Überraschungen und Herausforderungen der neuen EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft
Wegmarken für eine Kirche im Wandel

Von: Dr. phil. Claudia Schulz

Was für eine Enttäuschung! Da befragt die EKD mit großem Aufwand eine repräsentative Zahl von Menschen in Ost und West. Sie analysiert, was Mitglieder in ihrer Kirche hält oder was sie aus ihr forttreibt. Und nach langer Auswertungsarbeit kommt dabei heraus: Es hat sich eigentlich nichts geändert. Wie schon in der Vorgängeruntersuchung »Fremde Heimat Kirche« zeigt sich auch in der aktuellen, vierten EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft mit dem Titel »Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge«1 und Daten aus dem Jahr 2002 eine Kontinuität der Erwartungen und ein nach wie vor gutes Image der Kirche. Wie ist das möglich, obwohl im Zeitraum zwischen den beiden Erhebungen insgesamt 2,3 Millionen Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten sind, so viele wie nie zuvor in einem Zehnjahreszeitraum? Eine Kirche, die durch die demographische Schieflage stetige Verluste verzeichnet und zudem jährlich um die 150.000 Austritte zu verkraften hat, muss sich doch radikal in ihrer Ausstrahlung auf die Menschen verändern. Mit welchem Recht fordert also eine Studie unsere Aufmerksamkeit, die hier von »Stabilität« spricht? Was sich tarnt als Zahl gewordene Langeweile, birgt in Wahrheit jede Menge Brisanz: Die Nachricht von der »Stabilität im Wandel« darf tatsächlich als aufregend verbucht werden. Sie enthält Aussagen über die Kirche – als Heimat oder als fremdes Terrain – die nach gründlicher Interpretation verlangen. Als Mitautorin der Studie nehme ich Befangenheitsanträge an – aber erst nachdem ich einige zentrale Ergebnisse in ihrer Brisanz verdeutlicht und anschließend Ideen zur Weiterarbeit formuliert habe. Als Ergebnisse sollen im Mittelpunkt stehen: Die Stabilität der evangelischen Kirche (1.), ihre wachsende Organisationsförmigkeit (2.), die Perspektiven von Mitgliedern und Nichtmitgliedern (3.) und die Typologie der Lebensstile (4.). Ausgehend von diesen Lebensstilen möchte ich abschließend an den Beispielen Gottesdienst und Ehrenamt zeigen, wie über die EKD-Studie hinaus aus den Ergebnissen handfeste Ideen für die strategische Arbeit in der Kirche entstehen können (5.). 1. Stabilität als Herausforderung Ein wesentliches Kennzeichen der Stabilität von Kirche findet sich im Grad der Verbundenheit ihrer Mitglieder. Sie ist im Wesentlichen unverändert geblieben, ebenso wie die geringe Austrittsneigung – durch die 30 Jahre der Untersuchung hindurch. Ungefähr zu Dritteln setzt sich der Mitgliederbestand aus Hochverbundenen, einem »etwas« verbundenen Mittelfeld und Geringverbundenen zusammen. Einzige und mit wenigen Prozentpunkten wenig bedeutsame Veränderung ist eine leichte Verkleinerung der letzten Gruppe: Waren 1972 und 1982 noch 32% der Mitglieder kaum oder gar nicht mit ihrer Kirche verbunden, sind es 2002 nur noch 27%. Von einer massiven Entkirchlichung in Deutschland kann so einfach also nicht die Rede sein, vielmehr lässt sich im Längsschnitt beobachten, wie die persönliche Verbundenheit mit der Kirche mit zunehmendem Alter stärker wird und das System Kirche darin »automatisch« die Verbundenheit seiner Mitglieder vertieft. Wer die Zahlen interpretiert, kann aber zwei für das System Kirche möglicherweise doch bedrohliche Gefahren erkennen: Erstens muss man die stabile Verbundenheit vor dem Hintergrund der mittlerweile ebenfalls stabilen Austrittsquote von jährlich 0,6 bis 0,7% der Mitglieder deuten.2 Das System produziert, nachdem die Ränder abgebröckelt sind, diese