Von: Theodor Hering
1. Ein Startschuß - ein Vorhaben - aber keiner weiß, wie man es anfängt
Eine Frage am Anfang: Soll ich wirklich auch noch meine Meinung zum Thema »Mission« abgeben? Bitte sagen Sie nicht vorschnell »Nein!«. Ich frage mich das ja nur, weil ich unsicher bin. Ich weiß mich als Pfarrer zur Evangeliumsverkündigung ordiniert. Also sollte ich nicht so viel reflektieren, sondern missionarisch handeln. Wenn da nicht diese Unsicherheit wäre, die das ganze Land ergriffen hat: »Mission ja - aber wie?« Sollte ich nicht lieber zu den landes- oder freikirchlichen Schwestern und Brüder in die Lehre gehen, die es schaffen, missionarische Projekte, ja sogar missionarische Gemeinden ins Leben rufen?1
Im Jahr 1999 war diese Synode der EKD in Leipzig. Was für ein Signal: Im Osten Deutschlands, wo im Querschnitt höchstens noch ein Viertel der Menschen einer christlichen Kirche angehört, ruft die Kirche: »Evangelisation ist ein Jubelruf - Jubel über das Geschenk des Evangeliums, das der Kirche anvertraut ist und das um so wertvoller wird, je mehr sie es mit den Menschen teilt.« So steht es jedenfalls im Vorwort des EKD-Textes »Das Evangelium unter die Leute bringen« von 2001. Der Startschuß war gegeben, das Ziel fixiert - und nun? Eine Menge an Texten und Konsultationen folgte bis heute. Es sind gute Texte, angefangen bei dem besagten EKD-Text. Und das Thema »Mission« verbindet die Konfessionen, es ist ein ökumenisches Thema ersten Ranges.
Welch ein Jubelruf, wenn da nicht kürzlich in der Wochenzeitung »die kirche«2 von einer Konsultation zwischen Landeskirche und wissenschaftlicher Theologie in Halle/ Saale zu lesen gewesen wäre. »Mission ja - aber wie?« Bischof H.-J. Abromeit bringt es wohl auf den Punkt, wenn er meint, es wäre ein »Fortschritt für die EKD«, wenn sie mal einen Konsens, ein gemeinsames Verständnis von »Mission« formulierte. Aber das hat sie doch. Von dem Text war ja die Rede. Warum dann immer noch so viel Unklarheit? Weil sich Landeskirchen und Hochschule auch nicht klar darüber sind, wer nun den theologischen Nachwuchs in Sachen »Mission« schulen soll? Somit ist bei weitem noch nicht klar, wo es lang geht nach dem Startschuß 1999 in Leipzig.
2. Von Sprachlosigkeit und Völlegefühl
Der badische Landesbischof U. Fischer spricht aus, was unter dem Stichwort der »Sprachlosigkeit« in Sachen des Glaubens seit Jahrzehnten wohl schon erkannt ist und die hermeneutische Theologie mit auf den Plan brachte: »Es ist ja mit Händen zu greifen, daß es uns als ›Kirche des Wortes‹ weithin buchstäblich die Sprache verschlagen hat.« Und er fährt fort im Sinn des von M. Luther überlieferten Wortes, dem Volk aufs Maul zu schauen: »Wir müssen eine Sprache des Glaubens lernen, bei der wir selbst als Suchende suchenden Menschen zu Begleiterinnen und Begleitern auf dem Weg des Glaubens werden.«3 Es geht darum, ein Defizit in der Wahrnehmung des Alltags alltäglicher Menschen und ihrer Sprache auszugleichen.
