Von: Hans-Martin Barth
Die Welt wird bunter! Am Ortseingang vieler unserer Städte und Dörfer sind Schilder angebracht, die auf den »Evangelischen Gottesdienst« oder die »Heilige Messe« hinweisen, auf Freie Evangelische oder auf Adventistische Gemeinden. Muss man in Deutschland künftig zusätzlich mit entsprechenden Hinweisen auf Moscheen, auf hinduistische oder buddhistische Tempel rechnen? Pluralität wird allenthalben in unserem Land sichtbar, an den Rändern und in der Mitte unserer Städte, in unseren Kaufhäusern und Ausbildungsstätten, in den Medien …
Pluralität und Pluralismus haben in den Kirchen von jeher keine gute Presse. Sie wirken für eine Kirche offenbar bedrohlich, von innen und von außen. Wie können evangelische Christinnen und Christen und ihre Kirchen mit dieser Situation konstruktiv, und das heißt evangeliumsgemäß, umgehen?
Machen wir uns zunächst die Situation selbst klar und bedenken wir dann zweitens, was angesichts dieser Situation das Besondere, das Unverwechselbare des evangelischen Glaubens ausmacht oder – in der Sprache der Wirtschaft, die man heute gern dafür anwendet – worin das »Produkt« besteht, das der Protestantismus anzubieten hat. Ist die Reformation ein »nunmehr erschöpftes Ereignis« (Formulierung: Sergio Rostagno) oder können wir auch heute von einer Sendung des Protestantismus sprechen?
1. Die Situation
Vorweg zum Sprachgebrauch: Im allgemeinen unterscheidet man zwischen »Pluralität«, der man in Grenzen eine gewisse Legitimität zubilligt, und »Pluralismus«, der eben nicht zu vermeiden sei, ob er einem nun gefällt oder nicht. Pluralität kann zu ungezügeltem Pluralismus ausarten, Pluralismus kann sich zu Pluralität mausern – die Übergänge sind fließend. Wenn wir von einer »pluralistischen« Welt sprechen, haben wir eher das Problematische einer Vielzahl von Ansichten und Zielen im Blick. Sie bedeutet für den evangelischen Glauben und den Protestantismus, der auf dem vierfachen »Allein« insistiert, eine gewaltige Herausforderung. Es ist eine Relativierung in mindestens dreierlei Hinsicht.
1.1 Sich in Frage stellen lassen
Mit einer pluralen Interpretation des christlichen Glaubens hatte sich der Protestantismus freilich von Anfang an auseinanderzusetzen: Neben den Lutherischen gab es die Schweizer, neben den Schweizern die Wiedertäufer und so fort. Das klassische Gegenüber von Protestanten und Katholiken, das sich seit dem Westfälischen Frieden etabliert hatte, scheint sich in unserem Land seit einigen Jahrzehnten aufzulösen. In den Landeskirchen wie auch in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen entdeckt man, dass Freikirchen, die vor nicht allzu langer Zeit nahezu als Sekten verstanden wurden, eine respektable Größe darstellen: Diese innerchristliche Relativierung des Glaubens durch konfessionelle Pluralität wird inzwischen schon kaum mehr als echtes Problem wahrgenommen.
Die zweite Infragestellung des Protestantismus (und der anderen Kirchen) erwächst aus dem Gegenüber zu Agnostizismus und Atheismus. Die Situation der Kirchen in den neuen Bundesländern ist bekannt – Kirchenzugehörigkeit zwischen 10 und 25% der Bevölkerung. In vielen Städten der alten Bundesrepublik herrscht inzwischen eine Drittelparität: Ein Drittel Katholiken, ein Drittel Protestanten, ein Drittel nicht zu einer Kirche gehörende Nicht- oder Andersglaubende. Aber die religiöse Pluralität innerhalb unserer Gesellschaft ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden; sie macht einen Teil unseres demokratischen Bewusstseins aus. Ja, inzwischen sind wir dabei, sie sogar zu verteidigen – unter der Devise »Religionsfreiheit«, wobei noch nicht ausgemacht ist, wie sich passive und aktive Religionsfreiheit definitiv zueinander verhalten.