Ränder neu. Die 6% der Austrittsbereiten von 1992 sind im Lauf von zehn Jahren tatsächlich ausgetreten – neue Austrittsbereite sind »nachgewachsen«.3 Der Anteil der hochverbundenen Mitglieder bleibt ebenso stabil wie der Anteil der Austrittsbereiten, bei einem reduzierten Gesamtbestand an Mitgliedern. So gibt es trotz einer hohen Zahl von (Wieder-) Aufnahmen religionsmündiger Menschen eine Erosion noch innerhalb des Systems. Man könnte sagen: Das System stabilisiert sich, wie es die Systemtheorie lehrt, auf dem jeweils aktuellen Bestandsniveau in der ursprünglichen Formation von »Kern« und »Rand«, insofern ist die Stabilität eine relative. Dies führt zu einem zweiten Schluss: Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit führt eine Schrumpfung der Kirche nicht zur Konzentration auf solche Mitglieder, »die es wirklich ernst meinen«. Dass auch eine kleine kirchliche Gemeinschaft nicht eine Gruppe der wahrhaft Überzeugten wird, kann man jetzt schon in Ostdeutschland beobachten. Hier sind einige »klassische« Kennzeichen von Kirchlichkeit deutlich stärker ausgeprägt als in den alten Bundesländern. So sind im Osten 53% der Meinung, dass der Kirchgang zum Evangelisch-Sein unbedingt dazu gehört, im Westen nur 33%. Ähnlich bei der Bibellese: Sie gehört für 41% der ostdeutschen Evangelischen dazu, aber nur für 22% der westdeutschen. In der Verbundenheit sind die Unterschiede bereits weniger deutlich. Und gefragt nach der Austrittsbereitschaft geben zwar mehr Ostdeutsche als Westdeutsche an, für sie komme ein Austritt nicht in Frage. Ebenso ist aber die Zahl derer, die ihren Austritt nur noch für »eine Frage der Zeit« halten oder entschlossen sind, »so bald wie möglich« auszutreten, im Osten höher als im Westen. Das System produziert offenbar die vorherrschenden Verhältnisse von Innen und Außen, von Hoch- und Geringverbundenen immer wieder neu, unabhängig vom aktuellen Mitgliederbestand der Kirche. So halte ich es für enorm wahrscheinlich, dass sich dieser Effekt in den Ortsgemeinden fortsetzt und sich auch hier längerfristig »Kerne« und »Ränder« in immer neuem Gleichgewicht finden. Stabilität zeigt sich auch in den Gründen für die Kirchenmitgliedschaft und in den Erwartungen an die Kirche. Nach wie vor stehen hier die Lebensbegleitung in Kasualien, die Hinwendung zu Hilfsbedürftigen sowie Gottesdienst und Verkündigung im Vordergrund. So geben 49% der Mitglieder an, in der Kirche zu sein, weil sie auf die Kasualien nicht verzichten wollen.4 46% der Befragten benennen als Mitgliedschaftsgrund, dass ihnen »der christliche Glaube etwas bedeutet«, 44% das Engagement der Kirche für »Arme, Alte und Kranke«. Spitzenreiter unter den Erwartungen an die Kirche sind, wie schon in den vorigen Untersuchungen, die Betreuung von »Alten, Kranken und Behinderten« (82% Zustimmung), das Engagement für »Menschen in sozialen Notlagen« und das Begleiten von Menschen »an den Wendepunkten des Lebens« (beide 79%). Der Wunsch, Kirche möge »Gottesdienste feiern« und »die christliche Botschaft verkündigen« (75% und 73% Zustimmung) folgt mit geringem Abstand. »Neue« Funktionsbereiche von Kirche wie etwa der interreligiöse Dialog oder ein Engagement im Arbeits- und Berufsleben der Mitglieder sind wenig gefragt (39 und 27% Zustimmung). Die traditionellen Schlusslichter im Ranking der Mitgliedschaftsgründe, die Gemeinschaft innerhalb der Kirche (20% Zustimmung) und die Möglichkeit zur sinnvollen Mitarbeit (19% Zustimmung), bleiben im Jahr 2002 auf den letzten Plätzen, auch wenn sie einige Prozentpunkte an Zustimmung gewinnen. So kann man die Erwartungs- und Bedürfnisstruktur der Mitglieder als konstant