Dieses Gefühl der Sprachlosigkeit kann wohl jeder mehr oder weniger bestätigen. Mich persönlich hat es erwischt bei der bedrückenden Einsicht: Ich fühle mich überhaupt nicht ausgebildet, einladend auf (nicht-christliche) Menschen zuzugehen und ihnen verständlich das Evangelium zu bezeugen. Ich fühlte eine Not in kommunikativer Kompetenz. Es konnte doch nicht angehen, daß lediglich die »von Natur aus« Talentierten missionarische kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind, die schon immer freundlich, wortgewandt, beziehungsfähig und teilnehmend aufzutreten verstehen. Man muß das doch lernen, darin doch ausgebildet werden können, das Evangelium zu kommunizieren mit Wort und Gestus. Zumindest es so lernen, daß die eigene, ständig überarbeitete, hin und wieder mürrische Untalentiertheit der Freundlichkeit der guten Nachricht nicht im Weg steht. Und so habe ich mir ein großes Buch gekauft: Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Und ich habe manches gelernt, zumindest dies, daß in Zeiten elektronischer Medien und fikitiver Werbewirklichkeiten die face-to-face-Kommunikation nicht etwa obsolet, sondern im Gegenteil enorm lebensorientierend ist.4 Und ich betrachte das deswegen als einen Lernerfolg, weil »Mission« ja häufig in, manchmal auch medial vermittelten, Großprojekten gedacht und durchgeführt wird. Stattdessen betont auch die Studie der Arnoldshainer Konferenz: »Evangelisation geschieht dann sachgemäß, wenn sie, was die Formen und Methoden betrifft, offen bleibt für eine möglichst große Vielfalt .… Konkret bedeutet dies, daß die ›Evangelisation von Mensch zu Mensch‹ eine viel größere Beachtung verdient, als es gemeinhin üblich ist. Es bedeutet weiter, daß veranstaltete Evangelisationen keineswegs nur in der Form ›konfrontativer‹ Verkündigung organisiert werden sollten, sondern durchaus die Form organisierter Mensch-zu-Mensch-Evangelisation haben können.«5 Warum bin ich in solchen Grundlagen von Kommunikation nicht längst in der ersten, spätestens in der zweiten Ausbildungsphase ausgebildet worden? Weil niemand einsah, in missionarischer Kommunikationskompetenz auszubilden? Wohl gemerkt, mir geht es um missionarische Kommunikationskompetenz gegenüber Nicht-Christen. Für »innerkirchliche« Kommunikation sind wir ja ausgebildet!
Und auf der andern Seite seit 1999 eine Flut von Texten, Studien, Projekten und Worten zum Thema »Mission«, daß ich nicht anders kann, als von einer Sprachlosigkeit zweiter Ordnung, oder einfach von Völlegefühl zu sprechen. Wie kann es sein, daß nach allen diesen im ganzen guten und systematischen Äußerungen ein Bischof im Osten Deutschlands(!) immer noch fragt, was in unserer Kirche Mission eigentlich sei?
3. Verwaltung und Sendung
In Mitteldeutschland verhandeln drei ostdeutsche Kirchen über Zusammenarbeitsmöglichkeiten. »Meine« Kirche, die Evangelische Landeskirche Anhalts, besteht in den Verhandlungen darauf, daß Zusammenarbeit für die Gemeinden und zur Stärkung missionarischer Kompetenz geschehen soll. Das werden die andern auch wollen. Aber diese Verhandlungsabsichten täuschen doch nicht darüber hinweg, daß man sich als Pfarrer wie ein Resteverwalter volkskirchlicher Güter vorkommen kann, der inmitten von Sparzwängen und Bereichsvergrößerungen rettet, was zu retten ist. Und wir haben wirklich zu tun! Nur, manchmal fragt man sich: Ist es das? Bin ich hier nicht eingeklemmt zwischen Gemeindebetreuung, Missionserwartung und dem landeskirchlichen Druck, daß - wenn schon missionarisch - bloß nichts geschieht, was Menschen in den oder außerhalb der Gemeinden verunsichern oder verärgern könnte. Schließlich muß die Kirchensteuer in einem strukturschwachen und von Abwanderung gebeutelten Land gehalten werden. Und daran hängt ja auch mein Gehalt, das wenigstens bei den 82% bleiben soll.