Hinsichtlich der Konfessionen hat man sich an den Status quo gewöhnt Aber aktuell wird das Problem – die dritte Infragestellung – im Blick auf das Verhältnis des Christentums zu den nichtchristlichen Religionen. Der Kampf um den lautsprecherübertragenen Ruf des Muezzins und der Protest gegen das Glockenläuten sind dafür sinnenfällige Belege. Wir haben allenthalben neue Nachbarn bekommen! Wie kann evangelischer Glaube, wie kann eine evangelische Kirche auf diese allgemeine Relativierung und Infragestellung sinnvoll reagieren?
1.2 Wie reagieren?
Eine Reaktionsmöglichkeit besteht natürlich auch darin, überhaupt nicht zu reagieren. In gewisser Weise arbeiten unsere Landeskirchenämter unangefochten weiter wie bisher, besorgt primär um finanzielle Probleme und Status-Erhalt. Man versucht, das Management zu verbessern und sich besser zu organisieren. Das Lehrangebot unserer theologischen Fakultäten nimmt auf die neue Situation kaum Rücksicht; im Gegenteil, angesichts finanzieller Engpässe zeichnet sich eine Reduktion auf den Fächerkanon des 19. Jahrhunderts ab, die noch einmal verstärkt wird durch thematisch zugeschnittene Module.
Gleichwohl haben sich, ohne dass dies geplant und unter strategischen Gesichtspunkten angestrebt worden wäre, im Grunde zwei Reaktionsmodelle herausgebildet – ein eher marktorientiertes und ein eher elitäres.
Die Marktorientierung verfolgen viele landeskirchliche Aktivitäten. Man fragt, was unter den gegenwärtigen Bedingungen ankommt und Absatz findet. Das setzt »Marktanalyse« und »Kundenbefragungen« voraus, die freilich daran leiden, dass der Kreis von vornherein mehr oder weniger auf die schon bestehende Klientel eingeschränkt ist. Man experimentiert und versucht, sich dem Markt anzupassen, was zu einem permanenten Aktivismus führt und die Gefahr mit sich bringt, dass man mehr am Interessenten als an der Ware orientiert ist, die man an den Mann bringen möchte.
Das Gegenmodell dazu bietet der Fundamentalismus an: Man zieht sich auf die Tradition zurück, schottet sich ab, lässt sich durch alternative und relativierende Optionen nicht in Frage stellen, sondern wird gegen sie aggressiv und ausfällig.
Wie werden diese beiden Modelle dem Evangelium gerecht? Die Marktorientierung verliert die Ware, die an den Fundamenten orientierte Haltung verliert den Adressaten aus dem Blick oder macht sich von ihm jedenfalls ein höchst einseitiges Bild, wobei die »Ware« oft gleichzeitig in Mitleidenschaft gerät. Wie kann der einzelne evangelische Christ, die einzelne evangelische Christin, sich hier zurechtfinden? Oder was könnte gar einen Nicht-Protestanten, sei er in einer anderen Kirche aufgewachsen oder völlig areligiös sozialisiert, dazu bewegen, in eine evangelische Kirche einzutreten, evangelisch zu werden?
2. Das unverwechselbar Protestantische
Das unverwechselbar Evangelische ist die Orientierung am Evangelium. Was heißt das inmitten einer pluralistischen Welt?
2.1 Die Pluralität bejahen
Das erste, was einem Außenstehenden am Protestantismus auffällt, ist vermutlich die Zersplitterung. Der ÖRK zählt weit über dreihundert Mitgliedskirchen, von denen die allermeisten protestantische Kirchen sind, wobei alle diejenigen Kirchen noch gar nicht erfasst werden, die sich in den USA oder auch in Afrika neu gebildet haben und ebenfalls weitgehend dem Protestantismus zugerechnet werden müssen. Auf der einen Seite gibt es hochkirchlich engagierte Lutheraner, für die althergebrachte Formeln und liturgische Gewänder wichtig sind, auf der anderen Seite Mitglieder des Non Church Movements in Japan oder Korea, die nicht einmal Taufe und Abendmahl praktizieren, sondern allein aus den Texten der Heiligen Schrift leben.