bezeichnen. Auch hier lauert die Gefahr der Fehlinterpretation: Es ist nicht verwunderlich, dass die Mitglieder, gefragt nach ihren Erwartungen, spiegeln, was sie von der Kirche wissen und entsprechend auch weiterhin erwarten: dass Kirche erkennbar Kirche ist, und zwar in ihren altbekannten Erscheinungsweisen. Dass Kirche sich mit Stadtteil- oder Familienarbeit, sozialpolitischer Aktivität oder spirituellen Schwerpunkten immer wieder Wirkungsbereiche neu erschließt und sich um alltagsnahe oder zielgruppenspezifische Angebote bemüht, ist vielleicht eine der Ursachen für das relativ gute Image der Pfarrerinnen und Pfarrer und die konstante Kirchenverbundenheit aller Altersgruppen. Es schlägt sich aber nicht in den Erwartungsstrukturen nieder und ebenso wenig in den Begründungen für die Mitgliedschaft. In dieser Logik ist es nicht überraschend, wenn die Möglichkeit zur Mitarbeit und der Bedarf an Gemeinschaft innerhalb der Kirche nachrangig sind: Diese Erscheinungsweisen von Kirche sind im eigenen Lebensalltag wenig präsent und werden entsprechend auch nicht vorrangig mit der Mitgliedschaft verknüpft, ganz unabhängig davon, ob die Befragten tatsächlich an diesen Möglichkeiten Interesse haben. Die offensichtlich hohen Erwartungen gegenüber den so genannten Kernaufgaben des Pfarramts wie Gottesdienst, Kasualien und Seelsorge dienen häufig als Argument in der Debatte um das »Kerngeschäft«. Die Nutzung der EKD-Daten für diese Diskussion ist jedoch problematisch, und das nicht nur, weil die Erwartungen der Mitglieder nicht das zentrale Kriterium für kirchliches Handeln sein dürfen. Es lässt sich auf der Datenbasis grundsätzlich nicht erkennen, ob in den Voten der Befragten von persönlichen Erwartungen an eine konkrete erlebbare Kirche vor Ort die Rede ist oder vielmehr von allgemeinen Vorstellungen über eine komplexe Organisation. Wir wissen ebenso wenig, ob die Befragten mit ihren Erwartungen »Kirche für sich selbst« oder »Kirche für andere« beschreiben. So kann die in der aktuellen Befragung auf 93% gestiegene Taufbereitschaft bedeuten, dass Menschen die Taufe grundsätzlich für einen geeigneten Ritus halten, eigene Wertvorstellungen oder Traditionen an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Dass die tatsächliche Anzahl von Kindertaufen den Werten der EKD-Studie nicht entspricht, braucht dann nicht zu verwundern. 2. Kirche auf dem Weg zur Organisation Aus dem Fragenkatalog der Längsschnitt-Untersuchung lässt sich eine wesentliche Veränderung der Kirche nur indirekt herauslesen: Ihre stetig zunehmende Organisationsförmigkeit. An die Stelle einer automatischen Zugehörigkeit tritt immer häufiger eine Mitgliedschaft, für die man sich entschieden hat und für die man sich, etwa im Gespräch im Kollegenkreis oder mit Blick auf die Gehaltsabrechnung, immer wieder neu entscheiden muss. Selbst wer als Kind getauft wurde, hinterfragt heute mit einer höheren Wahrscheinlichkeit seine Kirchenmitgliedschaft, als dies früher der Fall war. Dieses Hinterfragen ist nicht Ausdruck von Kritik, und es ist offenbar für den Mitgliederbestand der Kirche auch nicht unmittelbar bedrohlich. Es ist zunächst lediglich ein Symptom dafür, dass sich die Kirche immer stärker in eine Organisation verwandelt. Sie verfügt über Ziele, formalisierte und wiedererkennbare Handlungsabläufe und eine Binnenstruktur von Mitgliedschaft, Beteiligung und Leitung. Kirche ist hier nicht (mehr) identisch mit der Gesellschaft, sondern ein System, das zwischen dieser und dem einzelnen Menschen vermittelt, etwa indem sie Werte und Handlungsmuster zur Verfügung stellt. Zur Herausforderung wird die Organisationsförmigkeit