Und wieder auf der andern Seite steht der geradezu medienorientierte Begriff Sendung. Ich bin auf Sendung. »Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch« (Joh 20,21). Da ist konzeptionelle und aufgabenorientierte Vorbereitung nötig, da ist eine Sendezeit vorgegeben und ein Publikum unter klar definierter Themenerwartung zu erreichen. Und da gibt es Programmdirektoren und ein Team, was sein Ziel erreichen und »Quote« machen will. Vielleicht hilft hier wirklich eher die kommunikations- als die marktorientierte Analogie weiter, wenn es um die Weitergabe des Evangeliums geht. Zumindest wird doch klar, daß wir nicht nur Verwaltungsangestellte des Senders »Kirche« sind, sondern ihre Moderatoren und Kommunikatoren, die Motivation, Teamunterstützung und klare Vorgaben brauchen.
4. Verschiedene Situationen, Mission zu reflektieren
Ich habe eingangs gefragt, ob es nicht angebrachter wäre, Mission zu tun als zu reflektieren. Dabei gibt es viele Situationen, wo ich missionarisches Tun reflektiere. Dabei unterscheide ich nicht zwischen innerkirchlichen Situationen und denen, wo ich Nichtchristen begegne. Das mischt sich häufig, wie etwa bei Geburtstagsbesuchen. Sind die eine missionarische Gelegenheit? Aber natürlich! Und wie? Ich kann zu kirchlichen Veranstaltungen einladen, über Themen des Glaubens diskutieren oder mit den Anwesenden beten. Häufig werde ich dazu nicht kommen, weil irgendein Ortsthema oder die Frage, ob es denn in der Kirche jetzt mehr geworden seien nach der Wende, das Gespräch bestimmen. Ich esse dann meinen Kuchen und denke: Die waren wohl lange nicht mehr in der Gemeinde zu sehen. Und wir tauschen freundlich unsere Ansichten aus. Und dann passiert es oft, daß ich mich auf dem Heimweg frage: Hast du heute einmal den Namen Jesus erwähnt? Warum nicht? Paßt er nicht zu Kaffee und Kuchen?
Solche Situationen, über Mission nachzudenken, bieten sich häufig. Auch im Neuen Testament werden Situationen von »Mission« reflektiert. Und es wird deutlich, daß es sehr unterschiedliche Situationen von Mission gibt. Und sie sind manchen Situationen meines Pfarralltags ähnlich. In Apg 17 zum Beispiel geht es um Dialog und Apologetik, und darin auch um missionarisches Tun.6 Es geht um eine Begegnung, wie sie etwa in einem Taufunterricht mit Erwachsenen auch geschehen kann, wo nach Anknüpfungspunkten für die frohe Botschaft gesucht wird. Oder es geht um die Verantwortung des Glaubens vor den Foren der Vernunft, der Kritik, der Brauchtumspflege oder der Moral.7
Die Apostelgeschichte ist ja insgesamt die erzählende Reflexion des missionarischen Wachstums der nachösterlichen Kirche in ganz unterschiedlichen Situationen. Die evangelistische Jesus als den Verheißenen, Gekreuzigten und Auferstandenenbekennende Marktrede des Petrus gehört ebenso dazu, wie deren Folge, die massenhafte Taufe. Es gehört die Verantwortung vor Machthabern dazu wie auch die Organisation von Gemeinde und Mitarbeitern, um der missionarischen Situation begegnen zu können. Es gehört die Auseinandersetzung in der Gemeinde dazu wie auch die furchtlose Wahrnehmung des freien (römischen) Bürgerrechts. Und es gehört die Machttat des Wunders an Kranken dazu wie die Unterscheidung von Glaube und Unglaube und Glaube und magischer Religionspraxis (vgl. Apg 5, 1ff.; 8,4ff.). Und alles, weil mit Apg 4,12 klar gesagt ist: »Es ist in keinem andern Namen das Heil« - als in dem Jesus-Namen.
