Exegetische Überlegungen zum Verständnis1
Opfertod Jesu
Von: Wolfgang Rülke
Seit unserem Studium vor dreißig Jahren stellt sich uns die Vorstellung, Gott müsse erst das Blut seines lieben Sohnes sehen, bevor er uns verzeihen könne2, zu der Erfahrung quer, die sich durch die gesamte jesuanische Botschaft zieht, dass Gott der uns liebende abba, Papa, ist, der seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte (Mt 5,45), dessen Liebe den Sünder zur Umkehr treibt.
Die nachstehenden Überlegungen verdanken sich Vorarbeiten für eine wissenschaftliche Untersuchung über Passah-Erwartungen zur Zeit Jesu und ihren eventuellen Einfluss auf das Passionsgeschehen. Sie können erklären, warum Jesus bewusst in den Tod ging, obwohl er Gott als den liebenden Vater erfuhr.
Ein erster Ausgangspunkt sind die Leidensweissagungen, die wohl nicht, wie noch BULTMANN vollmundig behauptete, »längst als sekundäre Gemeindebildungen erkannt sind«3, sondern sich nach J. JEREMIAS auf eine aramäische Urform zurückführen lassen, die hinter Mk 9,31 steht: mitmser bar enascha lide bene enascha, was soviel bedeutet wie: »Gott wird (bald) den Menschen (Sing.) den Menschen (Plur.) ausliefern.«4 Markus leitet die beiden ersten Leidensweissagungen (8,31–33, 9,30–32) ausdrücklich als »Lehre« ein. Möglich, dass Jesus das Wissen dieser »Lehre« der heiligen Schrift5 verdankt.
Deutlich sind Anspielungen auf Js 53. Von den in der ersten Leidensankündigung (Mk 8,31) mitgeteilten Einzelheiten
– Der Menschensohn muss viel leiden
– und verworfen werden ...
– und getötet werden
– und nach drei Tagen6 auferstehen.
mag
– das »viel leiden« Js 53 insgesamt zusammenfassen,
– das »verworfen werden« an Ps 117,22G (»Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden«) erinnern, ein Psalm, der während des Hallel der ersten Passah-Nacht gesprochen wird,
– das »getötet werden«
– und das »wieder auf(er)stehen« konnte wiederum aus Js 53 herausgelesen werden7.
Eine weitere Anspielung auf Js 53 enthält Jesu Antwort auf die Frage der Zebedäus-Söhne: »Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.« (Mk 10,45 / Mt 20,28), was auf Js 53,11–12 zielt. Von zentraler Bedeutung aber ist Mk 14,24: »Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.« Hier erinnert Jesus wiederum Js 53,11–12 und gibt damit seinem Tod eine Deutung. Js 53,11–12 lautet: »11Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. 12Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.« »Die Vielen« meint die Heidenvölker, die sich nach alttestamentlicher Prophetie am Ende der Tage zu JHWH bekehren.
Aus Js 53,11–128 konnte Jesus also herauslesen, dass die Voraussetzung für die Bekehrung der Heidenvölker der Tod des Gottesknechtes ist.