Vor allem seitens des Katholizismus, oft aber auch innerhalb der evangelischen Kirchen, hat man diese Vielfalt als das großes Manko des Protestantismus gesehen. Als Modell der Einheit galt die Vision der einen Kirche, wie sie im abendländischen Mittelalter gegeben schien, als sich »alle einer Mitte beugten« (Gottfried Benn), und wie sie von der römischen Weltkirche – wenn auch mit unübersehbaren Schwierigkeiten – noch heute repräsentiert wird.
Im Zuge der Globalisierung aber beginnen sich die Ideale zu verändern. Abgesehen davon, dass es die ideale Einheit der Kirche so nie gegeben hat, stellt sich unter den Bedingungen der heutigen Welt heraus, dass sie auch gar nicht erstrebenswert ist. Wie eine Weltregierung durch welche Macht auch immer, die ja dann diktatorische Züge haben würde, eine Horrorvorstellung ist, so auch eine Welt-Kirche, zu der es keine Alternativen gäbe. Die Weltgesellschaft funktioniert zunehmend als ein Netz von Interdependenzen, in dem machtpolitische Blöcke eher störend wirken, wie man an der gegenwärtigen weltpolitischen und auch weltwirtschaftlichen Lage studieren kann. Die Zukunft gehört der Pluralität und nicht dem Monolithischen. An diesem Ziel hat sich auch die ökumenische Arbeit zu orientieren; die »sichtbare Einheit« der Christenheit, die sie nach eigenem Bekunden anstrebt, kann nur eine Einheit gegenseitiger Anerkennungen und Verweisungen sowie materieller, intellektueller und spiritueller Hilfeleistungen sein.
Neben der Wahrnehmung der gegenwärtig sich vollziehenden Dynamik von Pluralität lohnt es aber auch, einen Blick darauf zu werfen, welcher Dynamik sich die protestantische Vielfalt verdankt. Wenn es immer wieder zu Gründungen neuer protestantischer Gruppierungen und Kirchen kam, stand dahinter jedenfalls auch die Suche nach einer noch sachgemäßeren, noch getreueren Befolgung des Evangeliums. Fast möchte ich behaupten: Jeder ernsthafte evangelische Christ hat einmal in seinem Leben überlegt, ob er nicht seine angestammte Kirche verlassen, einer anderen beitreten oder eine neue gründen sollte. Es ist die Dynamik des Evangeliums selbst, die zu dieser Vielfalt geführt hat, und die innerhalb des Katholizismus ihre domestizierte Parallele in der Gründung unterschiedlichster Orden besitzt. Glaube inkarniert sich in unterschiedlichen Formen. Der Protestantismus sollte seine Pluralität vollen Herzens bejahen. Die ökumenische Arbeit beschneidet sich selbst, wenn sie nur fragt, wie sie (wieder zurück) zu mehr Einheit führen kann. Sie sollte zugleich zu Aufbruch und spiritueller Vielfalt inspirieren. Das wäre unverwechselbar protestantisch.
2.2 Schwächen nicht verdrängen
Im Vergleich zur römisch-katholischen und vielleicht auch zu manchen orthodoxen Kirchen wirkt die evangelische Kirche schwach. Im Weltmaßstab zählen sich über eine Milliarde Menschen zu den Katholiken (nach manchen Statistiken 1,3 Milliarden); die Protestanten bringen es – ohne die Anglikaner – gerade mal auf ca. 350 Millionen, mit den Anglikanern zusammen auf ca. 430 Millionen. Speziell in Deutschland nimmt die Zahl der Protestanten bekanntlich aufgrund demographischer Entwicklungen stetig ab. Protestanten gehen erheblich seltener zum Gottesdienst als Katholiken und sie treten rascher und zahlenmäßig häufiger aus ihrer Kirche aus. Dies alles scheint auf eine makabre Weise »unverwechselbar protestantisch« zu sein.
Wenn sich die protestantische Vielfalt also als durchaus positiv interpretieren lässt – hier gibt es nichts zu deuteln. Wie erklärt sich diese Schwäche? Ich möchte dazu nur zwei Vermutungen äußern. Einmal ist es sicher die große Weltoffenheit, die den Protestantismus insbesondere seit der Aufklärung auszeichnet und die ja im 19. Jahrhundert sogar die Vorstellung hervorgebracht hat, das (protestantische) Christentum könnte sich in den Staat, in die Gesellschaft hinein auflösen (Richard Rothe!). Ich halte es für ein Verhängnis, dass dieser Ansatz, der bei aller Einseitigkeit eine der Stärken des Protestantismus ausgemacht hatte, sich heute als Schwäche auswirkt. Ich wünschte mir dringend, der Protestantismus würde seine Nähe zur säkularen Wissenschaft, zu einer weltoffenen Kultur und zu einer verantwortlich zu gestaltenden Gesellschaft wiedergewinnen.