Bei Paulus finden sich selbstverständlich Situationen der Reflexion auf sein missionarisches Handeln. Er weiß sich von Christus gesandt, zu evangelisieren (1 Kor 1,17), und wehe, wenn er es nicht täte (1 Kor 9,16). Botschafter der Versöhnung in Christus im Auftrag Christi ist er (2 Kor 5,20). Auf Freiheit besteht Paulus und referiert diese Freiheit im Galaterbrief im Hinblick auf eine bestimmte Gesetzlichkeit, im Zweiten Korintherbrief spricht er die Freiheit seiner eigenen Person und seines Handelns an. Und doch war er missionarisch beziehungsorientiert, hat sich an Menschen gebunden: »Ich bin allen alles geworden, um wenigstens einige zu retten« (2 Kor 9,19-23).
In den Evangelien sind es die Aussendungsberichte, in denen auf missionarische Erfahrungen geschaut wird, die Jesus selbst initiierte. Er sendet Jünger aus, das Evangelium zu verkünden, Kranke zu heilen, Dämonen auszutreiben und Frieden den Häusern zu bringen. Er gibt ihnen Vollmacht, zu tun, was er tat. Er will nicht ohne sie handeln, er braucht uns. Schon das erste Kapitel des Markusevangeliums macht deutlich: Jesus verkündet das Evangelium und beruft dann sofort die ersten Jünger. Fraglich ist freilich, ob die Reflexion der zurückkehrenden 72 Jünger auf ihr missionarisches Handeln landläufige volkskirchliche Erfahrung ist: »Kranke haben wir geheilt, Dämonen haben uns gehorcht.« (Lk 10,17). Jesus reagiert hier wie bei einer missionarischen Arbeitsbesprechung: »Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen, als ihr getan habt, wozu ich euch bevollmächtigte.« (Lk 10,18f.). Und freuen dürfen sich die Jünger, gar nicht so sehr über die augenscheinlichen Missionserfolge, sondern darüber, daß sie es sind, die Gott jetzt braucht.
5. Gewißheit des neuen Lebens mit Christus
Der Hinweis auf Apologetilk macht auch eine - was zunehmend in eins gesehen wird - fundamentaltheologische Aufgabe8 nötig, nämlich die Gewißheit des Glaubens zu stärken. Gemeint ist hier: Was missionarisch kommuniziert werden soll, nämlich der Neubeginn eines Lebens mit Jesus Christus, das mit einer Lebensumkehr eihergehen kann, das muß durch stete Verkündigung, Katechese und Gemeindepädagogik in den Gemeinden gewiß gemacht werden. Nur eine missionierte Gemeinde ist missionarisch.9 Diese Gewißheit des neuen Lebens mit Christus dürfen wir als kirchliche Mitarbeiter als Wort-Wahrheit ständig neu bezeugen - und selbst glauben! Die Missionsreflexionen im Neuen Testament sind auch ein Gewißwerden des Glaubens und des neuen Lebens mit Christus für kirchliche Mitarbeiter angesichts von Auseinandersetzungen. Was für Sätze sind das etwa im 1 Joh 2,12ff.: Ihr seid erlöst, ihr habt Vergebung, ihr seid Kinder des Anfang setzenden Vaters. Was für ein Licht, was für eine Wahrheit, die leuchten will in Klarheit und Liebe. Wer so erfüllt ist von der Fülle der frohen Botschaft, der kann teilgeben, Beziehung stiften, Gemeinschaft eröffnen. Vergewisserung im Glauben - nicht einfach, weil unsichere und kritische Zeiten sind, sondern weil die Beziehung zu Jesus die Wahrheit und das Leben ist. Es geht nicht um Selbstvergewisserung, sondern um das Gewißwerden im Glauben an Jesus, um das Gewißwerden des neuen Lebens mit Jesus. Es geht einfach um Freude an ihm.