Neben Jesaja 53 scheint mir Deuterosacharja Jesu Gang in die letzten Jerusalemer Tage beeinflusst zu haben. Anspielungen Jesu auf das Sacharja-Buch sehe ich im Ausdruck »Blut des Bundes« (Mk 14,24 – dieser Ausdruck wird Ex 24,8 im Zusammenhang des Sinaibundes und Sa 9,11 im Zusammenhang einer messianischen Verheißung gebraucht). Sa 9,9 mochte ihm schon bei seinem Einzug in Jerusalem vor Augen gestanden haben, und nach Mk 14,27 || Mt 26,31 glaubt Jesus, dass sich in der Passahnacht Sa 13,7 erfüllt. Weitere Anspielungen der Evangelisten auf das Sacharjabuch finden sich Mt 27,10 (Sa 11,12–13) und Jo 19,37 (Sa 12,10). Ich selbst vermute, dass die Übernachtung Jesu in der Passahnacht am Ölberg in Erinnerung an Sa 14,4 geschieht: Hier beginnt der endzeitliche Kampf, und es macht guten Sinn, dass Judas die Häscher hierher führt. Deuterosacharja beschreibt in dunklen Worten den Endkampf der Heidenvölker gegen Jerusalem. Im Verlaufe dieses Endkampfes ist von einem Durchbohrten die Rede (12,10), JHWH kämpft vom Ölberg aus gegen die Heidenvölker (14,3f.), durch eine eigenartige Plage werden die Völker besiegt (»ihr Fleisch wird verwesen, während sie noch auf ihren Füßen stehen, und ihre Augen werden in ihren Höhlen verwesen und ihre Zungen im Mund« – 14,12). Die jüdische Tradition erwartet diesen Endkampf für die Zeit des Passah-Festes.9 Ein Teil der Heiden überlebt nach Deuterosacharja diesen Kampf und zieht zum Laubhüttenfest nach Jerusalem, um dort JHWH anzubeten (14,16).10 Deuterosacharja endet mit den Worten »Und es wird keinen Händler mehr geben im Hause des HERRN Zebaoth zu der Zeit.« (14,21) – wollte Jesus für diesen Gottesdienst den Tempel »reinigen«?
Der Eselsritt, »Tempelreinigung«, die Übernachtung in Gethsemane (Endkampf vom Ölberg her), die Annahme einer Zwischenzeit11 zwischen Jesu Tod (Passah-Fest) und Einbruch des Gottesreiches (Sa 14,16 – Völkerwallfahrt zum Laubhüttenfest) mögen von den deuterosacharjanischen Verheißungen beeinflusst sein. Wenn Jesus am Abend vor seinem Tod an Js 53,11–12 und mit der Erwähnung des Blutes des (neuen) Bundes an Sa 9,11 erinnert, dann bedeutet dies, dass er dazu bereit ist, die Voraussetzung für den Anbruch der Gottesherrschaft zu schaffen.12
Als Zeitpunkt für das Erlösungswerk des Messias wird in der rabbinischen Literatur immer wieder das Passahfest genannt.
So wie im Nisan die Weltschöpfung und die Erlösung aus Ägypten stattfanden, so wird der Messias ebenfalls im Nisan sein Erlösungswerk vollenden.13
Der Codex Neophyti I (1. oder 2. Jhdt. n.Chr.) fügt zu Ex 12,42 ein Gedicht über die »vier Nächte« an, das in den einzelnen Strophen die Ereignisse aufzählt, die während der Passahnacht stattgefunden haben, bzw. noch stattfinden werden:
I Die Erschaffung der Welt,
I die Fesselung Isaaks,
I der Auszug aus Ägypten
I und das Erlösungswerk des Messias. – Der Text der vierten Strophe lautet: »Die vierte Nacht: Wenn die Welt ihr Ende vollenden wird, um aufgelöst (oder: getrennt) zu werden. Die Eisenjoche werden zerbrochen werden, und die Geschlechter des Gottlosen werden vernichtet. Und Mose wird heraufsteigen mitten aus der Wüste, [und der König-Messias mitten aus Rom]14. Der eine führt an an der Spitze der [einen] Lämmer[herde], und der andere führt an an der Spitze der [anderen] Lämmer[herde], und Sein Wort führt an zwischen den beiden. Und ICH und sie führen zusammen an.«15
Als eigentlichen Zeitpunkt der Erlösung benennt die jüdische Homilienliteratur dann die Mitternacht – einen Zeitpunkt, den – im Hinblick auf damalige Zeitmesser – nur Gott exakt zu bestimmen vermochte.16
Dass Jesus zu diesem eschatologisch bedeutsamen Zeitpunkt sein Erlösungswerk vollbringen kann, wird durch einen Beschluss des Hohen Rates gefährdet, Jesus ja nicht »auf dem Fest« zu ergreifen (Mk 14,2). Daraufhin17 bietet Judas die Übergabe Jesu an (V. 10–11). Mit diesem Angebot liegt der Zeitpunkt der Auslieferung wieder in den Händen Judas bzw. seines Auftraggebers. Es spricht einiges dafür, dass Jesus selbst den Judas mit diesem schweren Auftrag betraute:
I Nirgendwo im Neuen Testament wird die Tat des Judas als »Verrat« bezeichnet. paradidomi bedeutet in erster Linie »überliefern«, »ausliefern«, freilich kann auch gelegentlich die Bedeutung »verraten« mit anklingen. Doch wird paradidomi auch im positiven Sinn für die Traditionsübergabe verwendet, so gerade auch in 1Kor 11,23.