Damit hängt ein Zweites unmittelbar zusammen: Im Lauf des 20. Jahrhunderts ist der Protestantismus zusehends kirchlicher geworden. Die Liturgie wurde aufgewertet, evangelische Kommunitäten wurden gegründet, Gemeinsamkeiten mit der römischen und den orthodoxen Kirchen wurden (wieder-)entdeckt. Die Ökumenische Bewegung verstärkte diese Entwicklung: Die evangelischen Kirchen verstanden sich zunehmend als Kirchen, in Analogie zur römischen oder zu den orthodoxen Kirchen, wenn sie auch gerade von diesen als »Kirchen« im vollen Sinne des Wortes beharrlich nicht anerkannt wurden.1 Aber infolge dieses neuen und – wie ich sagen würde – auf Kirchlichkeit reduzierten Selbstverständnisses kam der Protestantismus als eine Variante der katholischen Kirche zu stehen, und zwar als die schwächere Variante. Was den Protestantismus über seine Kirchlichkeit hinaus als zukunftsweisenden Lebensentwurf und als Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft gekennzeichnet hatte, scheint ausgeblendet und zählt nicht mehr. Dass der institutionskritische, kirchendistanzierte Protestantismus eine Schwächung des kirchlich gebundenen Protestantismus dargestellt hatte, versteht sich von selbst. Mit dem Verschwinden dieser Schwächung ist aber auch sein Segen verschwunden, der in einer fröhlichen, weltzugewandten Weise bestanden hatte, den christlichen Glauben zu leben. Es dürfte nur schwer möglich sein, das verlorene Terrain zurückzugewinnen; geblieben ist nur die strukturelle Schwäche, die mehr sein dürfte als ein vorübergehendes Formtief. Die evangelische Kirche ist, was sich gerade in einer pluralistischen Welt zeigt, keine triumphale Größe, sondern die Kirche des Kreuzes. Das braucht sie nicht zu verdrängen.
2.3 Den dritten Weg gehen
Was fällt einem Außenstehenden an Protestanten/Protestantismus auf? In gewisser Weise mag an ihnen auffallen, dass an ihnen nichts auffällt. Man sieht sie nicht in Lokalen vor dem Essen das Kreuz schlagen; in Gegenden, in denen sie die Mehrheit haben, gibt es keine Kapellen am Wegrand und keine Kruzifixe in den Klassenzimmern. Ein evangelischer Amtsträger, der im Fernsehen auftritt, ist in der Regel nicht als solcher zu erkennen. Bewusst protestantische Politiker tun ihren Dienst, ohne dass man in der Öffentlichkeit um ihr Bekenntnis weiß. Sie geben sich kirchlich ungebunden. Das unverwechselbar Protestantische scheint keine Ausdrucksformen mehr zu besitzen.
Bei näherem Zusehen zeigt sich aber wohl doch eine Autonomie, die sich in der Unabhängigkeit von Autoritäten, auch von kirchlichen Autoritäten manifestiert. Bei traditionsgebundenen evangelischen Christen ist sie begründet im selbstverantworteten Umgang mit der Heiligen Schrift und im eigenen Nachdenken, genährt vielleicht von der täglichen Herrnhuter Losung und vertieft durch theologische Besinnung. Beim eher säkularen Protestanten mag sich nur noch ein unreflektiertes Bewusstsein von Selbstverantwortlichkeit erhalten haben. In beiden Fällen ergibt sich jedoch ein hohes Maß an Authentizität, das freilich gepaart sein kann mit einer gewissen Einsamkeit. Der Titel der EKD-Untersuchung »Fremde Heimat Kirche« ist aus innerkirchlicher Sicht formuliert; diejenigen, die sich als Protestanten fühlen, aber von einer Heimat Kirche gar nichts mehr wissen, sind außer Blick geraten. Die offizielle evangelische Kirche sollte nach ihnen Ausschau halten. Sie würde dadurch vermutlich wieder unverwechselbarer protestantisch werden.