6. »naming the name« und kommunikative Zeitgenossenschaft
Die Studie der Arnoldshainer Konferenz hat es an einer Stelle ganz einfach benannt, worum es geht: »naming the name«, den Namen Jesus benennen, anrufen, anbeten, weitersagen, nennen.10 Kann man es so einfach sagen? Mission als klares, aber liebevolles Weitersagen des Namens Jesus, indem sein ganzes Rettungsevangelium eröffnet und meine Beziehung zu ihm mitgenannt ist? Mission ist also Zeugnis des Evangeliums in biografischer Authentizität. Und es ist das gewollte Vorhaben, Menschen für die Lebensbeziehung zu Jesus zu gewinnen, sie also zu taufen. Das ist nach Mt 28 unser Auftrag. Und es sollte uns nicht schwer fallen, offene und einladende Arbeit in den Gemeinden zu betreiben und doch den - zwar geduldigen, nicht drängenden - verbindlichen Wunsch in sich zu tragen, zu tun, was Jesus will, und Menschen auf seinen Namen zu taufen.
Es beginnt alles missionarische Bemühen mit dem Namen11: Jesus ist der logos, das Namenswort der Anfang (vgl. Joh 1). Alles andere folgt dem nach - im Sinn der fides wie auch der ratio. Ist Jesus der Anfang kirchlichen Handelns12, dann geschieht Mission und Evangelisation auch zuerst um seinetwillen. Und wenn er viele Menschen der Gemeinde hinzufügt (Apg 2,47), dann ist missionarisches Handeln nicht menschliches Verdienst, aber immer menschlicher Gewinn. Geht es personal um Jesus, dann um Beziehung und Kommunikation. In beidem muß ich geübt oder vergewissert werden. »Kommunikationstraining« ist in beiden Richtungen unerläßlich: im Gottesdienst und in beziehungsbefähigender Ausbildung für Haupt- und Ehrenamtliche. »Kommunikationstraining« hieße für kirchliche Mitarbeiter »auf Sendung« Ausbildung in pneumatologischen und anthropologischen Kommunikationsfaktoren.13 Ausbildungsziel solcher Kommunikationsbefähigung sollte Zeitgenossenschaft sein, verstanden als die Sensibilität für meine Mitmenschen, ihre Hoffnungen und ihre Furcht und die Sensibilität für meine Hoffnungen und meine Furcht, die ich mit meinen Mitmenschen teile. Es geht auch um kulturelle Zeitgenossenschaft, die achtet, was neues erfunden und altes gepflegt wird. Es geht nicht einfach um Zeitgeisterei, sondern um Lebenteilen. Und darin fundamental um die Aufgabe oder mehr noch, den Wunsch, Mitmenschen möchten auch das neue Lehen in Jesus Christus mit mir und der Gemeinde teilen.14
7. Direkte und indirekte Mission »im Namen Jesu«
Vielleicht machen die vorstehenden Gedanken nun doch den Eindruck, als sei nicht viel dabei herausgekommen. Mehr besserwisserische Diagnose als erwartungsvolle Prognose? Ich werde es selbst ausprobieren müssen. Es wird mir allerdings nach Sicht neutestamentlicher Befundstellen wie der vielen Texte und Materialien eines ganz deutlich: Mission ist konzeptionell vielfältig. Ich möchte - vielleicht etwas plakativ - einteilen in »direkte« und »indirekte« Mission. Als »direkte Mission« würde ich begreifen, was direkt den Namen und das Evangelium Jesu verkündigt, zuspricht, weitersagt - ohne Schminke sozusagen. Situationen im Alltag gibt es dafür genauso wie es geplante Missionsprojekte oder -veranstaltungen oder der sonntägliche Gottesdienst sein können. »Direkte Mission« als der kurze und Entscheidung, auch Bekehrung, suchende Weg von Mensch zu Mensch, der Jesus in den Mittelpunkt stellt und wo es um Vergebung von Schuld geht (Joh 20,23!). »Indirekte Mission« wäre alles einladende und bereitstellende Tun, was Beziehung zu Menschen ermöglichen will. »Indirekte Mission« wäre darüber hinaus öffentliche Bildung15, der Diskurs in Sachen des Glaubens oder die alltägliche Beziehungsarbeit in der Gemeinde. Natürlich käme hier die ganze Arbeit der Diakonie als Zeugnis der Tat hinzu.
