Burnout = Motivationsmangel?
Eins steht fest: "Burnout" (ich will mich hier nicht auf Streitereien um die Bedeutung oder Verwendung des Wortes einlassen - wir wissen ja alle, was gemeint ist) ist ein Thema, das immer mehr auch im kirchlichen Bereich Relevanz entwickelt. Es wird viel gefordert von Pfarrer(inne)n, oft zu viel. Und so kommt es, dass nach einer gewissen Zeit der Hochleistung - oft viele Jahre - plötzlich ein schwarzes Loch entsteht, das alle Energie aufzusaugen scheint.
Immer mehr Pfarrer/innen haben einen "Burnout" schon hinter sich. Was mich ärgert, ist der Umgang der Kirchenleitungen mit diesem Thema.
Immer wieder hört man, dass es zu viele Pfarrer/innen gebe. Ich meine, es gibt längst viel zu wenige (Vergleiche mit früheren Zeiten darf man nicht ziehen. Da war nämlich das Arbeitsumfeld ganz anders, das dann auch miteinander verglichen werden müsste). Oder anders gesagt: die berufsfremde Arbeit (Hausmeister- und Küstertätigkeit, Büroarbeit usw.) muss endlich wieder von den Schultern der Pfarrer/innen genommen werden.
Die Botschaft, die die zunehmenden Burnout-Fälle aussenden, werden nicht dort gehört, wo sie eigentlich gehört werden müssten (bis auf wenige Ausnahmen: etwa in Nordelbien): nämlich bei den Kirchenleitungen. Man nimmt es hin, dass eine Pfarrstelle ein halbes Jahr oder länger vakant ist, die Nachbarkolleg(inn)en die Vertretung übernehmen und so auch deren Belastung das eigentlich zulässige Maß längst übersteigt.
Wie erleben Sie das?

9 Kommentare zu diesem Beitrag
Ein Kommentar von Rosa Rosenfeld, Diakonin / 24.08.2010
muss natürlich heißen: "kirchliche Berufe sind nichts für Narzisten"
Ein Kommentar von Rosa Rosenfeld, Diakonin / 24.08.2010
Wo sind die Pfarrerinnen und Pfarrer, die wirklich Entlastung wollen und dafür auch Macht abgeben: In Teamarbeit mit anderen Professionellen und in regionalen Teams untereinander?
In meiner ersten Supervisionsstunde zu Beginn meiner Berufstätigkeit sagte die Supervisorin:
Nein-sagen bedeutet immer Liebesverlust - daran führt KEIN Weg vorbei - kirchliche Berufe sind nichts für Nazisten!
Diese harte Wahrheit zu buchstabieren, hat mich bisher bewahrt...
Ein Kommentar von Matthias Jehsert / 22.08.2010
Man muß sich doch nur mal die Kosten für eine Berufsunfähigkeits-Police bei Pfarrern ansehen! Die Versicherungsstatistiken geben recht objektive Aussagen her.
Ein Kommentar von Piscator / 25.07.2010
Man muss auch anders herum prüfen:
ist nicht auch ein bore-out, kein Verbrennen, sondern ein Verrosten, weil es keine (echten) Aufgaben für die Pfarrer gibt, sucht man verzweifelt nach Aufgaben? Auch das schafft Stress!!
Ein Kommentar von Rudi Rakiv / 04.01.2010
1. Die Anzahl der Fälle nimmt zu.
2. I.d.R. sind den Kolleginnen und Kollegen die Auswirkungen und mögliche Verhaltenweisen nicht bekannt.
3. Burn-Out ist kein "Phänomen", welches irgendwie die Leistung beschränkt - Burn-Out ist eine massive Erkrankung des/r Betroffen, vergleichbar mit einem Herzinfarkt. Liladockland beschreibt es sehr treffend zu Beginn seines Beitrages.
4. Bei Kirche kann/darf das nicht sein - bei Kirche gibt es die Fälle verständlicherweise besonders häufig. Zwischen diesen Extremen sind Meinungsbilder und Verhaltenweisen anzutreffen. "Helfende" und "denkende" Berufe sind wohl besonders betroffen, Pfarrerinnen und Pfarrer, Verwaltungs"menschen" gehören dazu. Die VELKD-Broschüre ist m.E. eine sehr gelungene Dar- und Hilfestellung, doch - lesen und dran halten sind oft zweierlei Ding.
5. Reformen, Zukunftswerkstatt Kirche, Kirchen im Wandel - nichts ist zur Zeit beständiger als der Wechsel! Doch der Mensch braucht auch Bewährtes, ein "sicheres" Arbeitsumfeld, Wurzeln in seiner Tätigkeit. Leider meinen auch viele kirchliche Organisationen und Einrichtungen das Heil läge in einer Neuorganisation. Die Suche nach "Höher-Weiter-Schneller-Besser" birgt das Potential von Opfern.
6. Hoffen wir, dass in 2009 einige Gesichtspunkte mehr in den Blick gekommen sind, die aus Überforderung, ständigem negativen Stress und der Missachtung eigener Signale resultieren können.
Ein Kommentar von Liladockland / 25.09.2009
Burnout ist der Endpunkt einer sehr schlimmen Entwicklung. Viele Menschen und sogar Fachleute verwechseln die Stationen auf dem Weg zu diesem völligen Zusammenbruch eines Menschenmit dem Erreichen des letzten und unumkehrbaren Stadiums dieses Prozesses.
Diese Prozesse sind überall zu sehen und ein typisches Kennzeichen unserer schnelllebigen Zeit mit einem Überangebot an Informationen.