von Kirche dort, wo Mitgliedschaft nicht mehr selbstverständlich ist. Nicht nur, weil eine »Entscheidung über Mitgliedschaft« jederzeit zu einer »Entscheidung gegen Mitgliedschaft« werden kann, sondern vor allem, weil Mitglieder jetzt die genauen Ziele »ihrer« Organisation kennen müssen und in der Lage sein müssen, Rechenschaft abzulegen, im Zweifel vor sich selbst. Gute Gründe für einen Austritt sind allgemein bekannt, allen voran das Motiv, Geld zu sparen (64% der Ausgetretenen benennen das als sehr wichtig), die Meinung, auch ohne die Kirche christlich sein zu können (48%) oder eine Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche (43%). Dagegen scheint, das zeigen die Gruppendiskussionen, eine Begründung der Mitgliedschaft eher schwierig: Wer sich nicht als »kirchenverbunden aus Tradition« bezeichnen möchte, muss einleuchtende Ziele der Organisation Kirche oder zumindest einige überzeugende Funktionsträger oder sinnvolle Abläufe benennen können. Ein hoher Anspruch angesichts der Beobachtung, dass tatsächlich vielen Menschen in Deutschland die Ziele der Organisation Evangelische Kirche nicht (mehr) präsent sind, nicht nur in den neuen Bundesländern, sondern auch in den jüngeren Altersgruppen. Zwar gilt Kirche weithin als »Hilfsorganisation« und hat als solche ein gutes Image. Wo aber, wie in den Gruppengesprächen zu beobachten, Kirchensteuer in diesem Sinn als »Investition« in eine soziale Aktivität behandelt wird, gerät Kirche in scharfe Konkurrenz. Nicht in Konkurrenz zu anderen Sinn stiftenden Organisationen, zu Unterhaltungsmedien oder Vereinen, sondern zu anderen Hilfsorganisationen, die diese Arbeit eindeutiger zum Unternehmenszweck erklären. In diesem Argumentationsmuster gehören hauptamtliche Mitarbeiter, Pfarrerinnen und Gebäude zum »Verwaltungsaufwand«, den es für Hilfsorganisationen zu minimieren gilt. In diesem Deutungskontext erscheinen die Zahlen der EKD-Befragung zu Mitgliedschaftsgründen und Erwartungen an die Kirche in einem neuen Licht: Aus Sicht der Organisation darf ein hohes Maß an Bekanntheit der so genannten Kernfunktionen festgestellt werden. Dass Kirche eine Botschaft verkündet, Gottesdienst feiert, an Wendepunkten des Lebens zur Stelle ist und Notleidenden zur Seite steht, ist (noch) eine verhältnismäßig bekannte Tatsache, zumindest wenn man in einem Fragebogen Antwortvorgaben zur Verfügung stellt. Ob dies aber genügt, um langfristig die eigene Mitgliedschaft zu begründen, muss sich zeigen, vor allem weil hier möglicherweise den Mitgliedern »nur« die typischen Abläufe in der Organisation bekannt sind, nicht aber die eigentlichen Ziele. Nach innen, mit Blick auf die spirituellen Ziele der Organisation Kirche, ist eine Arbeit im »Kerngeschäft« unzweifelhaft eine wesentliche Aufgabe. Ausgesprochen fahrlässig wäre es, sie zu vernachlässigen oder gegen ein Engagement etwa in der Öffentlichkeitsarbeit auszuspielen. Für den Mitgliederbestand von Kirche aber wird es entscheidend sein, den primären Zielen der Kirche zu einer größeren Bekanntheit und Plausibilität zu verhelfen und den Mitgliedern zu einer höheren kommunikativen Kompetenz im Hinblick auf ihre Zugehörigkeit. Hierin liegt die missionarische Herausforderung der aktuellen Studie. 