Mit P. Tillich könnte man es als Arbeit »auf der Grenze« bezeichnen, immer ein wenig apologetisch, immer ein wenig »natürliche Theologie«, immer ganz in Gott und den Menschen verantwortlicher Zeitgenossenschaft. Dazu gehört bestimmt, was Bischof A. Noack bei der von der Zeitung »die kirche« genannten Konsultation hinwies: »Wir müssen die Menschen mögen, mit denen wir es zu tun haben.«16 Man könnte hier auch von der Kommunikation der Liebe sprechen,17 wie die direkte Form die Kommunikation des Glaubens oder der Wahrheit wäre (vgl. 2 Joh 3). Beides greift aber ineinander, beides darf und - gemäß des Auftrags unseres Herrn - soll »Mission« sein, also immer ein Tun, um Menschen mit Jesus in Beziehung zu bringen. »Direkte« wie »indirekte« Mission sind also nie absichtslos, »indirekte« Mission ist damit aber nicht etwa »verdeckte Ermittlung«. Sondern die Unterscheidung von »direkt« und »indirekt« unterscheidet Situationen, nicht aber die beiden zugrundeliegende missionarische Absicht.18
So eine Absichtserklärung in ökumenischer Weite haben die Kirchen abgegeben.19 Nun käme es auf die Kleinarbeit, die Institutionalisierung der Absichtserklärung an: Geschehen Strukturveränderungen, Finanzdebatten, Personaldiskussionen, Leistungskatalogisierung pastoraler Tätigkeit und Aus- und Weiterbildung wirklich auch in missionarischer Absicht? Es wäre dann folgerichtig, alles kirchliche Arbeiten dem Auftrag unseres Herrn neu zu unterstellen: »Geht hin in alle Welt und fangt wieder hier in Deutschland an!« (frei nach Apg 1,8).
Anmerkungen:
1 Etwas bissig formuliert H. Balz, Kirchliche Arbeit in missionarischer Situation?, in: K. Schäfer (Hg.), Plädoyer für Mission. Beiträge zum Verständnis von Mission (Weltmission heute Nr. 35), 133: »Daß der Pfarrer als hauptberuflicher Diener des Wortes Gottes mit seinem Gehalt nicht unmittelbar von der Größe seiner wachsenden oder schrumpfenden Gemeinde abhängt, ist dabei ein volkskirchliches Erbe und Privileg, über das heute neu nachzudenken lohnt: der Amtsbruder in der Freikirche denkt seit jeher notgedrungen anders über den Zusammenhang zwischen Mitgliederwerbung und Gemeindebestand, über Mission und Kirche.«
2 Die Kirche. Wochenzeitung für Anhalt und die Kirchenprovinz Sachsen (Nr. 43/27.10.2002), 2.
3 Ders., Über die Schwelle treten. Missionarische Herausforderungen in der Zeitenwende (Bericht zur Lage. Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden, Bad Herrenalb, 13.4.2000), 12ff.