I Als Jesus seine bevorstehende Auslieferung durch einen aus dem Jüngerkreis andeutete, hielten alle Anwesenden es für möglich, dass sie mit dieser Aufgabe betraut werden konnten – sie fragten: »Bin ich’s?« (Mk 14,18). Die Ur-Leidensweissagung Mk 9,31 mochte eine solche Frage erwarten lassen. – Im Gegensatz dazu wird die Ankündigung der Verleugnung Petri mit lautem Protest beantwortet (Mk 14,31).
I Judas wusste den Ort, an dem Jesus mit dem Jüngerkreis übernachtete: den Garten Gethsemane. Zuvor übernachtete Jesus mit dem Jüngerkreis in Bethanien (vgl. Mk 11,12). Für die Passahnacht selbst aber war eine Übernachtung im erweiterten Stadtbezirk Jerusalems vorgeschrieben. Dass Judas über die Schlafstätte Jesu und der Jünger informiert war, lässt sich für mich nur durch eine Absprache erklären.
I Judas küsste Jesus nach Mk 14,45 herzlich18, und Mt 26,50 redet Jesus Judas mit hetaire« an. Eine Verteufelung des Judas ist erst bei Lk und Jo zu beobachten.
Judas also ermöglicht, dass Jesus in der Nacht des erstes Passah-Tages ausgeliefert wird. Möglicherweise erwartete Jesus für diese Nacht den messianischen Endkampf19, in dessen Verlauf er ums Leben kommen sollte. Die Abendmahlsworte mit ihrer Zeichenhandlung des Brotbrechens und der Erwähnung des Blutvergießens weisen wohl darauf hin, dass Jesus damit rechnete, entweder durch einen Schwertstreich oder bei einer Steinigung ums Leben zu kommen. Eine Kreuzigung, bei der der Leib ja nicht zerbrochen wird und eigentlich auch nicht viel Blut fließt, passt nicht zu den Abendmahlsworten.20 In der Mitternacht des. 1. Passahtages kam die Blutmanipulation Ex 12,7 zu ihrer Wirkung, als JHWH bzw. sein Verderber an den Häusern der Israeliten vorüberging (pasach, V. 13 und 23). Mir erscheint es sehr wahrscheinlich, dass Jesus seine Blutmanipulation im Garten Gethsemane erwartete.21 Möglich, dass die Jünger deswegen den Garten Gethsemane trotz aller vorherigen Beteuerungen so fluchtartig verließen, weil das Erwartete eben nicht eintrat.22
Die eschatologisch so bedeutsame Stunde verstrich, ohne dass Jesus sein Blut vergoss. Als Jesus dann anderntags gekreuzigt wurde, rief er aus: lama elohi lama sabachtans – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Ist dies die aramäische Wiedergabe von Psalm 22,2a, mit bewusster Anspielung auf den ganzen Psalm? Oder drückt Jesus damit seine tiefste Gottverlassenheit aus? Auffallend ist, dass die Gebetsanrede elohi nicht der Gebetssprache Jesu entspricht. Alle anderen ihm zugeschriebenen Gebete beginnen mit pater. Mk 14,36 ist sogar noch der aramäische Wortlaut abba erhalten. Diese Gebetsanrede macht die besondere Qualität der Gebete Jesu aus (zum urchristlichen Nachhall dieser Gebetsanrede vgl. Rm 8,15, Gl 4,6). Bedeuten die letzten Worte Jesu nach dem ältesten Evangelisten, dass Jesus sich angesichts dieses Todes aus seiner intimen Gottesbeziehung wieder herausgefallen fühlte? Ist ihm nach allem, was er an diesem Vormittag hatte durchmachen müssen, der tiefe Glaube zerbrochen, und sah er sich selbst in seiner Mission gescheitert? Gerade dass Jesus diese Worte auf aramäisch sprach, belegt m.E., dass er nicht in die Sprache des Psalters verfällt, sondern hier eigene Befindlichkeit ausdrückt. Gelernt wurde der Psalter doch wohl in der lingua sacra.