3. Im Gespräch mit Mitgliedern und Konfessionslosen Was für die »Fremde Heimat Kirche« die biographischen Erzählinterviews waren, sind für die aktuelle Studie die Gruppendiskussionen innerhalb und außerhalb kirchlicher Kontexte. In kommunikativen Prozessen lassen sich viele Aspekte der Kirchenmitgliedschaft in einem anderen Licht betrachten oder überhaupt erst sinnvoll untersuchen. Ein Folgeband, der Anfang 2007 erscheint, soll sich noch intensiver mit diesen qualitativen Daten befassen. So ist beispielsweise die zunehmende Organisationsförmigkeit von Kirche vor allem dort zu spüren, wo Kirchenmitgliedschaft innerhalb der Gruppe »verhandelt« wird, wo individuelle Begründungszusammenhänge dargestellt, verteidigt oder mit anderen zu größeren Sinnkomplexen zusammengefügt werden. Hier findet sich in einer Gruppe von Trainees die bereits erwähnte Logik von Kirchensteuern als »Investition in soziale Arbeit«, die in eine von vielen Argumentationsketten zugunsten eines Kirchenaustritts einmündet. Diese Trainees als Nachwuchsführungskräfte eines süddeutschen Konzerns haben kaum eine konkrete Vorstellung von Zielen der Kirche und nehmen in ihrer sozialen Umgebung Konfessionslosigkeit als Regel wahr. Sie betonen, die Kirche, verstanden als Hilfsorganisation, in ihrer gegenwärtigen Situation nicht zu brauchen, und sie können sich kaum vorstellen, jemals in eine Situation zu geraten, in der für sie ein Bedarf entsteht. Die innere Distanzierung zur Kirche ist hier mit Händen zu greifen. Zugleich haben diese hochgradig um Unabhängigkeit und kritische Reflexion bemühten Menschen eine frappierend hohe Meinung von der Kirche und wären bereit, etwa für eine Taufe im Familienkreis und die Übernahme eines Patenamtes (als traditionales Handeln verstanden) wieder einzutreten. Und sie erwarten von der Kirche, dass sie für alle Menschen attraktiv und zugänglich ist, nicht nur für ein kleines Grüppchen der wahrhaft Überzeugten. Die »Entfernung der Kirche von der Welt« ist hier als Klischee höchst lebendig. Dieses Klischee dient aber nicht, wie oft in kirchlichen Gruppen, der Präsentation der eigenen Person als offen und modern im Gegensatz zu einer »alten, verstaubten Kirche«. Hier kann man das friedliche Nebeneinander von volkskirchlichem Verständnis einer selbstverständlich präsenten und gesellschaftlich relevanten Kirche einerseits und organisationstypischen Auseinandersetzungen um Ziele und Zugehörigkeit andererseits beobachten. Eine Gruppendiskussion mit einer Runde von Männern in einem Sportverein ergänzt dieses Bild: Die Entfernung der Kirche von ihrer Alltagswelt machen sie deutlich, indem sie kaum mehr bereit sind, über Probleme der Kirche überhaupt nachzudenken: »Also wenn ich mir das schon wieder anhöre, dann frag ich mich, wofür brauche ich das überhaupt? Da gehe ich doch lieber zwei Stunden ins Kino.« In dieser Gruppe, wo die Klischees in höchstem Maß lebendig sind, lässt sich eine interessante Beobachtung machen: Was diese Gruppe von der Kirche entfernt, ist nicht die »große Distanz« zwischen der Religion und dem Alltag, zwischen dem Papst und dem kaufmännischen Angestellten, sondern die »kleine Distanz«: Kirche in Form eines konkreten Angebots wird verstanden als Freizeitmöglichkeit, ist als solche weniger attraktiv als andere und scheitert schließlich an der Konkurrenz. Auch hier lohnt sich aus der Perspektive der Kirche als Organisation die Frage, ob diese Distanz tatsächlich dieselbe wäre, würde Kirche dieser Gruppe nicht nur mit ihren typischen Abläufen, sondern primär mit ihren Zielen und weltanschaulichen (nicht freizeitgestaltenden) Angeboten bekannt sein. Denn weltanschauliche Haltungen werden von den Männern zwar gründlich hinterfragt, sie werden aber insgesamt akzeptiert und in einer authentischen Form sogar als interessant und potentiell bedeutsam erfasst. 