und der Schweiz, 1987–2003 Gemeindepastor in Lüchow (Wendland), 1998–2003 Pädagogischer Leiter und Geschäftsführer der Evang. Erwachsenenbildung (EEB) Lüchow-Dannenberg, 2004–2006 Weiterbildung zum Praktischen Betriebswirt (KA), seit 2003 Theol. Referent im Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers und Arbeitsweltpastor im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA), Theol. Berater im Arbeitskreis evangelischer Unternehmer AEU e.V.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2009

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