4 Das besagte große Buch ist von Klaus Merten, Einführung in der Kommunikationswissenschaft (Bd. 1/1: Grundlagen der Kommunikationswissenschaft), Münster 1999. Was grundlegend zur face-to-face-Kommunikation zu lernen ist, ist unter dem Stichwort »Informelle Kommunikation«, 118-132, besonders referiert. Unter dem Stichwort »Meinungsführer« findet sich dann der Satz: »Gleichwohl muß man davon ausgehen, daß Face-to-face-Kommunikation nicht überflüssig wird im Zeitalter der Massenmedien, sondern umgekehrt noch mehr an strategischer Wirksamkeit gewinnt« (243). Dazu gehört freilich auch, daß face to face in der Mediengesellschaft auch heißt, daß reale durch virtuelle, freilich bekannte und authentische Meinungsführer ersetzt werden können. Zur Rolle gerade »religiöser« Mitarbeiter als »Kommunikatoren« vgl. die instruktiven Ausführungen 296ff. Schwierig ist freilich die Einschätzung Mertens, die »christliche Lehre als Propaganda« zu bezeichnen (262). Auch wenn es hier um kommunikationswissenschaftliche Differenzierungen zwischen »Werbung/ Überredung«, »Public Relations/Überzeugung« und eben »Propaganda/Manipulation(!)« geht (261), so ist doch der Begriff »Propaganda« ein ideologisch sehr belasteter Begriff. Freilich: Wer fühlt sich hier zuständig, eine konstruktive Auseinandersetzung zu führen?
5 Evangelisation und Mission. Ein Votum des Theologischen Ausschusses der Arnoldshainer Konferenz, 1999, 48, vgl. auch 71f.
6 Vgl. dazu etwa M. Petzold, Apologetische Theologie heute. Differenzerfahrungen zwischen Glaube und Zeitströmungen (EZW-Texte 1999, 148), 4. Hier erörtert er anhand von 1Pt 3,15 die Aufgabe und Eigenart von Apologetik, auch gegenüber von Mission: »Der Kontext des Rechenschaftsgebens ist für den Glauben nicht die Situation des Missionierens, sondern des Reflektierens. Freilich sind die Adressaten des 1 Petr missionierend Gemeinde(n) gewesen (vgl. z.B. 3,1); und Mission, Ausbreitung des christlichen Glaubens und Gemeindengründung stellen die Voraussetzung für den Herausforderungskontext der Apologetik dar.«
7 M. Nüchtern bezeichnet solches situative verantwortendes Glaubens als »kasuelle Apologetik« mit einem großen Maß an »Geltungsanspruch« und »Öffentlichkeitswillen«, in: Ders., Apologetik ist nötig (EZW-Texte 1999, 148), 19f. Vgl. auch ders., Kirche in Konkurrenz. Herausforderungen und Chancen in der religiösen Landschaft, 1997.
8 Vgl. dazu die fundamentaltheologischen Erwägungen bei M. Roth, Die Bedeutung der Fundamentaltheologie für die Evangelische Theologie, in: KuD 48 (2002/2), 99-117.
9 Vgl. Evangelisation und Mission, aaO (A. 4), 102: »Evangelisierende Gemeinde ist evangelisierte Gemeinde«.
10 Evangelisation und Mission, aaO. (A.4), 62.
11 Vgl. P. Beyerhaus, Er sandte sein Wort. Theologie der christlichen Mission (Bd. 1), 1996, 430-444.
12 Vgl. die in der neutestamentlichen Wissenschaft so benannten Unterscheidungen von »impliziter« und »expliziter« Ekklesiologie im NT. Letztlich geht es doch darum, was Jesus vor und nach Ostern gleichermaßen wollte und wozu er Jünger sandte: zu verkündigen, zu heilen, zu Gott zu führen, Sünde vergeben.
13 Da stünde an erster Stelle das Gebet, gefolgt von der Einübung in den Mut, Jesus zuzutrauen, was er uns verheißen hat: »Nehmt hin den heiligen Geist!« (Joh 20,22) und »der heilige Geist wird euch in dieser Stunde lehren, was ihr sagen sollt« (Lk 12,12). Vgl. dazu auch Th. Hering, »Löscht den Geist nicht aus«, in: DtPfBl 102 (2/2002), 57-59.