4. Stilfragen als Schlüssel zur Kirchenmitgliedschaft Die Erkenntnis, dass Kirche ein stabiles Gefüge ist und zugleich zutiefst im Wandel begriffen, war der Anlass dafür, das methodische Spektrum der EKD-Studien stark zu erweitern. Denn hinter konstanten Verhältnissen schlummern große Unterschiede zwischen den Mitgliedern: in Bezugspunkten und Motivationen, Sinndeutungen und Handlungsmustern. Neben einer Analyse von Weltsichten als vertiefter Blick auf Sinnordnungen bei Mitgliedern und Konfessionslosen sowie einer Typologie der Mitgliedschaft, etwa unter der Frage nach der sozialstrukturellen Integration der Mitglieder, bietet die Analyse von Lebensstilen einen neuen Zugang zum Verständnis von Kirchenmitgliedschaft. Neu insofern, als die sechs Lebensstiltypen mit dem Datensatz der Studie konkret nach ihren Erwartungen oder dem für sie typischen Mitgliedschaftsverhalten »befragt« werden können. Hier zeigt sich, dass es – bei konstanten Werten in der Gesamtzahl der Mitglieder über 30 Jahre hinweg – enorme Unterschiede zwischen »Gruppen« von Mitgliedern gibt. Die Lebensstil-Typologie in der EKD-Studie stammt streng genommen aus einem Mischtyp von milieu- und lebensstiltheoretischer Analyse.5 Mit fünf Fragen nach Lebenszielen, Freizeitbeschäftigungen, Musik­geschmack sowie Wert- und Normorientierungen sind hier sechs Cluster von Mitgliedern gebildet worden. Es handelt sich dabei um Idealtypen von Menschen, die sich in den genannten Aspekten mit einer hohen Wahrscheinlich sehr ähnlich sind. Sozialstrukturelle Merkmale wie Alter, Bildung oder Lebensform sind erst nachträglich zugeordnet. Mit ihrer Hilfe lassen sich die Typen mit Blick etwa auf eine konkrete Gemeinde leichter »entdecken«. Die Lebensstiltypen unterscheiden sich in ihrer Religiosität sowie in ihrer Kirchlichkeit stark voneinander. Das Spektrum reicht von zwei »älteren« Lebensstilen mit hoher Kirchlichkeit und zugleich hoher Religiosität über ein differenziertes Mittelfeld bis hin zum »jugendkulturell-modernen Lebensstil«, der 22% der Mitglieder umfasst und in seiner geringen Kirchlichkeit und geringen Religiosität eine echte Herausforderung etwa für das Handeln einer Ortsgemeinde darstellt. Die Tabelle soll einen Überblick über die Lebensstiltypen, ihr durchschnittliches Alter und typische Kennzeichen geben. Die Lebensstiltypen lassen sich nun detailliert beschreiben und auf ihre spezifischen Zugänge zur Kirchenmitgliedschaft untersuchen. Der Informationswert dieser Analysen ist ein doppelter: Zum einen lassen sich mit etwas Erfahrung in der kirchlichen Praxis viele Ergebnisse erraten: Dass 53% der Mitglieder des »hochkulturell-traditionsorientierten Lebensstiltyps« angeben, mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst zu besuchen, überrascht ebenso wenig wie die 66% der Mitglieder des erwähnten »jugendkulturell-modernen Typs«, die angeben, höchstens einmal im Jahr zur Kirche zu gehen. Ähnlich verhält es sich mit der Beteiligung am kirchlichen Leben, der Kirchenverbundenheit und der Zustimmung zu Glaubensaussagen. Zum anderen folgt aus dem Wiedererkennen im besten Fall ein Nachdenken über kirchliche Kommunikationswege und Angebotsstrukturen. Die Einsicht, dass einzelne Angebote und Zugangsweisen in hohem Maße zielgruppenspezifisch sind und dieser Umstand nicht immer nützlich ist, hat sich bereits durchgesetzt. Die Daten bieten eine Anleitung dazu, einzelne Zielgruppen in den Blick zu nehmen und zu verstehen, warum für sie bestimmte Zugänge attraktiv und andere eher abstoßend sind. Solche Zugänge können Angebote sein, aber ebenso die theologischen »Sprachen«, in denen die Botschaft verstehbar und erlebbar gemacht werden kann. 5. Jenseits der EKD-Studie – Ansätze für eine mitgliederorientierte Kirche Nicht die Botschaft muss sich ändern, aber die Sprache, in der Kirche ihre Ziele an die Mitglieder (und nicht nur sie!) kommuniziert, und