Wie bei der Fesselung Isaaks Gen 2223 ereignet sich – zumindest nach den Berichten der Synoptiker – auch bei Jesu Selbstopfer ein Synchronizitätsphänomen: »37Aber Jesus schrie laut und verschied. 38Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.« (Mk 15). Dieser Vorfall erinnert an jüdische Berichte, nach denen 40 Jahre vor Zerstörung des Tempels eigenartige Dinge geschahen, aus denen die Zeitgenossen erschlossen, die Schechina JHWHs habe bereits den Tempel verlassen. Von den zahlreichen Belegen sei Joma 39b zitiert:
»Unsere Meister lehrten: Vierzig Jahre lang vor der Zerstörung des Hauses kam das Los nicht in die Rechte,24 noch wurde der rotgefärbte Stoffstreifen weiß,25 noch brannte das westliche Licht,26 und es öffneten sich die Türen des Tempels von selbst.«27
Theologisches Nachdenken über dieses Synchronizitätsphänomen mochte dazu führen, nun im Kreuzestod Jesu den Höhepunkt und Abschluss des Opfergedankens zu sehen, wie es dann klassisch im Hebräerbrief ausgedrückt wird: »Das [nämlich ein Sündopfer darzubringen] hat er [Christus] ein für allemal getan, als er sich selbst opferte.« (7,27) Verstand Jesus selbst noch seinen Tod als Voraussetzung dafür, dass die Heidenvölker im Sinne der alttestamentlichen Propheten bekehrt werden konnten, so ermöglicht das Zusammenfallen des Todes Jesu mit dem Zerreißen des Vorhangs im Allerheiligsten, Jesu Tod nun doch als Sühnopfer zu verstehen, das aber alle weiteren Sühnopfer ersetzte und unnötig machte. Der Opferkult – der zumindest seit Hosea 6,6 suspekt geworden ist – ist damit endgültig an sein Ende gekommen.
Von der Fesselung Isaaks – auch sie geschah nach jüdischer Tradition an einem Passahfest28 – und ihrer Aufhebung des Menschenopfers spannt sich der Bogen zum Selbstopfer Jesu, durch das der Opferkult selbst aufgehoben wird. Dass die Auflösung des Opferkultes nun wieder durch ein Menschenopfer geschah, verdankt sich wohl nicht eigentlich dem göttlichen Willen und göttlicher Setzung, sondern der Tat jenes Mannes aus Nazareth, der die Nähe Gottes als liebenden Vaters in ganz besonderer Weise erfuhr, der aber die bei den Propheten Jesaja und Sacharja mitgeteilten Aussagen als Willenskundgebungen seines himmlischen Vaters in dem Sinne verstand, dass er – um die Heidenvölker »als Beute« zu erhalten – sterben müsse. Dürfen wir die Mk 15,37f. mitgeteilte Synchronizität so verstehen, dass Gott dieses Opfer annahm, damit es fortan keine weiteren Opfer mehr gibt?
Über den Autor
W. R., Jahrgang 1952. Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Baden, seit 1. September 2002 Religionslehrer in Ettenheim.
Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2003
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