14 »Zeitgenossenschaft« weist hin auf ein neues missionarisches Konzept: »Emmaus: Auf dem Weg des Glaubens«. Schon wieder ein Gemeindeaufbauprogramm? Ja, aber ein ehrliches, das keine kurzfristigen Bildungsangebote machen oder Bekehrungserfolge erzielen will. Sondern es macht Mut, langfristig Gemeinde zu bilden, die insgesamt den Sendungsauftrag ihres Herrn als ihr eigenes Programm erkennt und annimmt.
15 Vgl. E. Pausch, »Mission« als Bildungsgeschehen, in: DtPfBl 99 (6/1999), 328-331. E. Pausch votiert vehement für eine Wiedergewinnung eines positiven Verständnisses von »Mission«. Seine These: Bildung ist nicht nur ein Teilgeschehen, sondern der »Inbegriff von (christlicher) Mission« (330). Daran ist wohl richtig, daß alles missionarische Handeln »Bildung« sein kann, indem es informiert, unterrichtet, das Leben formt und Menschen dem Ebenbild Christi gleichgestalten will. Will das aber jede Form von »Bildung«? »Mission als Bildungsgeschehen darf nicht verwechselt werden mit der Gewinnung von neuen Kirchenmitgliedern.« (330) Das geschähe legitimerweise durch die Taufe. Gemäß der hier vorgetragenen Gedanken ist eine Unterscheidung von »direkter« und »indirekter« Mission gemacht worden, wobei beiden (!) die Absicht unterlegt wird, Menschen für den Glauben an Jesus Christus und die Taufe zu gewinnen. Wenn »Bildung« nach Pausch direkte Mission wäre, müßte sie diese Absicht haben. Hat sie diese Absicht nicht, wäre sie nicht einmal »indirekte« Mission. Warum diese Skrupel bei der Gewinnung von neuen Kirchenmitgliedern? Natürlich ist das letztlich die Tat des Dreieinen Gottes, wenn Menschen im Glauben sich taufen lassen und von Ihm hinzugefügt werden. Aber ich kann nicht erkennen, warum wir uns auch in der indirekten Missionsarbeit dieser Absicht - und das heißt: dem Auftrag - unseres Herrn verschließen sollten!
16 Die Kirche, aaO (A.2), 2. Vgl. auch von dazu A. Noack, Die Menschen mögen, in: Brennpunkt Gemeinde 54 (1/2001), 2-3.
17 Hier würde für mich auch die ganze Reflexion zu den Symbolen und Zeichen der Liebe, der Hoffnung, der Zugehörigkeit, der Weltdeutung gehören. Und das, weil Symbole und Zeichen eben ihre verweisende Funktion haben, aber nicht direkt sind.
18 Ich denke an dieser Stelle, der »Absicht«, da scheiden sich die meisten innerkirchlichen Geister. Geschieht Seelsorge in missionarischer Absicht? Hat gar eine Beerdigung eine solche? Soll »offene Jugendarbeit« nicht erst einmal Raum für Lebensorientierung sein oder einfach Aufenthalt anbieten?
19 Vgl. dazu etwa die Materialien der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK): Aufbruch zu einer missionarischen Ökumene. Ein Verständigungsprozeß über die gemeinsame Aufgabe der Mission und Evangelisation in Deutschland (hg. von ACK/EMW/missio), 1999; »Unser gemeinsamer Auftrag: Mission und Evangelisation in Deutschland«. Ein Wort der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, 2002; und seitens der Katholischen Kirche in Deutschland von der Deutschen Bischofskonferenz, »Zeit zur Aussaat«. Missionarisch Kirche sein, 2000, mit einem wichtigen Anhang des Erfurter Bischofs J. Wanke.
Über den Autor
Pfr. Dr. T. H., Pfarrer und Kreisjugendwart im Kirchenkreis Ballenstedt seit 2002.
Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2003
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