Was ist nun aber das eigentlich unverwechselbar Protestantische? Der Protestantismus geht offensichtlich nicht darin auf, eine »Religion« zu sein, in der man den Kult feiert und Riten begeht und sich eines bestimmten Lebensstils befleißigt. In dieses Bild passt der Katholizismus viel besser. Beim Berliner Ökumenischen Kirchentag, so hörte ich zufällig, erzählte im Bus eine Frau aus den neuen Bundesländern, sie sei in die katholische Kirche eingetreten. Wieso nicht in die evangelische? Antwort: »Die katholische Kirche ist die tiefere Religion«. So ist es! Aber der Protestantismus ist mehr als Religion. Umgekehrt geht der Protestantismus auch nicht darin auf, eine bestimmte Weltanschauung zu sein, verbunden vielleicht mit einer bestimmten politischen Haltung. Die evangelische Kirche ist mehr als ein Verein. Das Protestantische ist darin unverwechselbar, dass in ihm – auf eine auch religionsgeschichtlich einzigartige Weise – Säkulares und Spirituelles sich gegenseitig transzendieren. Der Protestantismus steuert seinen Kurs sozusagen zwischen der Scylla klassischer Religiosität und der Charybdis reiner Profanität, und manchmal streift er an das eine und manchmal an das andere, oder er droht zu zerbrechen, weil die einen seiner Mitglieder nach rechts und die anderen nach links abdriften. Er lässt sich nicht klar einordnen; er ist den Säkularen zu fromm und den Frommen zu säkular. Er befindet sich sozusagen zwischen allen Stühlen, ein unbequemer Platz, den er sich aber nicht selbst ausgesucht hat.2 Dieser ihm von Gott zugewiesene Platz entspricht seiner Sendung in unserer heutigen pluralistischen Welt.
3. Die Sendung des Protestantismus in einer pluralistischen Welt
Der Protestantismus hatte nicht zu jeder Zeit dieselbe Aufgabe. Im 16. Jahrhundert gehörte es sicher zu seiner Sendung, den monolithischen Anspruch der Papstkirche aufzubrechen, die Menschen aus künstlich erzeugten Ängsten zu befreien und ihnen durch die Predigt des Evangeliums einen inneren Grund für ein zuversichtliches Leben und Sterben zu vermitteln. Im Zeitalter der Aufklärung war es dem Protestantismus aufgegeben, das Christentum einer kulturgeschichtlich neuen Epoche zu öffnen und sie in gewisser Weise mitzugestalten. Worin die Sendung des Protestantismus heute besteht, ist erst noch zu ermitteln. In drei Bereichen zeichnet sich eine Antwort ab.
3.1 In ökumenischer Hinsicht
Im Blick auf die plurale innerchristliche Ökumene sind sich die Aufgaben des Protestantismus wohl noch am ehesten gleich geblieben. Die nichtprotestantischen Kirchen haben manches von den Einsichten der Reformation gelernt und übernommen. Die Orthodoxie ist dabei, unter dem Eindruck protestantischer Ansätze etwas von der Weltverantwortung einer christlichen Kirche und des Christseins überhaupt zu erkennen. Die katholische Kirche hat zu predigen gelernt und sich in der Rechtfertigungslehre dem evangelischen Verständnis bis zu einem gewissen Grade angenähert. Aber beiden liegt es fern, sich radikal und ohne das Netz der Tradition und den doppelten Boden von Dogma und Lehramt auf das Evangelium in seiner jeweils aktuellen Kraft einzulassen und die Menschen zu selbstverantwortetem Glauben und Leben zu ermutigen. Hier hat der Protest gegen Verfremdung des Evangeliums und angemaßte Autorität noch immer seine Funktion und seinen Sinn.