Wenn Pfarrerinnen und Pfarrer bzw. die Kirche insgesamt keine Schutz- und Heilungsangebote vor den Folgen dieser Zeit machen kann, wer dann? Ist vielleicht sogar die Kirche ausgebrannt oder hat sich die Botschaft des Evangeliums erschöpft? Der Umgang der Kirchenleitung mit diesem Thema könnte dies zumindest vermuten lassen! Die Kirche als Institution und die Menschen im Haupt-, Neben- und Ehrenamt sollen Gott loben und die Zeit ansagen. Wenn sie dazu keine Lust, keine Zeit oder keine Idee haben, dann sollte sie jemand ins Gebet nehmen!
Allen Menschen, die sich auf dem Weg zum burnout befinden rufe ich zu: Sucht euch Entspannung, Ruhezeiten und macht den Sonn- und Feiertag zu dem was er ist: Sich Zeit zu nehmen für Gott und sein eigenes Seelenheil (Mt 6,25-34).
Liladockland
Ein Kommentar von Berufsanfänger / 22.09.2009
Mir scheint, bei der Thematik wird von Kirchenleitungsseite her analog zur Homosexualitätsdebatte argumentiert. "Davon gibt es in der Pfarrerschaft bei uns 2-3 Fälle in der gesamten Landeskirche" war da nicht selten zu hören. Sollte heißen: das ist kein Thema! Nun soll es beim Burnout genauso sein.
Als Berufsanfänger mache ich mir schon Gedanken, ob ich einen derart absorbierenden Beruf ausüben möchte, wenn es wenig bis keinerlei Hilfen (Vikarsausbildung!) von offizieller Seite gibt.
Und dann sagte unser Bischof neulich sinngemäß, wer fest im Glauben stünde, der hätte auch kein Burnout-Syndrom. Gruselig.
Ein Kommentar von Freya von Donnershagen / 20.08.2009
Erst einmal mein Dank an Martin Senftleben für die Initiative, diesen Blog zu starten. Ich finde auch die VELKD-Broschüre wirklich sachkundig, sensibel und angemessen. Und Zustimmung auch für Hellmut Litzelmann: Es ist bei weitem kein nur kirchliches Thema.
Als eine, die betroffen war und ist, möchte ich die Anfragen an alle Kirchenleitenden mit ein paar Impressionen unterstreichen.
Die Struktur- und Verwaltungsreformen der letzten Jahre haben einen Anteil an der Situation jetzt. In den Sprengeln haben Pfarrerinnen und Pfarrer nach einem vorgegebenen Schlüssel aus den Kirchenkanzleien z.T. selbst über Stellenstreichungen diskutieren und beschließen müssen. Wen wundert es jetzt, dass in den Konventen eine Entsolidarisierung eingekehrt ist?
Die Versprechen der Verwaltungsreformer haben sich nicht erfüllt, dass Arbeitsabläufe besser und schneller werden würden. Aber niemand will das hören. Der „Schwarze Peter“ landet bei denen, die es wagen, kritisch nachzufragen. (Was haben Pfarrerinnen auch mit Verwaltung zu tun?)
In den Zukunftspapieren steht im Untertext, dass es oft die Pfarrerinnen und Pfarrer sind, die missionarischer werden müssten. Die einzig Weitsichtigen sitzen scheinbar in den oberen Stockwerken. Klar, jedes kurzatmige Projekt ist ja so viel besser als eine solide, auf Dauer angelegte Gemeindearbeit. Es gibt Menschen, die eine so pauschale Rede verletzt.
Der Oberlandeskirchenrat, der mir buchstäblich das Wort im Munde verdreht und niedere Absichten unterstellt, nur weil ich eine kritische Rückfrage gestellt habe.
Jede und jeder, der die Corporate Identity nicht in allen Punkten mit trägt, wird als Nörgler/in und Kleingeist abgestempelt. Ich habe versucht, mich einzubringen, und bin arg dafür behandelt worden.
Die Konsequenz ist die Auszeit und Neuorientierung. Und meine vorläufige Arbeitsthese lautet, mich zurückhalten zu müssen, wo immer dieser eben beschriebene Stil herrscht und mich dort einzubringen, wo mein Engagement gesehen und gewürdigt wird und Gemeinschaft spürbar ist.
Ein Kommentar von Hellmut Litzelmann / 11.08.2009
Zunächst einmal danke ich Ihnen dafür, dass ich als Nicht-Profi-Theologe hier antworten darf.
Deshalb kann ich auf Ihre Frage, wie Ihre Kollegen (immer auch -innen!) das Thema erleben, zwar nicht eingehen.
Ich nehme aber wahr, dass Burnout nicht nur im kirchlichen Bereich an Relevanz gewinnt, da auch, aber eben nicht nur.
In anderen Lebens- und Arbeitsfeldern trifft man auf ähnliche Verhaltensweisen seitens der Vorgesetzten: unverständliche Reaktionen, Unsicherheit, schlicht: wer nicht selbst betroffen ist, tappt im Dunkeln, wie er sich ausgebrannten Mitarbeitern (m/w) gegenüber verhalten soll.
Wenig hilfreiche Reaktionen sollen damit nicht gut geheißen werden. Es zeigt sich nur, dass kirchliche Vorgesetzte da nicht anders überfordert sind als Personalmitarbeiter in nicht-kirchlichen Bereichen auch.
Pfarrer zu entlasten von delegierbaren Aufgaben ist das eine, aber nicht genug. Präventiv könnte sich vielleicht auch positiv auswirken, wenn genesene Betroffene beratend tätig werden könnten, etwa bei Personalreferenten.