ebenso die Wege dieser Kommunikation und das Augenmerk, das auf die Verschiedenheit der Mitglieder gerichtet wird. Die Daten der EKD-Studie sind Anregung, aber auch in jeder Hinsicht ein Weckruf für alle Verantwortlichen. Das Wissen darum, dass 53% der Mitglieder, die angeben, zum Austritt »fast schon entschlossen« zu sein oder ihn bereits zu planen, einem einzigen Lebensstiltyp angehören, nämlich dem »jugendkulturell-modernen«, kann nicht ohne Folgen bleiben. Wer unter 40 ist, seine Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiheit schätzt und sich (noch) nicht oder nicht vorrangig im Kontext von Nachbarschaft, Familie und Tradition bewegt, hat es offenbar schwer, sich in der Kirche zu verorten oder Kirche zumindest als eine Organisation zu begreifen, die zu unterstützen sich lohnt. Wie die unterschiedlichen Stile auf das Evangelium und eine auf dieses hin ausgerichtete christliche Gemeinschaft ansprechbar sind, lässt sich genauer begreifen, wenn man die Typen nach ihren Meinungen und Vorlieben »befragt«. In Ansätzen ist dies bereits in der EKD-Studie geschehen. Darüber hinaus möchte ich hier anhand weiterführender Berechnungen zu den Beispielen »Gottesdienst« und »ehrenamtliche Arbeit« zeigen, wie diese Erkenntnisse zu nutzen sind: Beispiel »Gottesdienst« – eine Frage des Lebensstils? Der Gottesdienstbesuch zu Weihnachten oder zu Anlässen im Familienkreis ist, das lässt sich aus den Zahlen sehen, nicht lebensstilspezifisch, auch wenn die Menschen hier natürlich solche Gottesdienste auswählen, die ihrem Stil entsprechen. Ganz anders sieht es aus, wenn es um den Gottesdienst am Urlaubsort geht oder um einen Gottesdienst in besonderer Form: Hierfür interessieren sich vor allem der »hochkulturell-traditionsorientierte« Lebensstiltyp 1 und der »hochkulturell-moderne« Typ 4. Für diese beiden Angebote gilt: Die kirchlich besonders schwer erreichbaren Lebensstile wie der »jugendkulturell-moderne« Typ 3 und der »traditionsorientierte, unauffällige« Typ 6 lassen sich hierzu ebenso wenig gewinnen wie für das kirchliche »Normalprogramm«. Auch die in der EKD-Studie erfragten Erwartungen an einen Gottesdienst zeigt eine Einigkeit der Lebensstile in den grundsätzlichen Dingen: Der Gottesdienst soll »von einer zeitgemäßen Sprache geprägt« und »von einer fröhlich-zuversichtlichen Stimmung gekennzeichnet sein« sowie »vor allem eine gute Predigt enthalten«. Diese Kriterien stehen für alle Lebensstile an der Spitze der Erwartungen. Es fällt aber auf, dass die Erwartungshaltung gegenüber einem Gottesdienst im Allgemeinen beim »hochkulturell-traditionsorientierten« Lebensstiltyp 1 besonders hoch ist. Mit Ausnahme der »neuen Formen im Gottesdienst wie z.B. Tanz, Theater und Pantomime« werden alle in der Befragung genannten Aspekte des Gottesdienstes von über 50% der Mitglieder dieses Typs für sehr wichtig befunden. Für den »jugendkulturell-modernen« Lebensstiltyp 3 schafft es nur die »zeitgemäße Sprache« überhaupt auf 50% der Zustimmung, während die »klassische Kirchenmusik« und die Möglichkeit »etwas vom Heiligen« zu »erfahren« nur auf 11% bzw. 10% Zustimmung kommen. Was hier ebenso deutlich wird wie etwa in einer Analyse von lebensstilspezifischen Erwartungen an Pfarrerinnen und Pfarrer oder kirchliches Handeln im Allgemeinen: Die weniger kirchlichen und weniger religiösen Lebensstiltypen sind nicht nur weniger integriert und in Gottesdiensten oder dem Gemeindeleben weniger sichtbar, sie haben auch deutlich schwächere Erwartungen bis dahin, dass sie kaum mehr eine Vorstellungen davon haben, was sich eigentlich erwarten ließe. Diese Zielgruppen, die etwa durch Kasualien