3.2 Im Gegenüber zu den Weltreligionen
Die Spannungen innerhalb der Christenheit scheinen sich zu relativieren im Gegenüber zu den nichtchristlichen Religionen. Von außen gesehen, kommt das Christentum trotz aller konfessionellen Binnenunterschiede als eine geschlossene Größe zu stehen. Von daher könnte sich die Vermutung nahelegen, dass im Gegenüber zu den Weltreligionen die einzelnen Konfessionen keine spezifischen Aufgaben haben. Dies trifft im Blick auf den Protestantismus jedoch nicht zu. Der Islam arrangiert sich mit der katholischen Kirche leichter als mit einer evangelischen, die er nicht recht einzuordnen weiß: Der Protestantismus ist eben keine klassische Religion. Von daher kommen ihm aber auch spezifische Aufgaben zu. Er wird das religionskritische Potential, das er sich selbst gegenüber einsetzt, auch im Gegenüber zu den Weltreligionen zum Zuge bringen. Aus der Auseinandersetzung mit der spätmittelalterlichen Frömmigkeit hat er gelernt, wie ambivalent Religion sein kann. Leider lassen sich Ketzerverbrennungen ebenso wie terroristische Anschläge gut religiös begründen; das ist im 21. nicht grundsätzlich anders als im 15. Jahrhundert. Auch das heißt wiederum nicht, daß der Protestantismus nicht vielerlei von nichtchristlichen Religionen lernen könnte – im Blick auf die Ganzheitlichkeit des Glaubens und die meditative Wahrnehmung der Botschaften Gottes. Aber seine religionskritische Potenz darf er im Gespräch mit den Weltreligionen nicht vergessen – er würde sonst seiner Sendung nicht gerecht.3
3.3 Im Kontext der Gesellschaft
In einer pluralistischen Welt gibt es prinzipiell zwei große Probleme: Wie können Menschen unterschiedlicher Prägung und Überzeugung auf eine fruchtbare und konstruktive Weise zusammenleben? Und: Wie kann vermieden werden, dass eine bestimmte Gruppe andere in ihrem Lebensrecht beschneidet? »Konvivenz« hat Theo Sundermeier diese Aufgabe und dieses Problem benannt. Auch hier hat der Protestantismus durchaus etwas anzubieten. Zu den Erfahrungen insbesondere des deutschen Protestantismus gehört, dass die unlautere Dominanz einer bestimmten Gruppe nur dann verhindert werden kann, wenn klare rechtliche Voraussetzungen geschaffen werden. Das heißt für den Bereich der Religion: Die Trennung von Politik und Religion muss grundsätzlich gegeben sein, wenn sich in der Praxis dann auch immer wieder Überschneidungsbereiche einstellen werden. Die sogen. Zweiregimentenlehre gehört zu den unverwechselbar protestantischen Einsichten. Der Versuch, einen gemeinsamen moralischen Nenner aller Religionen oder überhaupt aller »Menschen guten Willens« zu finden, ist ehren- und durchaus aller Unterstützung wert, aber er führt nicht zur Lösung der konkreten Probleme im Miteinander unterschiedlicher Gruppen und Kräfte. Nur die Trennung von Altar und Thron, von Parlament und Moschee kann die Lösung sein.
Der zweite Aspekt der Sendung des Protestantismus in einer pluralistischen Welt hängt mit seiner eigenen inneren Pluralität zusammen. Der Weg von Marburg 1529 nach Leuenberg 1973 war lang, aber schließlich doch erfolgreich. Das Schlagwort »versöhnte Verschiedenheit« ist in Mißkredit geraten. Wenn man es aber nicht als Besiegelung eines Status quo versteht, sondern als eine stets neu anzugehende Aufgabe, sagt es etwas an, was für die Kirchen wie für die Gesellschaft zukunftsweisend, ja unerlässlich ist. Es gibt keine andere Alternative, weder kirchlich noch gesellschaftlich, als immer wieder Unterschiedenes miteinander zu versöhnen und geduldig versöhnte Verschiedenheit anzustreben. Die Runden Tische der ausgehenden DDR mögen dafür ein Beispiel gewesen sein. Das Grundmodell für die europäische Gesellschaft und auch für die künftige Weltgesellschaft insgesamt ist nicht das römische Einheitsmodell, sondern die protestantische Vision des Runden Tisches, an dem Ausgleich und Gemeinschaft immer neu gesucht und hergestellt werden.