seltener erreicht werden als andere, weil sie eine kirchliche Trauung nicht in Anspruch nehmen und oft keine Kinder haben, kommen eben nicht automatisch im Lauf ihres Lebens auf die Kirche zurück, weil ihnen diese Option nicht mehr präsent ist. Beispiel »Ehrenamtliches Engagement« – eine Frage des Lebensstils! Das Spektrum der Motivationen zur ehrenamtlichen Mitarbeit reicht von Altruismus und Nächstenliebe über den Wunsch nach Weiterbildung durch ein Ehrenamt bis hin zu häufig als egoistisch missverstandenen Motiven wie Spaß und Spannung. Mit Blick auf die Lebensstiltypen kann man bereits erraten, dass die hochkulturell orientierten Typen 1 und 4 überdurchschnittlich vom Wunsch nach Einsatz für andere bewegt sind, während der jugendkulturell orientierte Lebensstiltyp 3 vor allem dort aktiv ist, wo es Spaß macht und die Einsätze einen starken Erlebnischarakter haben. Ein tieferer Blick zeigt jedoch, dass es so einfach nicht ist: Auch hochkulturell orientierte Kirchenmitglieder möchten sich amüsieren, auch für die jugendkulturell orientierten ist Gemeinnützigkeit keinesfalls unwichtig. Vielmehr muss man von lebensstilspezifischen Profilen für das ehrenamtliche Engagement sprechen: Jedem Lebensstiltyp leuchtet eine bestimmte Kombination aus Motivationsfaktoren und Einsatzbereichen des freiwilligen Engagements besonders ein. Jeder Typ hat seine Vorlieben, was regionale oder überregionale Bezüge, soziale oder politische Herausforderungen anbelangt.6 Und je stärker sich eine strategische Planung ehrenamtlicher Arbeit auf solche Faktoren konzentriert und den Bedürfnissen und Interessen der Ehrenamtlichen wertschätzend begegnet, desto erfolgreicher wird diese Planung sein. Zu wünschen ist der Kirche, neben einer kraftvollen Verkündigung mit allen »Stilmitteln«, eine Vielfalt, die der ihrer Mitglieder entspricht. Schließlich hat sie bereits jetzt, zumindest im Datenbestand der EKD-Studie, für jeden Stil und jede Form von Glauben und Beheimatung Expertinnen und Experten in den eigenen Reihen. Anmerkungen: 1 Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, hg. von Johannes Friedrich / Wolfgang Huber / Peter Steinacker, Gütersloh (2006). 2 Vgl. EKD-Statistik 2002–2005. 3 Als austrittsbereit zählen hier Befragte mit den Voten »Eigentlich bin ich fast schon entschlossen, es ist nur noch eine Frage der Zeit« und »Ich werde ganz bestimmt so bald wie möglich austreten.« 4 Die Prozentangaben erfassen die Zustimmungswerte 6 und 7 auf der 7-stufigen Skala von 1=»trifft überhaupt nicht zu« bis 7=»trifft voll und ganz zu«; n=1838. 5 Ausführliches zur Methode und die Ergebnisse im Detail finden sich in der aktuellen EKD-Studie: Friederike Benthaus-Apel, Lebensstilspezifische Zugänge zur Kirchenmitgliedschaft, ebd., 205–236. 6 Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind bislang nicht veröffentlicht. Information unter: claudia.schulz@nord-com.net.

Über den Autor

Dr. phil. C. S., Jg. 1968, Religionswissenschaftlerin, Soziologin, Theologin, Pastorin im Ehrenamt in der Bremischen Evangelischen Kirche. 1996–2001: Promotionsprojekt »Bedeutung des Religiösen in der Lebensgeschichte von Alkoholabhängigen«. Parallel dazu Beratung und Projektarbeit mit dem Schwerpunkt Besuchsarbeit und ehrenamtl. im Gemeindedienst der NEK und berufsbegleitendes Vikariat in Hamburg. 2001–2003: Arbeit in der Personaldienstleistung, Hamburg. Seit 2003: Wissenschaftliche Mitarbeiterin der EKD an der IV. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung. E-Mail: claudia.schulz@nord-com.net

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2006

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