3.4 Evangelisch sein
Evangelisch sein kann nicht bedeuten, vor der Pluralität der Meinungen und religiösen Angebote Angst zu haben. Als evangelischer Christ bin ich gewohnt, inmitten eines pluralistischen Umfelds zu leben, innerprotestantisch, ökumenisch, und deswegen nicht ängstlich, wenn sich interreligiös oder gesellschaftlich neue Bereiche von Pluralität auftun. Im Gegenteil – im Glauben begreife ich Pluralität als von Gott geschenkte Chance, meinen Glauben zu vertiefen und neue Einsichten zu gewinnen. Pluralität lebt freilich davon, dass sie ausgetragen wird, dass die pluralen Ansätze auch wirklich einander begegnen. Der Protestantismus kann sich aber in eine pluralistische Welt nur einbringen, wenn er wieder sprachfähig wird, und wenn die einzelnen Protestanten und Protestantinnen wieder lernen, von ihrem Glauben zu reden, über ihn Auskunft zu geben und von ihm aus Fragen zu stellen. Dann können sie sich gut auf den »dritten Weg« einlassen, zwischen Religiosität und Profanität, wie es eben ihrem jeweiligen Bedürfnis und dem Stand ihrer Glaubensreflexion entspricht. Dann können sie allerlei ausprobieren: Sie nehmen dann durchaus die Möglichkeiten des Religiösen in Anspruch inklusive Räucherstäbchen und Zen-Meditation, kritisch der Tatsache bewusst, dass das Evangelium über alles religiöse und nichtreligiöse Verhalten hinausweist. Vielleicht brauchen sie aber auch für eine Weile die Distanz zur etablierten Kirche, ohne sich deswegen auf Dauer von ihr abkoppeln und ihre evangelische Grundhaltung aufgeben zu müssen. Pluralität ist zu entdecken als ein Freiheitsraum für die Gestaltung eigener Spiritualität, für die Entfaltung und Vertiefung eines Lebens im Glauben. So lässt sich immer tiefer erfassen, was es heißt und was für eine unerschütterliche Lebensgrundlage es bedeutet, evangelisch zu sein. Dies wird Auswirkungen auch auf ein pluralistisches Umfeld haben – als Einladung zu einem Weg, der den Menschen gut tut, weil er immer tiefer in die Freiheit führt.
Anmerkungen
1 Es ist eine Ironie des Schicksals, dass am vorläufigen Ende dieser Entwicklung die »nota« Kardinal Ratzingers steht, in der ausgeführt wird, dass die evangelische Kirche nicht als Kirche im eigentlichen Sinn bezeichnet werden dürfe, und dass Orthodoxe sich weigern, mit den Protestanten zusammen Gottesdienst zu feiern und zu beten. Siehe Kongregation für die Glaubenslehre, Note über den Ausdruck »Schwesterkirchen«, Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 2000 (beigefügt der Erklärung Dominus Iesus).
2 Adolf von Harnack, ein Vertreter des liberalen Protestantismus, hat darauf aufmerksam gemacht, dass es den ersten Christen nicht anders erging. Sie beteten und feierten das Heilige Abendmahl, aber sie hatten keine Priester, keine Tempel und keine Altäre, die klassischen Requisiten einer Religion. Sie sahen sich daher mit dem Vorwurf des Atheismus konfrontiert. Sie verstanden den christlichen Glauben daher als »dritten Weg«. Diesen Ansatz hat der Protestantismus geerbt.
3 Beide Aufgaben habe ich wahrzunehmen versucht in: Dogmatik. Evangelischer Glaube im Kontext der Weltreligionen. Ein Lehrbuch, Gütersloh 2. Aufl. 2002. Der Akzent lag dabei allerdings auf der Lernfähigkeit christlicher Theologie.
Über den Autor
Prof. Dr. H.-M. B. lehrt Systematische Theologie und Religionsphilosophie am Fachbereich Evangelische Theologie in Marburg. Schwerpunkte: Ökumenische Theologie und interreligiöser Dialog. Letzte wichtige Veröffentlichung: Dogmatik. Evangelischer Glaube im Kontext der nichtchristlichen Religionen, Gütersloh 22002. Er ist Mitglied der Académie des Sciences Religieuses und Präsident des Evangelischen Bundes.
Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2005
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